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Foto: Bodara

Strassenverkäufer*innnen
«Ich habe oft geweint»

Yordonas Mahari, 38, verkauft Surprise in Rüschlikon, Hüntwangen-Wil und Winterthur Seen und möchte gerne eine Ausbildung zur Pflegerin machen.

«Ich heisse Yordonas Mahari und stamme aus Eritrea. Wie viele meiner Landsleute schaue ich auf ein bewegtes Leben zurück. Aufgewachsen bin ich in dem kleinen Bauerndorf Adi Tsaedi. Im Alter von 16 Jahren wurde ich verheiratet, wie das bei uns Tradition ist. Meinen Mann habe ich am Tag der Hochzeit das erste Mal gesehen. Auch danach konnten wir uns kaum kennenlernen. Vier Monate nach unserer Hochzeit musste er ins Militär und kam zwei Jahre nicht wieder zurück. Ich lebte bei seinen Eltern, war oft allein und unglücklich. Ich vermisste meine Eltern, meine Brüder und Schwestern sehr. Wie oft habe ich einfach nur geweint.

Mein Mann zog sich im Militär eine Beinverletzung zu. Dies hat ihm das Leben als Bauer sehr schwer gemacht, aber in seinem Dorf gab es keine andere Arbeit. In den Zeiten, in denen er nicht im Militär war, gab er sein Bestes, um uns zu ernähren. Eines Tages kam er mit schweren Schmerzen nachhause. Wir brachten ihn ins Spital, aber man konnte nichts mehr für ihn tun. Vermutlich starb er an einer Pestizid-Vergiftung. Zuvor hatte ich bereits meine zweijährige Tochter verloren; sie starb an der Grippe.

Zusammen mit meinem Sohn zog ich in die Stadt, um selbst eine Arbeit zu finden. Mit unseren bescheidenen Ersparnissen besuchte ich einen Nähkurs und kaufte mir einen Webstuhl. Diese Arbeit machte mir grosse Freude. Ich stellte traditionelle Kleider her, in allen Farben und für alle Arten von Festen – schöne Kleider für Hochzeiten oder die Kirche. Mein Geschäft lief sehr gut, doch irgendwann begannen sich durch die ständige Bewegung meines Fusses die Narben meiner Beschneidung zu entzünden. Die Infektion wurde so schlimm, dass ich regelmässig ins Spital musste und mein Geschäft nicht mehr betreiben konnte. Eine andere Arbeit fand ich nicht und als ich meine Spitalkosten nicht mehr bezahlen konnte, dachte ich: Du musst von hier weg!

Also flüchtete ich in den Sudan und von dort durch die Sahara nach Libyen. Wir waren zehn Tage unterwegs, am Anfang 147 Personen in einem kleinen Lastwagen. Auf der Fahrt starben immer wieder Leute, die keine Verpflegung oder nicht genügend Wasser dabeihatten. Als ich in Libyen ankam, dachte ich, dass ich das Schlimmste hinter mir habe. Ich rief erleichtert meinen Bruder an, der bereits in der Schweiz lebte, und erzählte ihm, dass ich in den nächsten Tagen übers Mittelmeer nach Europa kommen werde. Da begann er zu weinen und sagte: «Yordonas, das ist viel zu gefährlich für dich und deinen Sohn!» Rückblickend weiss ich, dass ich grosses Glück hatte. Unserem Boot ging nach drei Stunden Fahrt das Benzin aus. Wir trieben einen Tag lang auf dem offenen Meer. Nach einigem Hin und Herfunken kam uns ein deutsches Schiff zu Hilfe und brachte uns nach Italien. Ein anderer Bruder von mir, der etwas später über die gleiche Route nach Europa kommen wollte, hatte kein Glück. Er ertrank auf der Flucht.

Nun bin ich seit sechs Jahren in der Schweiz. Hier konnte ich mich endlich operieren lassen. Jetzt habe ich fast keine Schmerzen mehr. Ich bin froh, dass ich in einem sicheren Land leben kann. Doch leider gibt es in der Schweiz mein Handwerk nicht mehr. Ich hätte gerne auch hier schöne Kleider hergestellt. Seit vier Jahren verkaufe ich Surprise und besuche regelmässig Deutschkurse. Die Arbeit als Surprise-Verkäuferin gefällt mir, obwohl ich lieber eine feste Anstellung hätte. Die Leute sind meistens sehr nett. Einige nehmen sich sogar Zeit, um mit mir Deutsch zu üben. Manche sind aber auch unfreundlich und finden, ich soll doch eine «richtige» Arbeit suchen. Dann denke ich immer: Das würde ich doch so gerne! Aber ich sage meistens nichts. Meine Sozialberaterin meinte, dass ich ab einem Deutschniveau von B1 eine Ausbildung zur Pflegerin machen könnte. Das ist nun mein grosses Ziel.»