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Moumouni ...
... hat keine Zeit

Fatima Moumouni glaubt, Stress sei ungesund. Wen es interessiert, bitte selbst nachschlagen, die Deadline (zu deutsch: TODESLINIE) erlaubte es nicht, das für diesen Text noch schnell zu tun.

Jetzt ist Sommer und ich möchte in diesem Text dazu aufrufen, mehr zu chillen! Denn der Sommer in diesem kalten und arbeitsamen Land ist so kurz, dass es wichtig ist, mal zu chillen.

Wenn es denn geht! Mir ist bewusst, dass viele Menschen nicht in der Situation sind, sich eine Auszeit nehmen zu können. Weil sie kranke Familienmitglieder haben, die sie pflegen, weil sie alleinerziehend sind, weil sie zwischen ungesichertem Aufenthalt und prekärer finanzieller Situation dem ausbeuterischen Arbeitsmarkt derart ausgeliefert sind, dass sie es sich nicht aussuchen können, ob und wie viel sie arbeiten. Oder weil sie während dieser oder einer anderen Krise ihre Existenz verloren haben, und und und. Mir scheint aber, als würden sich in der Schweiz einige Leute eher sehr selten eine Auszeit nehmen, weil sie darauf getrimmt sind, immer und immer zu arbeiten und das mehr, als gesund ist, mehr, als ihren Kindern gut tut und mehr, als sie eigentlich zum Leben bräuchten. Vielleicht ist es die Angst vor dem Alter. Oder sagen wir: vor der Pension. Klar, in einer Gesellschaft, in der sich die Jungen oft nicht um ihre Alten kümmern, muss natürlich irgendwie sichergestellt werden, dass man genug Geld hat, um später die Freizeitaktivitäten, für die man vorher keine Zeit hatte, zu zahlen und dann noch später die Gebühren fürs Altersheim, denn das wird teuer.

Die Schweizer Fixierung auf die AHV macht mich misstrauisch. Weil ich Angst habe, selbst in das Hamsterrad eines Lebens für die Altersvorsorge zu rutschen. Ich komme nicht umhin, das im weltweiten Vergleich der über ein Leben verteilten Geldsorgen dekadent zu finden. Ich finde es dekadent, so mit seiner Lebenszeit umzugehen. Mein Grossvater sagt, wenn wir einen Kaffee trinken gehen: So, jetzt brauchen wir sieben Minuten für den Kaffee, zwei Minuten zahlen, in zehn Minuten geht es weiter. Er hat jahrelang auf dem Bau gearbeitet. Im Akkord, also Entlohnung nicht nach Zeitstunden, sondern nach geleisteter Arbeitsmenge. Batsch batsch, Mörtel, Spachtel, Ziegelstein, batsch, batsch. Die Akkordarbeit verfolgt ihn noch bis heute, denke ich mir manchmal, wenn wir nur deshalb nicht mehr durch die Stadt rennen, weil er heute arthrosebedingt kaum noch laufen kann.

Ich bin mal als Jugendliche aus dem Haus gerannt, um ein Tram zu erwischen, und meine Mama rief mir hinterher: «Nimm dir Zeit und nicht das Leben» – ein Spruch, den schon ihre Grossmutter ihr hinterhergerufen hatte. Ich rannte raus, da stand das Tram an der Haltestelle, eine Strassenüberquerung entfernt, doch die Ampel war rot. Ich rannte über die Strasse, um das Tram noch zu erwischen, und dabei plötzlich um mein Leben, denn die Autos fuhren gleichzeitig an. Ich musste am letzten Strassenabschnitt ziemlich weit springen, damit ich nicht von einer Stossstange erfasst wurde, ich spürte sogar ein bisschen Autohaube an meinem Fuss. Zum Glück kann ich fliegen, sonst wäre ich vielleicht gestorben. Es wäre wirklich ein aussergewöhnlich absurder Zufall gewesen, genau dann an zu wenig Zeit zu sterben, wenn Mama extra noch sagt, dass ich das doch bitte nicht tun solle.

Aber auch sonst glaube ich, dass es Sinn macht, danach zu streben, sich die Zeit fürs und nicht vom Leben zu nehmen. Also los jetzt: Chill!