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Strassenverkäufer*innen
«Plötzlich war nichts mehr wie vorher»

Mulue Kidane, 37, lebte glücklich in Tel Aviv, als ein schlimmes Ereignis ihn zwang, mit seiner Familie in die Schweiz zu flüchten. Jetzt will er schnell wieder Fuss fassen.

«Als junger Student mit eigener Meinung bin ich in meinem Heimatland Eritrea im Gefängnis gelandet. Ich wusste, wenn ich ein Leben in Freiheit führen will, muss ich mein Land verlassen. Ich war 19 Jahre alt, als ich in den Sudan flüchtete und einige Monate später weiter nach Äthiopien. Das war ein Fehler, denn dort wurde ich in einem abgelegenen Flüchtlingslager fast vier Jahre lang festgehalten. Nach einer gefährlichen Flucht durch die Wüste auf der Sinai-Halbinsel, die drei Wochen dauerte, erreichte ich 2008 Israel.

Die ersten Jahre liefen gut. Ich fand bereits wenige Wochen nach der Ankunft Arbeit. Das war so leicht in Israel. Du gehst hin, fragst und kannst gleich anfangen, auch ohne Ausbildung oder Sprachkenntnisse. Hebräisch habe ich sehr schnell gelernt, weil es wie meine Muttersprache Tigrinya eine semitische Sprache ist. Ich hatte unterschiedliche Jobs, vom Coiffeur über Küchenhilfe bis zum Verkäufer. Mehr als zwei Jahre habe ich für eine Supermarktkette einen Spirituosenladen geführt.

Ebenfalls kurz nach meiner Ankunft in Israel habe ich meine Frau Jordanos kennengelernt, sie stammt wie ich aus Eritrea. Mit unseren beiden Töchtern, die 2011 und 2012 zur Welt kamen, wohnten wir in Tel Aviv. Viele unserer Landsleute leben in dieser Stadt, es hat dort auch eine eritreisch-orthodoxe Kirche, die wir regelmässig besuchten.

Wir führten ein glückliches Leben, bis Anfang 2014 ein rassistischer und offensichtlich geisteskranker Israeli im grossen Busbahnhof von Tel Aviv aus dem Nichts heraus mehrere Male mit einer Schere auf unsere eineinhalbjährige Tochter einstach. Meine Frau war damals mit den Mädchen unterwegs zu einer Verwandten. Kurz nach der Tat wurde der Mann gefasst. Er sagte aus, er habe von Gott den Befehl bekommen, ein schwarzes Baby zu töten. Unsere kleine Tochter wurde mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Spital gebracht, sie lag zwei Monate im Koma und wurde dreimal operiert. Bis heute, sie ist jetzt neunjährig, hinkt sie und muss Spezialschuhe tragen.

Dieser Vorfall hat die ganze Familie traumatisiert. Plötzlich war nichts mehr wie vorher. Wir lebten in ständiger Angst und wollten nur noch weg. Zurück nach Eritrea konnten wir aus politischen Gründen nicht. Und so wandten wir uns an die Schweizer Botschaft in Tel Aviv und baten um Asyl. Die Behörden reagierten sehr schnell; bereits nach einer Woche erhielten wir Bescheid und konnten wenig später in ein Flugzeug nach Zürich steigen. Wir waren sehr erleichtert und dankbar, dass wir die Chance bekamen, in der Schweiz ein neues Leben anzufangen. Für mich war die erste Zeit jedoch sehr schwierig. Ich dachte, meine Frau und ich würden wie in Israel gleich wieder Arbeit finden und unseren Lebensunterhalt selbst verdienen können. Doch während des Asylverfahrens war es uns in den ersten zwei Jahren nicht erlaubt zu arbeiten. Nur herumsitzen und warten, das war für mich wirklich schlimm.

Die Situation änderte sich, als ich mit der Aufenthaltsbewilligung F arbeiten durfte. Eine Stelle zu finden war aber nicht einfach, weil es bei den Arbeitgebern oft heisst, sie stellen nur Leute mit einer B-Bewilligung ein – diese bekommt man in der Regel aber nur, wenn man selbst für die Familie sorgen kann. Wie sollte ich also von der Sozialhilfe wegkommen, wenn ich mit der F-Bewilligung kaum Arbeit finde? Ich hatte Glück und fand trotzdem Jobs, unter anderem als Lieferwagenchauffeur oder befristet im Postverteilzentrum Egerkingen.

Im Moment bin ich wieder auf Arbeitssuche und verkaufe vorübergehend Surprise am Bubenbergplatz, wo meine Frau bereits seit Januar ebenfalls Hefte verkauft. Ich hoffe, dass wir so schnell wie möglich finanziell unabhängig werden und für unsere mittlerweile fünfköpfige Familie – wir haben vor zwei Jahren noch eine Tochter bekommen – selbst sorgen können und somit in der Schweiz bleiben dürfen.»