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Tour de Suisse
Pörtner in Pfäffikon SZ

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Das Aufhängen von Fahnen an Balkonen und Fenstern hat sich allgemein durch­ gesetzt. In dieser Gegend dominieren die «Hopp Schwyz»­Fahnen, nur im Unter­ stand beim Bahnhof steht ein Velo, das mit einer für die Trinkwasserinitiative ausgestattet ist.

Eine Gruppe Jugendlicher fährt auf ihren Velos vorbei, französische Lieder klingen aus einem nicht sichtbaren Laut­sprecher. Von der anderen Seite dringt basslastige Musik aus den offenen Fens­ tern eines Maserati. Die Autos, die um den Bahnhof kurven, lassen sich in zwei Kategorien einteilen: praktisch und protzig. Hier trifft das Ländliche auf das Steuergünstige. Auf der Infotafel steht der Name der Gemeinde Freienbach, zu der Pfäffikon gehört. Freienbach wurde zum Synonym für die Landgemeinden, in die ein Teil der Zürcher Finanzelite ihren Wohnsitz verlegte, um Steuern zu sparen. Das Modell hat sich in der ganzen Region durchgesetzt. Auf dem Weg nach Pfäffikon fährt man an Wiesen, Feldern und Bauernhäusern vor­bei, wähnt sich weitab vom Trubel und findet sich mit einem Mal in Einfamilien­haus­, Eigentumswohnungs­ und Villenvierteln wieder. Riesige Baustellen zeugen vom ungebrochenen Boom.

Der Bahnhof Pfäffikon ist der Hub dieser Gegend, es halten Züge und Busse, Postautos und S­-Bahnen. Passagiere werden mit dem Auto gebracht oder ab­geholt. Es sind Autonummern im tiefen zweistelligen Bereich zu sehen. Die Taxi­-Stellplätze sind bis auf einen leer. Die Zentrale befindet sich gleich nebenan, sie teilt das Gebäude mit einer Fahrschule, einer Personalagentur und einer Praxis für Chinesische Medizin. Eine Frau um die vierzig wird zur Fahr­stunde abgeholt. Ein Mann parkiert seine Limousine auf dem Taxifeld, offen­bar darf er das, er winkt dem Postauto­chauffeur und setzt sich zu zwei Kollegen auf die Terrasse. Ein Polizist schlendert in einer leuchtgelben Signaljacke über den Platz, trifft einen Mann, der die orange Leuchtweste der Gemeinde trägt, und schliesslich noch einen jungen Mann mit gelber Weste. Sie beraten sich lange vor einer leicht schiefen Verkehrstafel.

Die Jugend trotzt rauchenderweise der bahnhöflichen Maskenpflicht. Zahlreiche Wander­ und Velowege sind ausgeschil­dert, Mountainbiker, Tourenfahrerinnen mit Satteltaschen im Partnerlook und Rennvelofahrer beginnen oder beenden ihre Ausfahrt. Auch ein Bienenlehrpfad ist ausgeschildert, gleich dahinter wirbt eine einheimische Glace­-Marke mit dem Slogan «Save the Bees».

Das Kulturzentrum, nach einem hier gegründeten Textilunternehmen benannt, das einst überall im Land Filialen hatte und irgendwann den Launen des Mode­betriebs zum Opfer fiel, wirbt für eine verlängerte Ausstellung zum Thema Er­nährung. Daneben verkauft ein drei­rädriges Vehikel Bratwüste und Getränke. Die Mittagszeit ist vorbei, es bleibt Zeit für einen lebhaften Schwatz auf Spanisch.

«Lust auf Neues. Jetzt als Auto.» Zwei El­lipsen und das Bild eines giftgrünen, unförmigen Wagens, der wahrscheinlich nicht zwei Generationen später bei jungen Individualist*innen als ikonisches Fahrzeug gelten wird. Ein Güterzug mit Tankwagen fährt langsam und schep­pernd durch den Bahnhof. Eine Fahr­schülerin biegt vorsichtig um die Ecke.