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Schulden-Serie 3: Wohlstand dank Schulden
Schuldig durch Schulden

Wer Schulden hat, ist selbst daran schuld, heisst es immer wieder. Dabei gibt es Schulden, die offenbar ganz okay sind oder gar erwünscht. Gedanken über unseren ambivalenten Umgang mit einem heiklen Thema.

Menschen, die in der Schuldenfalle gelandet sind, müssen sich nicht selten anhören, sie seien selbst schuld an ihrer Misere. Oft genug sind es aber strukturelle Fehler im System, die jemanden beispielsweise nach einer Trennung oder dem Jobverlust, einem Todesfall oder der plötzlichen Alleinverantwortung als junge Erwachsene in Zahlungsschwierigkeiten geraten lassen. Wie Samuel Berger, dessen Geschichte wir im Surprise 502 erzählt haben, bei dem ein gesundheitliches Leiden von der IV zunächst nicht anerkannt wurde, aber zu Arbeitsunfähigkeit führte. Die Kosten für eine Umschulung und ein Umzug an einen neuen Arbeitsort lenkten ihn in eine Schuldenspirale, die ihn noch kränker machte und aus der er nur mit Mühe und Hilfe wieder herausfand.

Gleichzeitig gibt es auch Schulden, die wir gesellschaftlich als wünschenswert und normal ansehen – wie der Hauskauf auf Kredit oder das Leasen eines Autos. Unsere Wirtschaft und damit unser Wohlstand basiert auf Konsum und Wachstum. Auch Staaten machen Schulden, und ähnlich wie bei individuellen Schulden gibt es auch da unproblematische und problematische Fälle – allerdings sind sich die Wirtschaftswissenschaftler*innen uneins, was die Analyse angeht. Muss man Staatsschulden nun abtragen oder kann man sie auch stehenlassen? Ab wann wird es problematisch? Und was bedeutet dies für die Politik: Welche Entscheidungen basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, und ab wann bewegen wir uns im Bereich ideologischer Entscheide?

Es ist nicht einfach zu entscheiden, wann Schuldenmachen in Ordnung ist, wer welche machen darf (und aus wirtschaftlicher Perspektive sogar soll) und wer im Gegenzug dafür verurteilt wird. Dieser ambivalente Umgang mit Schulden begegnet einem im Grossen und im Kleinen, oft bekommt das Thema einen moralischen Unterton. So war beispielsweise in Bezug auf die griechische Staatsschuldenkrise von «Zahlungsmoral», «Schuldensündern» und «Entschuldung» sowie «Spardiktaten» die Rede, immer wieder werden «Schuldige» in Krisen gesucht. «Im Deutschen suggeriert bereits der Begriff Schuld, die Betroffenen seien selbst verantwortlich oder eben schuldig», sagt Joanna Herzig von der Schuldenpräventionsstelle der Stadt Zürich. Wie kommt es zu dieser engen Verflechtung von Schuld und Schulden, liegt es an der Nähe der Begriffe oder haben diese beiden tatsächlich in der Sache miteinander zu tun?

Schuld und Scham

Über die Genealogie der beiden Worte sei sich die anthropologische Forschung uneins, schreibt die Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel in einem Essay von 2014. Allerdings findet man schon früh in der Menschheitsgeschichte Traditionen, die in der Forschung als «Ökonomisierung von Schuld» bezeichnet werden: beispielsweise das Blutgeld, das in manchen Gemeinschaften gezahlt wird oder wurde, um die Ermordung eines Familienmitgliedes zu entschädigen, oder auch der Brautpreis, durch den die Familie der Braut für die Herausgabe eines reproduktionsfähigen Familienmitgliedes entschädigt wird. Natürlich sind sich bei solchen Traditionen alle Beteiligten darüber im Klaren, dass der eigentliche Wert des verlorenen Familienmitglieds nicht messbar ist und mit Geld nicht aufgewogen werden kann.

Heutzutage wird in den westlichen Kulturen der Ausdruck «Schuld» gleichgesetzt mit «persönlicher (moralischer oder rechtlicher) Vorwerfbarkeit». Dabei hat sich der Fokus von der Entschädigung der Opfer zur Bestrafung der Täter verschoben. Dieses Verständnis prägt auch unser Strafrecht, das «nicht die Wiedergutmachung von Verletzungen und Schädigungen für die Opfer regelt, sondern schuldhafte Verstösse gegen die Rechtsordnung bestraft», schreibt die deutsche Philosophin Maria-Sibylla Lotter in ihrem Essay «Verantwortung und Schuld». Und doch fühlen wir uns nicht nur in Zusammenhängen schuldig, für die wir direkt selbst etwas können, sondern auch in solchen, in denen wir uns befinden, die aber gesellschaftlich unerwünscht sind wie Arbeitslosigkeit oder eben Überschuldung. Hier liegen Scham und Schuld eng beieinander. Lotter beschreibt, wie unser modernes Verständnis von Schuld im Sinne der Vorwerfbarkeit längst nicht ausreicht, um zu erklären, warum beispielsweise die nachfolgenden Generationen in Deutschland sich noch schuldig an den Verbrechen der Nazis fühlen, obwohl sie diese selbst weder hätten verhindern können noch daran mitgewirkt haben. Sie erklärt dies mit einem Blick in die Geschichte, wo allein das Dasein des Menschen in der Welt schon eine Form von Schuld bedeutete, die man durch bestimmte Verhaltensweisen versuchen konnte abzutragen.

Auch Weigel bezieht sich in ihren Untersuchungen zum Zusammenhang von Geld und Gedächtnis vor allem auf die Nachgeschichte des Zweiten Weltkriegs: «Die Formel ‹Schuld und Schulden› ist inzwischen zu einem Topos der historischen Forschung zur Wiedergutmachung geworden ... und in die öffentliche Debatte eingedrungen». Die Aufspaltung von moralischer und finanzieller Schuld sei ein Produkt der Moderne. Dabei folge das System von Schulden, Kredit und Zins der Logik der Schuld im Sinne einer Zahlungsverpflichtung, wie wir sie vom Blutoder Brautgeld kennen. Die moralische Schuld hingegen werde beim demjenigen verortet, der Schulden mache, während die Perspektive des Geschädigten ausfalle.

Weigel erklärt am Beispiel der Debatte über die Schuld der Deutschen, wie diese nach 1945 vor allem im Diskurs von Schulden, Bilanz und Bezahlen geführt wurde. «Phänomene wie Schuld und Leid, Opfer und Verbrechen wurden dabei im Medium einer Rhetorik des Vergleichs und der Gegenrechnung in messund quantifizierbare Grössen umgeformt.» Weigel nennt dies die «Monetarisierung von Schuld», nicht unähnlich der obengenannten «Ökonomisierung von Schuld». Auch hier geht es darum, eigentlich Unquantifizierbares in finanzielle Beträge umzurechnen. Über die sogenannten Wiedergutmachungszahlungen habe man die nicht-messbaren Grössen (Kriegs-)Schuld und Leiden in finanzielle Schulden umgeformt und damit nicht nur die Auseinandersetzung mit dem vermieden, was nicht wiedergutzumachen ist, sondern auch auf die Perspektive eines Schlussstriches, einer Bilanz gehofft.

 

Schuld und Unterdrückung

Weigel erklärt, wie sich die Verbindung von Schuld und Schulden auch im internationalen Rechtsverständnis und den dort verwendeten Begriffen niederschlägt. Während im rechtlichen Bereich von «Restitution» gesprochen wird, was eine Wiederherstellung des Zustandes vor/ohne den Schaden meint, spricht man im internationalen Zusammenhang häufig von «Reparationszahlungen». Diese stellen einen finanziellen Ausgleich für nicht revidierbare Schäden in Aussicht. «Wiedergutmachung» hingegen beinhaltet schon als Begriff eine moralische Komponente. «Die Rhetorik der Wiedergutmachung macht deutlich, wie sehr der Politik der Entschädigung der Wunsch nach Entschuldung zugrunde liegt.»

Der Anthropologe David Graeber behandelt in seinem umfangreichen Werk «Schulden – die ersten 5000 Jahre» einen anderen Aspekt der unguten Verknüpfung von Schuld und Schulden. Der inzwischen verstorbene Vordenker der Occupy-Bewegung betrachtet Schulden als weltumspannenden Unterdrückungsmechanismus zwischen Besitzenden und Armen, die sich in einem Verhältnis von Gläubiger*innen und Schuldner*innen befinden. Bei Graeber steht nicht wie bei Weigel die Transformation von Schuld in Schulden im Mittelpunkt, sondern das Gegenteil: Schulden werden hier in Schuld umgewandelt: «Eine Schuld ist die Verpflichtung, eine bestimmte Geldsumme zu zahlen. Folglich lässt sich eine Schuld anders als jede andere Form der Verpflichtung genau quantifizieren. Dadurch werden Schulden einfach, kalt und unpersönlich – und das macht sie wiederum übertragbar.»

Graeber kritisiert, dass Menschen über das Kreditwesen in Abhängigkeit gehalten und unterdrückt werden, ohne dass dies als moralisch verwerflich bewertet wird. Entscheidend ist dafür die Fähigkeit des Geldes, «Moral in eine Sache unpersönlicher Arithmetik verwandeln – und dabei Dinge zu rechtfertigen, die ansonsten empörend oder obszön erscheinen würden». Gläubiger*innen haben durch das System der Kreditvergabe und die damit verbundenen Zahlungsverpflichtungen das Recht, (tatsächliche oder indirekte) Gewalt gegenüber Schuldnern anzuwenden (siehe Surprise #500). Graeber führt zahlreiche Beispiele an, wie Menschen seit Jahrtausenden durch das System der Kreditvergabe und die folgenden Schuldenspiralen in die Armut bis hin zur Sklaverei getrieben wurden. Um Rebellionen zu verhindern, habe es in vielen Gesellschaften regelmässige Schuldenschnitte gegeben – wie das sogenannte Sabbatjahr in der Bibel oder auch das in der Schweiz noch nicht eingeführte Restschuldbefreiungsverfahren. So schreibt Graeber denn auch: «Ein Ablassjahr nach biblischem Vorbild ist überfällig, für Staatsschulden wie für Konsumschulden. Ein genereller Schuldenerlass wäre nicht nur heilsam, weil er menschliches Leid lindern könnte. Er riefe uns auch in Erinnerung, dass Geld nichts Geheimnisvoll-Unvergleichliches ist und dass das Begleichen von Schulden nicht das Wesen der Sittlichkeit ausmacht.


Eine Frage nach Huhn oder Ei

In einer bekannten Passage von Friedrich Nietzsches «Genealogie der Moral» (1887) heisst es, Schuld sei aus Schulden entstanden. Etymologisch ist dies im Deutschen jedoch so nicht nachweisbar. Während der Begriff «Schuld» sich laut Grimms Deutschem Wörterbuch vom germanischen Verb «skulan» herleitet – im Sinne von «sollen, schulden, in Schuld geraten» –, ist das Substantiv «Schulden» im Plural erst im Neuhochdeutschen belegt. Sprachhistorisch geht die Schuld offenbar den Schulden voraus. Nun kann aber ein linguistischer Hinweis für das Deutsche und verwandte Sprachen nicht als Nachweis einer kulturgeschichtlichen Entstehungsgeschichte, ohnt sich aber zusätzlich zu betrachten.