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Schulden-Serie 2: Rechnungen, die krank machen
Auftakt zum Teil 2 der Schulden-Serie

In der Schweiz gibt es immer mehr Arme – auch weil es immer mehr Schulden gibt. Wir wollen wissen, was das

mit den Leuten macht, wer davon profitiert und was sich ändern lässt.

Wer arm ist, hat meist Schulden, und wer Schulden hat, rutscht oft in die Armut ab – und wird nicht selten davon krank. Kein Wunder, denn der Druck von Schulden ist gross und wächst rasant an: am laufenden Band flattern Rechnungen ins Haus, es türmen sich Mahnungen, irgendwann steht das Betreibungsamt vor der Tür – meist früher denn später.

Wann immer der Zusammenhang zwischen Verschuldung und Erkrankung erforscht wird, ist die Datenlage ziemlich klar: Schulden verursachen Leiden. Meist nagen sie an der Psyche der Betroffenen, sie führen zu mangelndem Selbstwertgefühl oder lösen Panikattacken und Depressionen aus. Dazu kommt die Scham, es in einer Leistungsgesellschaft, in der anscheinend alle mühelos alles erreichen, nicht geschafft, sondern versagt zu haben. Aber auch über körperliche Gebrechen wie Rücken- oder Nackenschmerzen klagen Verschuldete. Schulden greifen die Menschen an, drücken sie nieder.

Manchmal lässt sich die Schuldenspirale durchbrechen, die Betroffenen haben Glück und geraten an Menschen, die ihnen zur Seite stehen und sie beraten können: Schuldenprofis im besten Sinn. Zu oft sind aber Scharlatane am Werk, raffgierige Unternehmen, die sich schamlos an den Verschuldeten bereichern. Wir haben in Teil 1 unserer Schulden-Serie (Ausgabe 500) ausführlich über sie berichtet: über die entfesselte Inkassobranche, über private Schuldensanierer, Betreibungsämter und – überraschend vielleicht – die Krankenkassen.

Was tun?

Joanna Herzig hat die gesundheitlichen Auswirkungen von Überschuldung erforscht. Sie möchte an den Rädern des Systems schrauben: mehr Hürden für die Kreditvergabe, erschwerter Zugang zu Kreditkarten speziell für Jugendliche, Verbilligung der Krankenkassenprämien. Man kann von solchen Ansätzen halten, was man will – für manche werden sie zu bevormundend sein, für andere zu wenig an die Eigenverantwortung der Einzelnen appellieren. Aber sie stellen völlig zu Recht infrage, was in weiten Teilen unserer Gesellschaft noch immer für selbstverständlich gehalten wird: dass selber schuld ist, wer Schulden hat.

Wäre dem so, hiesse das im Umkehrschluss: Die meisten Verschuldeten bezahlen ihre Rechnungen absichtlich nicht, sie versprechen sich daraus einen Vorteil, wollen schmarotzen. Doch dagegen sprechen alle bisher verfügbaren Daten. Im Übrigen würde eine solche Sicht unsere Gesellschaft aus der Verantwortung nehmen – und damit auch die Frage ausser Acht lassen, ob wir uns, als Gesellschaft, am Ende nicht Schulden ganz bewusst leisten wollen, mehr noch: ob sich unser eigener Wohlstand letztlich gar den Schulden anderer verdankt. Mehr davon schon in Teil 3 unserer grossen Recherche über Armut und Schulden.