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Joanna Herzig: Projektleiterin bei der Schuldenpräventionsstelle der Stadt Zürich und hat einen Master in Erziehungswissenschaften und einen Master of Public Health.

Schulden-Serie 2: Rechnungen, die krank machen
«Überschuldeten Menschen geht es schlecht»

Zu überschuldeten Menschen in der Schweiz gibt es kaum Studien. Joanna Herzig hat erstmals untersucht, wie sich Überschuldung auf die Gesundheit auswirkt. Ihre Ergebnisse sind erschütternd.

Joanna Herzig, Sie haben für Ihre Masterarbeit überschuldete Personen zu ihrem Gesundheitszustand befragt. Wie stark leiden Betroffene unter ihrer Situation?

Joanna Herzig: Man kann klar sagen, dass es überschuldeten Menschen im Vergleich zur restlichen Bevölkerung gesundheitlich sehr schlecht geht. In der Studie habe ich Betroffene aus dem Kanton Zürich befragt, ich gehe jedoch davon aus, dass diese Aussagen auch schweizweit zutreffen.

Wie zeigt sich diese gesundheitliche Ungleichheit?

Besonders deutlich zeigt sich das bei der mentalen Gesundheit. 24 Prozent der Überschuldeten zeigen Symptome einer Depression schweren Grades, bei der Allgemeinbevölkerung sind das lediglich 2,3 Prozent. Zudem denken überschuldete Menschen immer wieder an Suizid. In unserer Studie gab knapp ein Drittel der Betroffenen an, in den letzten zwei Wochen an einzelnen Tagen über Suizid nachzudenken. Einsamkeit ist ebenfalls ein sehr grosses Thema. Knapp 75 Prozent gaben an, sich manchmal bis sehr häufig einsam zu fühlen.

Haben Betroffene auch ein grösseres Risiko von körperlichen Krankheiten?

Obwohl das nicht der Fokus meiner Masterarbeit war, haben wir die Betroffenen auch danach befragt. Der selbst wahrgenommene allgemeine Gesundheitszustand ist ebenfalls deutlich schlechter als jener der Allgemeingesellschaft. Aus der Forschung weiss man, dass der selbst wahrgenommene Gesundheitszustand oft stark mit dem tatsächlichen übereinstimmt. Er ist zudem ein guter Indikator für die Lebenserwartung. Die Studie zeigte auch, dass Betroffene mehr Rückenschmerzen und Nackenbeschwerden haben und häufig unter schwerwiegenden Schlafstörungen leiden.

Sind psychische Erkrankungen eher Ursache oder Folge von Überschuldung?

Knapp 90 Prozent der Befragten sagten, dass sie das Gefühl haben, ihr Gesundheitszustand werde stark oder teilweise durch die Schulden beeinflusst. Zu den genauen Kausalitäten können wir anhand unserer Zahlen aber keine Aussagen machen. Dazu bräuchte es Langzeitstudien.

Weshalb ist das Wohlergehen von überschuldeten Personen so schlecht?

Das kann ich nicht genau sagen. Unsere Studie zeigt, dass viele Betroffene wegen der Kosten zum Teil auf gesundheitliche Leistungen verzichten. Etwa auf Medikamente oder zahnärztliche Behandlungen. Zu den übrigen Faktoren können wir nur Annahmen treffen. Wer finanziell weniger Mittel hat oder überschuldet ist, kann weniger am sozialen Leben teilnehmen, das führt zu Einsamkeit. Hinzu kommen die Scham und die Perspektivenlosigkeit. Viele müssen ihre Schulden bis zum Lebensende abbezahlen. Man kann sich vorstellen, dass das alles sehr belastend ist.

Welche Rolle spielt die Höhe der Schulden?

Den Überschuldeten geht es psychisch schlecht, unabhängig davon, wie lange und wie hoch sie verschuldet sind. Erstaunlicherweise konnten wir weder einen Zusammenhang zwischen der Höhe und dem mentalen Gesundheitszustand der Überschuldeten noch zwischen der Dauer der Überschuldung und dem mentalen Gesundheitszustand feststellen. Offenbar ist der Fakt der Überschuldung ausschlaggebend. Die Daten zeigen aber, dass es jenen überschuldeten Menschen mental besser geht, die eine starke Kontrollüberzeugung haben. Die also das Gefühl haben, sie könnten das eigene Leben weitgehend selber beeinflussen. Eine starke Kontrollüberzeu- gung wirkt sich positiv auf die mentale Gesundheit der Überschuldeten aus.

Was schliessen Sie daraus?

Dass nicht die Höhe oder die Dauer der Schulden, sondern die Kontrollüberzeugung ausschlaggebend für das mentale Wohlbefinden der Überschuldeten ist. Daraus ergeben sich Handlungsmöglichkeiten für die Prävention und Beratung. Man sollte sich in Zukunft überlegen, wie man die Kontrollüberzeugung der Betroffenen stärken kann.

Die Perspektiven der Betroffenen sind ja meistens wirklich sehr beschränkt. Bräuchte es dafür nicht andere politische Rahmenbedingungen?

Es stimmt, in der Schweiz sind die Aussichten für viele Betroffene hoffnungslos. Wir kennen in der Schweiz kein Entschuldungsverfahren. Das wäre ein wichtiger Schritt, um den Menschen eine andere Perspektive aufzuzeigen. Ob und inwiefern sich das auf den Gesundheitszustand der Betroffenen auswirkt, müsste jedoch noch untersucht werden.

Sie erwähnten bereits die unbefriedigende Datenlage. Wird das Thema Überschuldung zu wenig erforscht?

In der Schweiz ist die Forschungslage sehr dünn. Es beginnt damit, dass grundlegende Zahlen zur Überschuldung fehlen. Wir wissen nicht genau, wie viele Menschen von Überschuldung betroffen sind. Es gibt international einige Querschnittstudien, die Zusammenhänge zwischen Überschuldung einerseits und Krankheit, Mortalität und Sucht andererseits aufzeigen. Zur Frage, wie genau Überschuldung krank macht, gibt es aber kaum Untersuchungen. Es wäre spannend, hier mehr zu erfahren.

Weshalb fehlt es an Forschung dazu?

Ich kann da nur mutmassen. Es ist nicht einfach, Betroffene zu erreichen. Im Deutschen suggeriert zudem bereits der Begriff «Schuld», die Betroffenen seien selbst verantwortlich oder eben schuldig. Ich denke, das ist eine weit verbreitete Ansicht, die unter anderem dazu beiträgt, dass das Thema wenig Beachtung findet. Dabei ist Überschuldung auch ein strukturelles Problem. Sie betrifft alle Altersklassen und Leute mit unterschiedlichsten soziodemografischen Hintergründen. Überschuldung kann in der Schweiz fast alle treffen.

Was ist für Sie die wichtigste Erkenntnis?

Wir konnten die Vermutung vieler Fachpersonen bestätigen, dass es überschuldeten Personen gesundheitlich sehr schlecht geht. Dabei sind die Unterschiede zwischen den Überschuldeten und der Gesamtbevölkerung massiv. Zudem konnten wir zeigen, dass es einen schützenden Faktor gibt. Nämlich die Kontrollüberzeugung, und das gibt uns Handlungsspielraum. Ich erhoffe mir zudem, dass die Thematik dank der Untersuchung mehr Aufmerksamkeit findet. Denn Schuldenprävention ist auch Gesundheitsförderung.

Was müsste die Politik tun, damit Überschuldete weniger unter ihrer Situation leiden?

Es bräuchte mehr Daten, das wäre der erste wichtige Schritt. Damit man sieht, wie viele Menschen von Überschuldung betroffen sind und ob es neben einer starken Kontrollüberzeugung noch weitere schützende Faktoren gibt. Zudem müsste es meiner Meinung nach ganz grundsätzlich schwieriger werden, Schulden zu machen. Zum Beispiel, indem man die Hürden für eine Kreditvergabe erhöht, jungen Erwachsenen den Zugang zu Kreditkarten erschwert, mehr Personen Prämienverbilligung erhalten und die Steuern direkt vom Lohn abgezogen werden. Hier gibt es viel Handlungsbedarf.