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Schulden-Serie 2: Rechnungen, die krank machen
Kommentar: Kein Pardon

Kommentar zum Teil 2 «Rechnungen, die krank machen» der Schulden-Serie.

Über uns allen hängt ein Damoklesschwert: Am Ende des Monats müssen wir die laufenden Rechnungen bezahlen. Ob der Lebenspartner plötzlich stirbt oder eine schwere Krankheit zuschlägt, die Rechnungen laufen weiter. Gläubiger*innen kennen in der Regel kein Pardon. Wer seiner Zahlungspflicht nicht fristgerecht nachkommt, wird bestraft. Schuldenberge in der Höhe von mehreren zehntausend Franken sammeln sich innerhalb von wenigen Monaten an. Sie wieder abzubezahlen, dafür reicht oft ein Leben nicht.

Der Kapitalismus fusst auf Schulden und Krediten. Diese halten das System am Laufen wie die Kohlen den Hochofen. Das funktioniert so lange, wie die grosse Mehrzahl der Schuldner*innen ihre Rechnungen pünktlich begleicht. Schulden sind die Sollbruchstelle des kapitalistischen Systems. Menschen mit Schulden sind einberechnet und werden zugleich konsequent sanktioniert. Ihnen droht die Maximalstrafe: der Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben. Somit ist jede Geschichte zur Überschuldung immer auch eine Mahnung an alle anderen: Verschuldet euch nicht, sonst droht euch dasselbe Schicksal! Ruhepausen vom Zahlungsdruck sind niemandem vergönnt.

Die Rechnung scheint einfach: Die Ausgaben dürfen die Einnahmen nicht übersteigen. Doch die Realität ist komplizierter. Wer in der Gesellschaft etwas gelten will, muss konsumieren können. Das suggeriert uns die Werbeindustrie seit über hundert Jahren. Geld ausgeben ist eine Tugend; auch in weniger privilegierten Gesellschaftsteilen haben Statussymbole einen hohen Wert. Das ist der Nährboden, auf dem existenzielle Verschuldung gedeiht. Krankheit oder Jobverlust sind Brandbeschleuniger auf dem Weg in die finanzielle und oft auch persönliche Katastrophe.

Schulden, so die verbreitete Darstellung, sind das Ergebnis individuellen Scheiterns. Die deutsche Sprache macht es den Menschen besonders schwer, die strukturelle Problematik hinter der Verschuldung zu erkennen. Schulden sind semantisch eng verwandt mit Schuld, von wo es zur Sünde nur noch ein kurzer Weg ist. Doch diese Verknüpfung ist ebenso falsch wie gefährlich. Überschuldung und die damit verbundenen Katastrophen sind an erster Stelle Ausdruck von gesellschaftlichen Verhältnissen und der Funktionsweise unseres Finanzsystems. Als Gesellschaft brauchen wir einen neuen Umgang mit der Überschuldung: Weg von Sanktion und Stigmatisierung, hin zu einer umfassenden Unterstützung und Entlastung der Betroffenen.