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Die Sozialzahl
Die Armutslücke droht grösser zu werden

Die Armutslücke ist in der sozialpolitischen Diskussion wenig präsent. Trotzdem ist sie eine zentrale Grösse für die Berechnung der Sozialhilfeausgaben. Die Armutslücke misst die Differenz zwischen der Armutsgrenze und dem verfügbaren Einkommen der armutsbetroffenen Haushalte. Wer kein Einkommen hat, weist eine grössere Armutslücke auf als Working-Poor-Haushalte, in denen Haushaltsmitglieder erwerbstätig sind. Das Bundesamt für Statistik gibt Auskunft über die mediane Armutslücke. Damit ist der mittlere Wert der Armutslücke gemeint. Die Hälfte der armutsbetroffenen Haushalte hat eine grössere, die andere Hälfte eine kleinere Armutslücke. Diese wird in Prozent der Armutsgrenze angegeben.

In den Jahren vor der Corona-Krise ist ein leicht sinkender Trend in der Grafik erkennbar. Bemerkenswert ist, dass sich die Armutslücke in Bezug auf die schweizerische Bevölkerung und die Migrationsbevölkerung kaum unterscheidet. Unterschiede finden sich hingegen zwischen den Kantonen. Diese ergeben sich zum einen aus dem unterschiedlichen Ausmass an regionaler Armut, zum anderen lassen sie sich aber auch mit den verschieden ausgestalteten Sozialtransfers, die der Sozialhilfe vorgelagert sind, in Verbindung bringen. In jenen Kantonen, in denen diese Sozialtransfers grosszügiger ausgerichtet werden – etwa die Prämienverbilligung zur Kranken- versicherung oder die Familien- und Kinderzulagen –, sind die Armutslücken kleiner.

Die jährlich schwankende Armutslücke spiegelt die Verschiebungen in der Armutsbevölkerung wider. So kann es sein, dass die Armutslücke kleiner wird, wenn ausgesteuerte oder langzeitarbeitslose Sozialhilfebeziehende dank einem guten wirtschaftlichen Verlauf doch noch eine Stelle finden – und zwar auch dann, wenn dieses Erwerbseinkommen für die Haushalte nicht ganz existenzsichernd ist.

Umgekehrt wächst die Armutslücke, wenn die Zahl der arbeitslos bleibenden Ausgesteuerten steigt und diese Sozialhilfe beanspruchen müssen. Das Gleiche gilt, wenn Working Poor ihr Pensum von einer Vollzeit- auf eine Teilzeitstelle reduzieren müssen.

Es ist zu befürchten, dass die Corona-Krise zu einer sich öffnenden Armutslücke führen wird. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist in der Arbeitslosenversicherung massiv angestiegen. Nicht alle von der Erwerbsersatzordnung unterstützten selbständig Erwerbstätigen werden in ihr angestammtes Business zurückkehren können. Vielen Angestellten in Tieflohnbranchen wie dem Gastgewerbe oder der Hotellerie droht eine Kürzung des Beschäftigungsgrads oder der Verlust ihrer Stelle.

All diese Faktoren können nicht nur die Zahl der sozialhilfebeziehenden Haushalte in die Höhe treiben, sondern auch die Höhe der Sozialhilfebeträge, die für diese Haushalte ausgegeben werden müssen. Damit zeichnet sich ab, dass die Kantone und Kommunen in den nächsten Jahren mehr Mittel für die Sozialhilfe bereitstellen müssen. Uns stehen wieder mühsame Budgetdebatten in den Parlamenten bevor.