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Verkäuferkolumne
Jöööö

URS HABEGGER, 66, verkauft Surprise in der Bahnhofs­ unterführung von Rapperswil. Die kleine Maus hat ihm gezeigt: Freude ist für die Menschen eine Quelle der Kraft.

Es ist ruhig in der Bahnhofsunterführung zu Rapperswil, dort, wo ich meine Surprise-Hefte verkaufe. Ich trällere ein Liedchen vor mich hin und stelle den Kragen meiner Jacke. Es zieht. Ein paar Papierfötzelchen und ein grauer Staubball lassen sich von der Zugluft treiben. Etwas ist seltsam: Der Staubball macht auch gar zu komische Kapriolen. Er rollt nicht einfach synchron mit dem Durchzug. Ein abrupter Stopp, dann liegt er für kurze Zeit bewegungslos an Ort und Stelle, rollt mal nach links, mal nach rechts, mal vor und mal zurück. Der Antrieb für sein Tun kann nicht die Zugluft sein. Ich will dem Rätsel auf den Grund gehen und nähere mich dem Staubball. Jööö! Das ist gar kein Staubball. Es ist eine Maus. Hat sich doch tatsächlich eine Maus in die Bahnhofsunterführung zu Rapperswil verirrt.

Es kommt ein Zug, dann der nächste. Für die Maus, so scheu wie sie ist, wird es brenzlig, denn nun kommt Betrieb auf. Viele Menschen strömen in die Unterführung. Die Maus macht sich so klein wie sie nur kann, duckt sich und schmiegt sich mäuschenstill ganz eng an die Wand. Doch es wird ihr zu viel, ihre Angst wird zu gross. Kopflos und panisch rennt sie los und sucht verzweifelt nach einem Versteck. Ihre Flucht bleibt nicht unbemerkt. Entzückte Gesichter, entzückte Rufe: Jööö, schau mal, eine Maus. Und wieder: Jööö, schau mal, eine Maus. Gross und Klein und Jung und Alt haben ihre helle Freude an dem kleinen Fellknäuel. Allenthalben: Jööö, schau mal, eine Maus. Die Maus hat keine Ahnung davon, dass sie zum Liebling der Menschen avanciert und dass ihr weiss Gott niemand auch nur ein Härchen ihres weichen Fells krümmen will. Am liebsten würde sie sich im Boden verkriechen, denn in der Bahnhofsunterführung zu Rapperswil gibt es kein Versteck, wo sie sichere Zuflucht finden könnte. So verkriecht sie sich in heller Angst und Panik, mit pochendem Herzen, begleitet von entzückten Blicken und Rufen, die ihr noch mehr Angst machen, fürs Erste notdürftig hinter einem Abfalleimer, um bei passender Gelegenheit schleunigst das Weite zu suchen.

Ja, wir Menschen erfreuen uns an den kleinen Dingen, nicht an den grossen.


  Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und Stephan Pörtner erarbeitet. Die Illustration zur Kolumne entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design und Kunst, Studienrichtung Illustration.