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Die Schweiz schreibt
Alle Sprachen sind Fremdsprachen

Die Autorengruppe «Bern ist überall» setzt sich für die Gleichwertigkeit aller Sprachen ein.

Sprache bedeutet Heimat und schafft Zugehörigkeit. Aber in Zeiten, in denen oft und gerne das Wir-Gefühl beschworen wird, dämmert einem langsam auch, wie viel politischer Zündstoff sich hinter der Haltung verbirgt, dass Sprache identitätsstiftend sei. «Der Wandel von dieser Annahme hin zur Überzeugung, dass die Muttersprache die einzig wahre ist und anderen sogar überlegen, vollzieht sich genau auf einem solchen Nährboden», sagt der Berner Autor und Musiker Adi Blum. Er war von Beginn an Mitglied des 2003 gegründeten Spoken-Word-Ensembles «Bern ist überall», dem auch Pedro Lenz oder Antoine Jaccoud – unter anderem bewährter Drehbuchautor der französisch-schweizerischen Filmregisseurin Ursula Meier – angehören.

Die Gruppe verbindet mündliche Literatur mit Musik und setzt bei ihren Bühnenprojekten auf Mehrsprachigkeit. «Die mehrsprachige Schweiz ist ein guter Ort, um laut auf der Bühne die Gleichwertigkeit aller Sprachen zu leben. Denken wir zum Beispiel nur an die immer wieder aufflammenden Diskussionen, ob in den Deutschschweizer Schulen überhaupt noch Französisch unterrichtet werden soll», so Blum. «Indem wir Mehrsprachigkeit ganz selbstverständlich auf die Bühne bringen und damit den Klang aller Sprachen würdigen, möchten wir darauf aufmerksam machen, wie sehr rund um die Sprache ausgetragene Machtkämpfe einem friedlichen Miteinander im Weg stehen», sagt Adi Blum und liefert auch gleich ein eindrückliches Beispiel, das die politische Dimension verdeutlicht: «Vorletztes Jahr unternahmen wir für das Projekt ‹Kosovë IS EVERYWHERE› eine Reise in den Balkan. Bei einem Auftritt im Kosovo wurde es den Kunstschaffenden nahegelegt, auf der Bühne kein Serbisch zu sprechen. Die Nachwehen des Krieges sind im alltäglichen Sprachgebrauch immer noch deutlich spürbar. Wenn man für Europa eine einzige Sprache bestimmen müsste, wäre wohl die Sprache der Übersetzung eine geeignete Wahl.» Und deshalb ist «Bern ist überall» so konsequent, in einem Manifest zu fordern: «Es gibt keine eigenen und fremden Sprachen. Alle Sprachen sind Fremdsprachen.»