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Raven Drake in einem der drei Zelte.

Corona weltweit
«Als hätten wir schon immer Corona gehabt»

In Zeiten von Corona merken wir alle unsere Hilflosigkeit und Verletzlichkeit. Dass diese Situation für Obdachlose und andere Menschen am Rand der Gesellschaft zur Normalität gehört, ist uns kaum bewusst. Impressionen aus den USA.

Es herrscht ein Ausnahmezustand in weiten Teilen der Welt. Die Corona-Pandemie versetzt viele Menschen in Angst, seit Wochen bestimmt das Virus die Politik, es beeinflusst die Wirtschaft, verändert unseren Alltag. Plötzlich sind wir uns bewusst, über welche Privilegien wir – normalerweise – verfügen: Wir können uns frei bewegen, können reisen, können jederzeit einen Arzt aufsuchen, es ist immer fliessend Wasser da, wir haben ein Dach über dem Kopf – und tausend andere Güter, von denen wir – normalerweise – vergessen, wie kostbar sie sind. 

Jetzt, da nichts mehr normal scheint, wird uns bewusst, wie verwundbar wir sind. «Corona kann uns alle treffen», ist einer der Sätze, die nun oft zu hören sind. Diese Einsicht lässt uns näher zusammenrücken, jedenfalls im Geiste; auch von Solidarität ist in diesen Tagen viel die Rede. 
 

So ist uns zwar bewusst, dass die Corona-Pandemie uns alle erfassen kann, aber wir bedenken dabei zu wenig, wie unterschiedlich diese Krankheit die Menschen trifft. Wer wie die Geflüchteten auf Lesbos, an der bosnisch-kroatischen Grenze, in Bangladesch, Kenia oder im Norden Ugandas auf engstem Raum mit Zehntausenden anderen leben muss, wird sich kaum schützen können; von Social Distancing jedenfalls kann nicht ernsthaft die Rede sein. Wer keinen Zugang zu frischem Wasser hat, kann seine Hände nicht reinigen, wer keinen Zugang zu Ärzten oder Spitälern hat, kann sich nicht pflegen lassen, und wer auf der Strasse lebt, kann schwerlich zuhause bleiben oder sich in Quarantäne begeben. Die Rede ist nicht von einigen tausend Menschen, die unter derlei Bedingungen leben, sondern von vielen Millionen.

«Die Corona-Pandemie wirft lediglich ein Licht auf ein Chaos, das schon lange besteht – und das niemand sehen will», sagt Raven Drake aus Portland (Oregon, USA). Seit Jahren verkauft der Obdachlose das Strassenmagazin Street Roots, jetzt hat er zusammen mit anderen Strassenverkäuferinnen und -verkäufern in einem Park eine Art Sanitätszelt eingerichtet. Raven, der in der Armee Sanitätshelfer war, ist überzeugt, dass nur unbürokratische, direkte Hilfe das Schlimmste wird abwenden könne. Pessimistisch sei er nicht, wohl aber realistisch: «Die meisten Obdachlosen sind krank oder geschwächt und damit für das Coronavirus besonders anfällig. Zudem wissen sie im Fall einer Ansteckung nicht, an wen sie sich wenden sollen.» 

 

Raven stellt jetzt ein Team von «Strassenmedizinern» zusammen. Das sind alles Freiwillige, die in der Lage sein müssen, den Obdachlosen eine medizinische Grundversorgung zu geben. Bisher fehlen allerdings die Ressourcen, Geld und Medikamente. Auch ist es für Raven nicht einfach, genügend Freiwillige zu finden. Viele seien bereits in einem Alter, in dem sie zur Risikogruppe gehören, andere hätten Vorbehalte, mit Obdachlosen in Kontakt zu kommen, sagt er.

Diese Erfahrung macht auch die Bowery Mission in New York. Sie bietet Obdachlosen und Armutsbetroffenen eine Unterkunft, Essen und medizinische Versorgung. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie Anfang März sei die Zahl der freiwilligen Helferinnen und Helfer massiv zurückgegangen. Wer kann, arbeitet von zuhause aus und meidet den Kontakt mit anderen – zumal mit Obdachlosen, die von vielen offenbar als hoch ansteckend wahrgenommen werden. «Wir werden behandelt, als seien wir schon immer infiziert gewesen», sagt der 66-jährige Cecil Barrow, der seit vielen Jahren in die Bowery Mission zum Essen kommt. Er weiss sehr wohl, dass das Virus nicht nur Obdachlose treffen kann, aber er sagt auch: «Die gesellschaftlich Ausgegrenzten und Schwächsten haben viel weniger Alternativen, wie sie mit dieser Krise umgehen können. Sie sind ganz besonders auf die Solidarität der anderen angewiesen.» 


Die Informationen zu diesem Artikel entstammt einem Beitrag, der auf der Website des International Network of Street Papers veröffentlicht wurde. 


Obdachlose in der Schweiz

Nach Angaben der Sozialwerke gibt es auf Schweizer Strassen immer mehr Menschen ohne festes Dach über dem Kopf. Verlässliche Zahlen für die ganze Schweiz liegen bisher nicht vor. Eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz von 2019 hat ergeben, dass allein in Basel rund 100 Menschen obdachlos sind und weitere 200 Personen wohnungslos, sie also in Notunterkünften, Heimen oder bei Bekannten übernachten. Die Gründe sind vielfältig: finanzielle Schwierigkeiten, Armut, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Sucht oder Beziehungsprobleme. Früher waren vor allem arbeitslose und drogensüchtige Menschen obdachlos, heute vermehrt auch Personen mit psychischen Problemen, Sans-Papiers oder Asylsuchende. Um staatliche Unterstützung in Form von Sozialhilfe, RAV oder IV in Anspruch zu nehmen, müssten sich die Betroffenen offiziell anmelden. Das allerdings passiert nicht immer – sei’s, weil die Betroffenen Repressionen befürchten oder weil sie ihre Eigenständigkeit so gut wie möglich bewahren möchten. Direkte Hilfe kommt – gerade auch in diesen Zeiten von Corona – insbesondere von Sozialwerken wie der Gassenarbeit, von kirchlichen Institutionen oder der Zivilgesellschaft.