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Die Sozialzahl
Alter in der Corona-Krise

Wie können die Ab­gänge der Babyboomer-­Generation in den Ruhestand ersetzt werden?

Das Risiko, am Coronavirus zu erkranken und zu sterben, ist für ältere Menschen deutlich höher als für jüngere. Bisher konnte ein massiver Anstieg der Sterblichkeit zum Glück ver­mieden werden. In diesen schwierigen Zeiten hat das Bun­desamt für Statistik beinahe unbemerkt neue Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung bis zum Jahr 2050 veröffentlicht. Es geht davon aus, dass die Corona-­Krise, bleibt es beim be­kannten Verlauf, an diesen Zahlen kaum etwas ändern wird.

Im Referenzszenario, der wahrscheinlichsten Entwicklung für die kommenden drei Dekaden, wird die Zahl der Bewohner*­ innen der Schweiz bis 2050 auf über 10 Millionen steigen. Dabei unterscheiden sich die Zunahmen nach den verschiede­nen Altersgruppen erheblich. Die Zahl der Kinder und Ju­ gendlichen wird um 18 Prozent wachsen, jene der Erwachse­nen zwischen 20 und 64 Jahren um 9 Prozent. Die grösste Dynamik findet sich bei den Senior*innen. 2018 lebten 1,6 Mil­lionen Pensionierte in der Schweiz. 2050 werden es 2,7 Mil­ lionen sein. Das entspricht einer Zunahme von 69 Prozent. Die Schweiz wird in diesen Jahren zu einer Gesellschaft des lan­gen Lebens – vorausgesetzt, es passieren keine weiteren Ereig­nisse wie neue Pandemien oder kriegerische Auseinander­ setzungen.

Diese demografische Entwicklung stellt eine grosse gesell­schaftspolitische Herausforderung dar. Wirtschaft und Sozial­staat stehen vor demselben Problem: Wie können die Ab­gänge der Babyboomer-­Generation in den Ruhestand ersetzt werden? Die Unternehmen brauchen eine wachsende Zahl gut ausgebildeter Arbeitskräfte, der Sozialstaat ebenfalls, wenn die Sozialversicherungen und insbesondere die Altersvorsorge weiterhin über Lohnprozente finanziert werden sollen.

Die niedrige Geburtenrate führt dazu, dass in den kommenden Jahren nicht genügend junge Erwachsene mit einer qualifizierten Berufsausbildung in das Erwerbsleben einsteigen werden. Der Bund bemüht sich auch darum, das «inländische Arbeitskräftepotential» möglichst gut auszuschöpfen. Dazu hat er einen breiten Massnahmenkatalog verabschiedet; dieser reicht von Möglichkeiten der Nachholbildung für Geflüchtete und vorläufig Aufgenommene bis zu unentgeltlichen Standortbestimmungen und Laufbahnberatungen für 40­jährige Erwerbstätige. Im Zentrum stehen die Förderung der Erwerbstätigkeit gut ausgebildeter Frauen sowie die Weiterarbeit über das Rentenalter hinaus. Dafür wird das Angebot an familienergänzender Kinderbetreuung weiter ausgebaut. Auch gibt es Anreize bei der Reform der AHV, die es interessant machen, zumindest teilzeitlich im Erwerbsleben zu bleiben, sobald das Rentenalter erreicht ist.

Doch das alles wird absehbar nicht reichen, um die in Rente gehenden Babyboomer zu ersetzen. Die sich abzeichnenden Lücken auf dem Arbeitsmarkt können nur mit einer Zuwanderung von ausländischen Arbeitskräften geschlossen werden. Die Schweiz – und das heisst: nicht nur die Wirtschaft, sondern die ganze Gesellschaft – ist darauf angewiesen, dass genügend produktive Menschen zu fairen Anstellungsbedingungen in diesem Land leben und arbeiten möchten.