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Verkäufer*innenkolumne
Angst vor Fremden

Seynab Aliisse, 49, hat den Rassismus nicht erst in Europa kennengelernt, sondern bereits in Libyen, wo sie bei einer Familie arbeitete. Einmal liess sie einen Teller fallen. Die Familie schlug sie, sodass sie ins Spital musste. Eine Anzeige könne sie als Somalierin nicht machen, fand die Polizei. Komme hinzu, dass sie arm sei.

Ich verkaufe Surprise am Bahnhof Winterthur. Leute, die ich ein-, zweimal pro Woche sehe, lächle ich an und grüsse sie, unabhängig davon, ob sie ein Heft kaufen. Manche grüssen zurück, andere schauen weg, manche schauen böse.

Ein grosser Mann hat mich jedes Mal, als er an mir vorbeiging, angerempelt. Beim dritten Mal habe ich laut geschrien, er solle aufhören, er sei ein Rassist. Ein Angestellter der Bahnreinigung eilte herbei, er habe alles gesehen und rufe die Polizei. Der Grosse flüchtete und kam nicht mehr bei mir vorbei. Später habe ich erfahren, dass er eine andere Surprise-Verkäuferin angerempelt und geschlagen hat. Er tauchte auch bei ihr nicht mehr auf. Ich weiss nicht, ob der Mann krank war oder ob er einfach zu viel Schlechtes über Muslime gehört hat, ohne sie zu kennen.

So war das bei einer Frau, sie war damals 63 Jahre alt, die mich immer beschimpft hat: Ich solle abfahren, zurück dahin, wo ich herkomme. Eines Tages schlug sie mir unvermittelt ihre Handtasche ins Gesicht. Ein Mann rannte ihr hinterher und hielt sie fest. Er wollte die Polizei rufen und fand, ich solle eine Anzeige zu machen.

Er war Schweizer und wollte mir helfen, aber ich wollte das nicht. Ich habe nicht geblutet. Ich will keine Probleme, ich will nur in Frieden leben. In meiner Heimat Somalia herrscht Krieg, dort hatte ich genug Probleme, darum musste ich flüchten.

Die Frau ist darauf verschwunden, aber zwanzig Minuten später kam sie zurück. Ich hatte Angst vor ihr und wich zurück, ich dachte, sie wolle mich wieder schlagen. Doch sie faltete die Hände wie zum Gebet. Ich verstand, dass sie mir nichts Böses wollte. Sie entschuldigte sich und lud mich zu einem Kaffee ein. Sie sagte, sie sei sehr dankbar, dass ich nicht die Polizei rief. Warum sie solche Angst vor der Polizei hat, habe ich nicht gefragt.

Sie möge Frauen mit Kopftuch nicht, sagte sie, weil sie in den Medien so viel Schlechtes über uns gehört habe. Ich antwortete, es komme nicht aufs Äussere an, sondern auf das, was man im Herzen habe. Sie habe einen Fehler gemacht, meinte sie.

Seither kauft sie jedes Heft bei mir, und wenn ich nicht da bin, ruft sie mich an, wir haben inzwischen die Nummern getauscht. Sie fragt, wo ich bin und wie es mir geht. Seit neun Jahren kennen wir uns jetzt. Sie spricht Italienisch, ich spreche Italienisch, und so können wir uns gut unterhalten. Sie dankt mir immer wieder dafür, dass ich damals nicht die Polizei geholt habe. Warum, weiss ich immer noch nicht. Schlussendlich sind wir alle Menschen, die in Frieden leben wollen.


Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und Stephan Pörtner erarbeitet. Die Illustration zur Kolumne entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.