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Sozialzahl
Armut in der Corona-Krise

Die Corona-Krise hat den Blick auf die Armut in der Schweiz geschärft. Die Schlangen vor den Abgabestellen für Lebensmittel bleiben in Erinnerung. Sie zeigen, dass die Sozialhilfe leider nicht für alle das letzte Auffangnetz im System der sozialen Sicherheit der Schweiz ist. Nicht alle, die arm sind, können oder wollen ein Anrecht auf Sozialhilfe geltend machen. Damit ist die Zahl der armutsbetroffenen Menschen deutlich höher als die Zahl der Sozialhilfebeziehenden. 2018 bezogen 274 000 Menschen Sozialhilfe, 457 000 zählten zu den Armutsbetroffenen (ohne Rentner*innen).

Eine grosse Zahl von Menschen, die in der Schweiz leben, hat kein Anrecht auf Hilfe in Not. Die Rede ist von jenen Migrant*innen, die ohne geregelten Aufenthaltsstatus in unserem Land arbeiten, den sogenannten Sans-Papiers. Zwischen 90 000 und 250 000 Personen gehören zu dieser Gruppe, die sich «unsichtbar» durchschlagen muss. Sie taucht nicht mal in den Armutszahlen des Bundesamtes für Statistik auf. Normalerweise arbeiten die Sans-Papiers als Angestellte in privaten Haushalten, in der Gastronomie oder Landwirtschaft. Viele von ihnen haben in der Corona-Krise ihre Stelle verloren oder bekamen zumindest keinen Lohn ausbezahlt. Nur dank des Engagements vieler Freiwilliger und der Hilfswerke konnte das Schlimmste vermieden werden. Doch nicht alle konnten an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. Damit wird auch Armut «exportiert», denn viele Sans-Papiers unterstützen trotz tiefem Verdienst ihre Familien in den Herkunftsländern. Diese Überweisungen sind nun ausgefallen.

Darüber hinaus gibt es aber noch viele andere armutsbetroffene Menschen, die zwar Sozialhilfeleistungen beziehen könnten, dies aber aus unterschiedlichen Gründen nicht tun. In erster Linie sind es Personen mit ausländischem Pass, die aus Angst vor dem Verlust ihrer Aufenthaltsbewilligung auf den Gang zum Sozialamt verzichten, weil ihr Status von ihnen verlangt, dass sie wirtschaftlich selbständig sind.

Die Zahl der Sozialhilfebeziehenden ist noch nicht markant gestiegen. Die Massnahmen des Bundes zum Schutz der erwerbslosen Personen haben gegriffen. Trotzdem gibt es zahlreiche Gründe für einen baldigen Anstieg der Zahlen. Da sind zunächst die Selbständigerwerbenden, die keinen Anspruch auf Taggelder der Arbeitslosenversicherung haben und bei denen die Erwerbsersatzentschädigungen auslaufen. Sie werden eine neue soziale Gruppe in der Sozialhilfe werden. Dann all jene, die schon Sozialhilfe bezogen, wegen der Corona-Krise aber keine Aussicht haben, wieder eine Stelle zu finden. Die Zahl der Ablösungen von der Sozialhilfe wird sinken und die durchschnittliche Bezugsdauer steigen. Die Skos geht davon aus, dass je nach wirtschaftlicher Entwicklung die Zahl der zusätzlichen Sozialhilfebeziehenden bis 2022 zwischen 36 500 und 72 500 Personen liegen wird. Es wird sich zeigen, ob diese Entwicklung zu einem stärkeren Engagement des Bundes in der Sozialhilfe führen wird. Die zutage getretenen Lücken im sozialen Sicherungssystem müssen auf jeden Fall geschlossen werden.