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Verkäufer*innenkolumne
Auch die Natur hat Struktur

KARIN PACOZZI (54) verkauft Surprise in Zug. Aktuell hat sie sich im wörtlichen Sinn selbst ein Bein gestellt. Wegen eines ge- brochenen Fusses ist ihre Tagesstruktur zurzeit lahmgelegt. Wenn die Knochen geheilt sind, nimmt sie aber auch ihren Arbeits- weg wieder auf.

Durch die Coronakrise verlor ich während des Lockdowns Anfang Jahr meine Tagesstruktur, die ich durch den Verkauf von Surprise normalerweise habe. Darum ist mir die Bureheimat Brotchorb wieder in den Sinn gekommen, ein gemeinschaftlich geführter Bauernhof, der von Pfarrer Sieber gegründet wurde. Vor zehn Jahren habe ich ein halbes Jahr dort verbracht. Als ich mich jetzt wieder vorstellen ging, bekam ich zum Schluss des Gesprächs den Jahresbericht 2019 mit auf den Weg. Als ich das Vorwort las, musste ich über ein Zitat von Pfarrer Sieber schmunzeln und war überrascht. «D’Natur hilft jedem s’Richtige und s’Nötige z’verstaa! ‹Tagesstruktur› seipme dem hütt, und vu dem hämmer sogar ä ganz natürlichi», las ich da. Genau das, was ich nun versuche zu verwirklichen, hat Herr Pfarrer Sieber schon vor vielen Jahren gesagt. Ich dachte: Nun bin ich wohl auf dem richtigen Weg.

Psychisch krank und mit Suchtproblemen kommen die Leute dort an. Ihnen kann nur eines helfen, eine Tagesstruktur, um wieder stabiler und gesünder zu werden. Menschen, die dise verloren haben, sind nirgends mehr zuhause, haben nichts mehr zu tun. Ihnen hat Pfarrer Sieber die Hand gereicht. Bei meinen Einsätzen im Brotchorb verdiene ich nichts. Ich mache das für mich und die Gemeinschaft. Trotzdem ist das für mich ein Lohn und mehr wert als alles Geld der Welt. Die Kraft, die ich aus der gemeinschaftlichen Arbeit schöpfe, lässt mich erahnen, woher Pfarrer Sieber seine Energie hatte. Mit dem, was er jeden Tag geleistet hat, wäre jeder andere überfordert gewesen.

Ich kann vorläufig einen halben Tag pro Woche dort arbeiten. Schon der Arbeitsweg tut mir gut, ich fahre mit der Seilbahn auf den Berg hinauf und gehe dann in dreissig Minuten zum Hof, einmal hin und einmal zurück, so gehe ich schon eine Stunde. Eigentlich gehe ich gerne zu Fuss, aber einfach so würde ich nicht spazierengehen.

Im Brotchorb arbeite ich in der Küche, was mir sehr gut gefällt, da ich gerne koche, aber für mich allein mache ich das selten. Alles, was wir verarbeiten, Fleisch und Gemüse, stammt aus eigener Produktion. Wir essen alle zusammen, und wie das Kochen ist auch das Essen gemeinsam schöner als allein. Es gibt Leute im Team, die schon seit zehn Jahren dort arbeiten, die kenne ich noch aus der Zeit, die ich damals auf dem Hof verbracht habe.

Mit dieser Arbeit, dem Surprise-Verkauf, mit Stricken und Schwimmen ist es mir gelungen, wieder eine Struktur in meinen Tag zu bringen, die mich körperlich und geistig stärkt. Nun bleibt mir nur noch zu sagen, dass ich zum Glück auch wieder an die Liebe glaube. Denn ohne die Liebe nützt auch die beste Tagesstruktur nichts.


*Die Texte für diese Kolumne entstehen in Workshops unter der Leitung von Stephan Pörtner und Surprise. Die Illustration zur Kolumne entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.