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Die Sozialzahl
Auf Pump

«Kaufe heute, zahle morgen»: Der Slogan taucht immer wieder in der Werbung von Finanzdienstleistern auf. Sparen wird belächelt. Besser scheint es doch, nicht zuzuwarten, sondern sich Geld zu leihen und schon heute das neue Auto, die hippe Wohnungseinrichtung oder die tollen Ferien in der Karibik zu geniessen. Eine repräsentative Umfrage unter Schweizerinnen und Schweizern zeigt, dass fast 85 Prozent der Bevölkerung schon mindestens einmal einen Privatkredit, ein Darlehen, ein Leasing, eine Hypothek oder eine andere von Dritten angebotene Finanzierungsform aufgenommen haben. Am häufigsten haben die Befragten schon mindestens einmal ein privates Darlehen von Verwandten oder Familienangehörigen aufgenommen (41 Prozent). Es folgen Hypotheken (38 Prozent), Auto­-Leasing (33 Prozent), Teilzahlungen im Rahmen von Kreditkarten (33 Prozent), Privatkredite von einer Bank (33 Prozent) und Ratenzahlungen im Geschäft auf der Basis von Kundenkarten (28 Prozent). Eher selten sind Privatkredite von Kredit­-Vermittlern (16 Prozent), Geschäftskredite, also Lohnvorschüsse (9 Prozent) und Online­-Privatkredite von einer Crowdlending­-Plattform (6 Prozent).

Wofür werden diese Kredite verwendet? Zum einen geht es um eine Vorfinanzierung von «langlebigen» Konsumgütern. So gaben 44 Prozent an, dass sie das geliehene Geld für den Kauf eines Autos gebraucht haben, 26 Prozent nutzten den Kredit zum Erwerb von Möbeln und anderen Einrichtungsgegenständen, 11 Prozent für Kleider. Zum anderen wird Geld aufgenommen, um vorhandene finanzielle Notlagen zu überbrücken. So gaben 30 Prozent der Befragten an, Kredite schon mindestens einmal wegen allgemeiner finanzieller Schwierigkeiten aufgenommen zu haben. 25 Prozent benötigen das Geld, um schon bestehende Schulden zu begleichen, 19 Prozent, um ausstehende Steuern zu zahlen. 15 Prozent beglichen mit dem aufgenommenen Geld Gesundheitskosten und Arztrechnungen, also auch ausstehende Krankenkassenprämien. Vor allem bei armutsbetroffenen Haushalten ist der Steuer­ und Sozialstaat der häufigste Gläubiger.

Ein Leben auf Pump birgt Risiken. So werden die Kosten der Kredite häufig unterschätzt. Wer sich zum Beispiel einen Betrag von 20 000 Franken leiht, bezahlt bei einer Laufzeit von 36 Monaten und einem üblichen Zins von 9 Prozent am Ende rund 22 800 Franken zurück. Auch wenn bei der Aufnahme eines Darlehens oder eines Kredits die finanzielle Situation noch so gewesen sein mag, dass man sich eine solche zusätzliche Belastung leisten konnte, können während der Laufzeit Dinge passieren, die rasch in eine nicht mehr tragbare Überschuldung umkippen können. Weil diese maximalen Rückzahlungsfristen immer länger wurden, sind auch die Risiken einer finanziellen Überforderung gestiegen. Wer in dieser Zeit arbeitslos wird, erkrankt oder sich in einer Partnerschaft trennt und scheiden lässt, dem drohen Schwierigkeiten, den eingegangenen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.

Mahnungen flattern ins Haus, Betreibungen werden ausgesprochen und Verlustscheine ausgestellt. Die einen können Privatkonkurs anmelden, Menschen am Existenzminimum steht aber nicht mal mehr dieser Weg offen. Manche wenden sich in diesen Situationen an Budget­ und Schuldenberatungsstellen. Hier lernen sie vor allem, mit Schulden zu leben.