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Strassenverkäufer*innen
«Aus eigener Kraft den Lebensunterhalt verdienen»

Gebremaryam Teklemaryam, 55, kurz «Gerre» genannt, verkauft Surprise im schönen Hünibach am Thunersee.

«Ich bin schon seit mehr als zehn Jahren Surprise-Verkäufer. Angefangen habe ich in der Stadt Thun, im Bälliz. Vier Jahre später habe ich nach Hünibach gewechselt, das ist ein sehr schöner Ort, er liegt gleich nach Thun am See. Wenn ich eine andere Arbeit habe, verkaufe ich Surprise nur am Samstag, wenn nicht, so bin ich dreibis viermal pro Woche auf der Strasse. Dadurch, dass ich mittlerweile mehr als sechs Jahre in Hünibach verkaufe, kennt mich wahrscheinlich fast das ganze Dorf, von den kleinen Kindern bis zu den älteren Menschen und umgekehrt. Da ich alleine lebe, freut mich der Kontakt zu den Leuten umso mehr.

Zu Surprise kam ich über eine Eritreerin, die in der gleichen Asylunterkunft in Oberdiessbach bei Thun lebte wie ich und bereits das Strassenmagazin verkaufte. Ich war im April 2011 nach schwierigen und langen Jahren auf der Flucht in die Schweiz gekommen. Dass ich bereits im Dezember gleichen Jahres mit dem Surprise-Verkauf anfangen konnte, tat mir sehr gut. Ich arbeite gern, und es ist mir sehr wichtig, dass ich meinen Lebensunterhalt aus eigener Kraft und am liebsten mit Schwitzen verdienen kann.

Leider ist es aber für mich ziemlich schwierig, Arbeit zu finden. Ich habe keine richtige Ausbildung. In Eritrea halfen meine neun Geschwister und ich einfach auf dem Bauernhof meiner Eltern mit. Wir hielten verschiedene Tiere und bauten Getreide an, Mais, Weizen, Gerste sowie das für Eritrea typische Teff, auch Zwerghirse genannt. Neben der Arbeit auf dem Hof blieb nicht viel Zeit. Deshalb war ich nur wenige Jahre in der Schule und habe heute Mühe, im Deutschkurs richtig mitzukommen.

Trotz allem konnte ich in den letzten Jahren in verschiedenen Stellen und Arbeitseinsätzen Erfahrungen sammeln. Zuerst arbeitete ich im Brocki in Thun, wo ich bei Räumungen, Umzügen und Wohnungsreinigungen mitgeholfen habe. Ich konnte auch Möbel montieren und demontieren und die abgegebenen Waren sortieren. Danach habe ich zwei Jahre in einer Keramikwerkstatt in Köniz bei Bern gearbeitet. Das war eine sehr schöne Tätigkeit, das Schaffen mit den Händen liegt mir.

Am besten gefallen hat mir aber die Arbeit in der Logistik und Produktion über die gadPLUS-Stiftung, die ich die letzten drei Jahre gemacht habe: Waren zusammenstellen, kontrollieren, auf Paletten stapeln, einwickeln, also alles für den Abtransport bereitstellen, und weitere Tätigkeiten im Geräteumbau oder in der Produktion. Leider war dort eine Festanstellung nicht möglich.

Dass ich meinen Lebensunterhalt bis heute noch nicht vollständig selbst verdienen kann, führt dazu, dass ich nach mehr als zehn Jahren in der Schweiz immer noch den F-Ausweis habe, das ist die Aufenthaltsbewilligung für ‹Vorläufig aufgenommene Ausländer›. Für die Arbeitssuche ist das sehr hinderlich, weil die meisten Arbeitgeber für eine Anstellung mindestens den Ausweis B verlangen.

Schlimm ist auch, dass ich meine Familie, meine Frau und meine drei Kinder, die jetzt in Äthiopien leben, mit dem F-Ausweis nicht im Familiennachzug in die Schweiz holen kann. Deshalb wünsche ich mir sehr fest, dass es möglichst schnell mit einer Vollzeitstelle klappt – das kann im Gartenbau sein, in der Landwirtschaft oder eben am liebsten in der Logistik.»