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Serie: Die Unsichtbaren
Das Fundament von allem

Die Logistik wird immer wichtiger. Ohne Mitarbeiter*innen wie Simon M., der im Lager eines Biotechunternehmens arbeitet, würden Medikamente nicht zu denjenigen kommen, die sie brauchen.

Hat er einen Auftrag abgeschlossen – oft nach zehn Minuten, seltener nach einer Woche –, wählt er am Computer auf der Liste, die niemals leer wird, den nächsten aus. Den Palettrolli, der fast eine Tonne tragen kann, durch die langen Gänge schieben, bis zum richtigen Regal, zur richtigen Charge, zum richtigen Artikel und dann den Strichcode scannen. Vielleicht liegt er in einem der zwei Kühllager, bei 2 bis 8 Grad oder bei minus 20 Grad. Insulin, gelagert bei 2 bis 8 Grad. Dafalgan bei Zimmertemperatur. Tabletten, Kapseln, Fläschchen, Spritzen. Er ist der Spezialist der medizinischen Rohstoffe, für sie läuft er am Tag bis zu 20 Kilometer. Ohne ihn könnten sie in der Produktion nicht produzieren, würden die fertigen Medikamente und Pharmaprodukte nicht verpackt, in graue oder weisse Kartons, und hinausgeschickt in die Welt.

Die Logistik ist sein Beruf, kein Traumberuf aber einer, der ihm Geld einbringt, für die Miete, fürs Essen, auch mal fürs Aquabasilea oder fürs Kino.

Simon M.* ist Logistiker mit EFZ und arbeitet im Logistiklager eines Biotechunternehmens in der Region Basel. Seit drei Jahren macht er das hier, zwei davon fest, im ersten Jahr temporär. «Man sagt: Die Logistiker*innen sind die, die nichts anderes gefunden haben», sagt er. Kurze Pause, dann schmunzelt er. «Bei mir trifft das tatsächlich zu.»

2020 betrug in der Schweiz die Transportleistung auf der Strasse und Schiene 26,8 Milliarden Tonnenkilometer. Das ist die Menge der Güter mal die zurückgelegten Kilometer, und das sind 14 Prozent mehr als im Jahr 2000. Auf ihrem Weg kommen die Güter irgendwann in ein Lager. In der Schweiz arbeiten 243 000 Menschen in der Logistik, sie fahren Lastwagen, stellen die Post zu, arbeiten im Kurierdienst oder, wie Simon M., in Lagern.

Als Kind wollte Simon M. zuerst Goldschmied werden; Dinge, die glitzern und funkeln, faszinierten ihn. Später Koch, er begann eine Lehre, brach aber im zweiten Jahr ab. Also Logistik. Er machte eine geschützte Lehre mit Fachrichtung Lager – Distribution und Verkehr sagten ihm weniger zu, also die Postzustellung oder die Arbeit auf Rangierbahnhöfen. Simon M. erzählt im Wohnzimmer seiner Wohnung, die Freundin ist bei der Arbeit, das Kind in seinem Zimmer. Zu Fuss ist er in wenigen Minuten an seinem Arbeitsort.

Immer sechs Wochen im Voraus bekommt er seinen Arbeitsplan. Um 6 Uhr beginnt er die Arbeit, wenn er Frühschicht hat. Um 7 Uhr, wenn er normale Schicht hat. Und um 14 Uhr bei einer Spätschicht, seiner liebsten Schicht. Vorher trinkt er einen Kaffee, denn er ist meistens zu früh dran, er mag, wenn es noch ruhig ist am Morgen. Dann stempelt er ein und zieht sich um. Sicherheitskleidung mit Arbeitsjacke, Stahlkappenschuhen und Handschuhen. Diese sind für das minus 20 Grad kalte Kühllager, wo einem nach zwanzig Minuten der Bart einfriert und man nicht länger als fünfzehn Minuten bleiben darf. Wenn möglich, arbeitet Simon M. ohne Handschuhe, so sei sein Gespür besser, sagt er. Das Smartphone darf er nicht mit ins Lager nehmen, Fotos machen ist verboten, so festgeschrieben in den Richtlinien zur Qualitätssicherung.

 

Viele temporär angestellt
Drei bis zwölf Mitarbeiter sind sie, die pro Schicht Aufträge ausführen. Manche der Männer – Frauen arbeiten in Simon M.s Team keine – sind aus Indien, der Türkei, aus Portugal, Italien oder Frankreich in die Schweiz gekommen. Viele sind temporär angestellt. Sie sind knapp zwanzig bis gut fünfzig Jahre alt. Mit Anfang dreissig, sagt Simon M., gehöre er zu den Älteren. Es sei ein Kommen und Gehen der Kolleg*innen, die Fluktuation hoch. Genaue Zahlen zu Geschlecht, Alter oder Herkunft der Mitarbeitenden in der Schweizer Logistik gibt es bisher kaum.

Die Logistik, sagt Simon M., sei der unterste Baustein in der Hierarchie. «Wir sind das Fundament von allem.» Er spüre den Leistungsdruck. Es muss schnell gehen, die Zahlen müssen stimmen, der Umsatz. Oft gebe es Ausfälle, weil jemand krank ist. Dabei sei es auch streng, wenn sie nicht unterbesetzt seien, viele seien überarbeitet. «Wir werden nicht ernst genommen, wenn wir sagen, dass wir mehr Leute brauchen.» Wenn am Telefon jemand, beispielsweise aus der Produktion, der Qualitätskontrolle oder der Planung, sagt: «Ich weiss, es ist stressig, aber ich habe eine Bitte. Könntest du vielleicht ...?», freut das Simon M. Ein freundlicher Umgang und ein Danke, sagt er, das mache viel aus.

Ab 14 Uhr, wenn es ruhiger wird, räumt Simon M. auf, schafft Platz für neue Ware, putzt und dokumentiert. Es kommt auch vor, dass er in der Produktion aushilft. «Im Grunde sind wir für alles da.»

Einoder zweimal im Monat fällt ihm beim Heben oder Einpacken etwas auf den Fuss. Immer wieder gibt es Sturz-, Quetschund Schnittverletzungen. Einmal, als er im Stress eine Etikette von einem Karton entfernen wollte, hat Simon M. sich in die Hand geschnitten, zwei Zentimeter tief. Er fiel einen Monat aus.

«Es heisst: Macht nicht drei Sachen gleichzeitig», sagt er, «in der Praxis ist das schwierig.» Das Telefon klingelt – jemand aus der Produktion will etwas wissen, E-Mails von externen Firmen wie Novartis oder Roche mit Fragen zu ihren Aufträgen, ein Kollege, der um Mithilfe ruft. Manche nehmen das Arbeitstelefon mit in die Pause. Simon M. nicht. Zweimal am Tag zehn Minuten, um an der frischen Luft einen Kaffee zu trinken, ohne dass das Telefon klingeln könnte. «Das muss man sich gönnen.» Es bringe weder seinem Arbeitgeber noch ihm etwas, wenn er sich kaputt arbeite.

Seit kurzem ist Simon M. auch Betriebssanitäter. Zudem ist er im Lager zuständig für das Sicherheitsmanagement – Gefahren erkennen, vermeiden und andere dafür schulen. Und bald macht er eine Schulung, damit er neue Mitarbeitende ausbilden kann. «Je mehr man kann, desto unverzichtbarer wird man für die Firma.» Sollten Leute entlassen werden – etwa wegen der Automatisierung –, sagt Simon M., dann wohl zuerst diejenigen, die nur das Minimum können. Er hingegen möchte mehr planerische Aufgaben übernehmen.

Roman Künzler, bei der Gewerkschaft Unia verantwortlich für Logistik und Transport, bezeichnet die Logistik als eine der prekärsten Wirtschaftsbranchen der Schweiz. Er hat den Eindruck, dass in der Logistik etablierte Standardjobs verloren gehen und dafür prekäre Jobs zunehmen. «Durch die digitale Verschnellerung braucht es mehr billige Arbeitskräfte.» Zu denen gehörten insbesondere temporär Angestellte. «Viele Mitarbeitende haben nicht Angst, keinen Job mehr zu haben. Sie haben Angst, welchen Job sie haben werden», sagt Künzler. Einen Gesamtarbeitsvertrag, der Mindestlöhne und Arbeitszeiten regelt, gibt es nicht.

Simon M. arbeitet Vollzeit und verdient brutto 4200 und «ein paar zerquetschte Franken»; das macht, rechnet er vor, netto 3960 Franken. Gerne würde er ein paar 100 Franken mehr verdienen, 5200 Franken wären sein «absoluter Traumlohn». Einmal pro Woche fahren seine Freundin und er über die Grenze und machen in Deutschland einen grossen Einkauf. «Pharma tönt immer so, als verdiene man viel», sagt Simon M. «Bei uns ist das nicht so. Es reicht zum Leben, aber weder für Luxus noch zum Sparen.»

Wenn Simon M. nach der Frühschicht um 14 Uhr Feierabend hat und nach Hause kommt, legt er sich hin, eine halbe Stunde oder eine Stunde. Dann macht er mit dem Kind Hausaufgaben, geht zur Post oder mit dem Hund raus und kocht das Abendessen. «Wenn ich den ganzen Tag herumgerannt bin, schmerzen meine Beine. Manchmal bin ich auch nur müde im Kopf.»


Die Fotos entsprechen nicht dem im Artikel beschriebenen Logistiklager, sondern sind Symbolbilder.