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Foto: Klaus Petrus

Strassenverkaufende
«Das nahm ich so nicht hin»

«Alex Kobold ist nicht mein ursprünglicher Name, ich habe ihn zu einer Zeit angenommen, als die Zeitungen in Estland Schlechtes und Unwahrheiten über mich verbreiteten. Ich wollte damit meine Frau und meine beiden Söhne schützen. Nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1990 hatte ich in Estland angefangen, ein Kino und ein kleines Casino sowie meine eigene Kampfkunstschule zu führen. Daneben studierte ich erst Maschinenbau, später schrieb ich mich noch in Wirtschaft und Marketing ein.

Eines Tages, als ich bei den Behörden die Lizenzen für meine Betriebe erneuern wollte, verlangten Beamte dafür Schmiergeld von mir. Das geht gar nicht, fand ich. Es konnte doch nicht sein, dass in diesem jungen Staat Estland alles gleich weiterlief wie vorher unter den Sowjets! Aber genau so war es – auf einmal wurde der Strom in meinem Kino abgestellt. Als ich der Sache nachging, hiess es, ich hätte Steuerschulden, ich müsse rund 100 000 Franken nachzahlen. Das nahm ich so nicht hin. Ich war ein junger Mann, wollte gegen diese Machenschaften ankämpfen und Korruptionsfälle wie meinen unbedingt aufdecken. Also schrieb ich mehrere Zeitungsartikel darüber – mit dem Resultat, dass mir deswegen eine Gefängnisstrafe von bis zu fünfzehn Jahren drohte.

Zum Schutz der Familie liessen meine Frau und ich uns scheiden, danach setzte ich mich ins Ausland ab. Als Erstes reiste ich in die Schweiz. Hier begann 1999 meine seither zwanzig Jahre dauernde Odyssee durch 25 Länder in Europa, Japan, Nordund Südamerika. Ich beantragte hier sowie in vielen anderen Ländern Asyl, doch nirgendwo wurde es mir gewährt. Estland sei ein sicheres Land, hiess es jedes Mal. Vor fünf Jahren machte ich den Test, ich wollte meine Familie besuchen und flog nach Tallinn. Am Flughafen wurde ich verhaftet, weil ich noch immer auf einer Fahndungsliste stand. Wahrscheinlich dank Journalisten im Ausland, die ich von der Gefängniszelle aus kontaktieren konnte, kam ich nach zwei Tagen wieder frei. In dieser Zeit bekam ich aber weder zu essen noch sah ich einen Anwalt. Für mich war das Beweis genug, dass ich in diesem Land noch immer nicht auf das Rechtssystem vertrauen konnte und besser weiterhin im Ausland lebe.

Als ich damals meine Heimat verliess, sprach ich nur Estnisch und Russisch. Heute verständige ich mich fliessend auf Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Deutsch lerne ich nun als nächste Sprache, denn ich habe mir gesagt, wenn ich schon heimatlos bin, mache ich aus der Not eine Tugend und lerne überall dort, wo ich lebe, die Sprache. Zudem habe ich in den letzten Jahren vier Bücher zu verschiedenen Themen geschrieben. Wer sich dafür interessiert, findet sie auf youthextension.wordpress.com, das ist meine Webseite, auf der ich auch blogge.

Eines der Bücher trägt den Titel «Random Fluctuations – From Roulette to Stock Exchange» und zeigt, wie man mit meinen Berechnungen aufgrund von Kursschwankungen Börsengewinne erzielen kann. Ich befasse mich schon lange intensiv mit diesem Thema und habe Projekte, die ich gerne in Zusammenarbeit mit Investoren oder Geschäftspartnern umsetzen würde. Allein kann ich meine Pläne nicht realisieren, dafür fehlt mir das Geld. Um Interessierten meine Projekte online schneller und besser vorstellen zu können, versuche ich momentan Geld für eine professionelle Filmausrüstung auf die Seite zu legen. Mit dem Surprise-Verkauf vor der Markthalle in Bern wird es wohl länger dauern, bis ich mir diesen Wunsch erfüllen kann, mit einem festen Job, den ich zurzeit intensiv suche, ginge es sicher schneller.»