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Die Sozialzahl
Das Zerrbild der Gerontokratie

Droht unserem Land eine Herrschaft der Alten, eine Gerontokratie? Der demografische Wandel beeinflusst auch die politischen Entscheidungsprozesse. In der Schweiz nimmt nicht nur der Anteil der älteren Menschen zu, auch jener der älteren Stimm- und Wahlberechtigten steigt. 2020 wird die Zahl der über 55-jährigen Schweizerinnen und Schweizer auf 2.468 Millionen angestiegen sein. Zwanzig Jahre später werden es 2.947 Millionen sein. Damit nimmt das Gewicht der älteren Schweizerinnen und Schweizer an der Urne von 46 auf 51 Prozent zu. Berücksichtigt man zudem, dass sich ältere Wahl- und Stimmberechtigte deutlich häufiger an Personenwahlen und Abstimmungen beteiligten, so haben die 55plus schon heute eine satte Mehrheit in der Schweiz.

Aber ist das Alter alleine schon eine politische Position? Sind sich die 55plus – nur, weil sie derselben Altersklasse angehören – immer einig? Wäre dem so, könnten die älteren Schweizerinnen und Schweizer in den kommenden Jahren bestimmen, wo es politisch langgeht. Die jüngeren Generationen hätten das Nachsehen und blieben der Urne erst recht fern. Es werden darum Stimmen laut, die eine eigentliche Ausbeutung der Jungen durch die Alten befürchten. Die Alten würden sich gute Renten genehmigen und die Jungen hätten dafür zu zahlen. Sie würden sich für mehr Sicherheit aussprechen und bei Bildung, Forschung und Entwicklung sparen wollen. Die Schweizer Gesellschaft würde so an innovativer Zugkraft verlieren und an wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit einbüssen. Der demografische Wandel würde die Schweiz über die Zeit verarmen lassen. Aus diesem Stoff wird dann ein Generationenkonflikt gewoben und die Jungen werden gegen die Alten in Stellung gebracht.

Doch trifft dieses Zerrbild einer Gerontokratie für die Schweiz tatsächlich zu? Ist es so, dass ältere Menschen nur an sich denken und nicht daran, was ihre politischen Entscheide für ihre Kinder und Enkel bedeuten könnten? Sollte man das Stimmgewicht der älteren Schweizerinnen und Schweizer über 70 deshalb auf die Hälfte beschränken, wie das schon vorgeschlagen wurde? Oder das Wahl- und Stimmrechtsalter auf 16 Jahre senken?

Gemäss Studien werden die politischen Positionen von Menschen nicht nur und nicht zu allererst durch das Alter, sondern vielmehr durch die soziale Herkunft, den Bildungsstand und das Einkommen geprägt. Das Meinungsspektrum wird darum im Alter nicht enger. Auch unter älteren Menschen gibt es solche, die für oder gegen das garantierte Grundeinkommen waren, die für oder gegen die Masseneinwanderungsinitiative stimmten oder die SP oder SVP wählen.

Allerdings beeinflussen sozio-ökonomische Faktoren wie das Elternhaus oder der erreichte Wohlstand auch die Wahl- und Stimmbeteiligung. Gut gebildete und besser Verdienende nehmen deutlich häufiger an Wahlen und Abstimmungen teil als solche mit einem tieferen Bildungsstand und geringerem Einkommen. So gesehen droht der Schweiz weniger eine Gerontokratie als eine Herrschaft des Geldes, eine Plutokratie!