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Blick in die Zukunft
Das Klima, die Angst und ich

Es ist zum Verzweifeln. Scheinbar ungebremst steuern wir dem ökologischen Selbstmord entgegen. Ich suchte nach glaubwürdigen Argumenten für Hoffnung – und durchschaute mich am Ende selbst.

«Es ist schlimmer, viel schlimmer, als Sie denken.» So beginnt der New-York-TimesBestseller «Die unbewohnbare Erde» von David Wallace-Wells. Das Buch, das mir ein Freund empfahl, ist ein Tiefschlag für meine bereits angeschlagene Psyche. Es handelt nicht nur von den Folgen der Klimaerwärmung – was schlimm genug wäre –, sondern zeigt auch auf, wie wahrscheinlich diese sind und wie wenig wir tun, damit es nicht so weit kommt.

Nach einigen Seiten halte ich es nicht mehr aus und lege das Buch auf den Nachttisch, wo es lange ungelesen liegen bleiben wird. Für die Verzweiflung, die es in mir auslöst, ist in meinem Alltag zurzeit kein Platz. Ich habe mich dafür entschieden, der Zukunft zu vertrauen, damals vor rund drei Jahren, und ich kann nicht zurück. Meine zwei Kinder sind gerade daran, die Welt zu entdecken. Diese Begeisterung will ich ihnen nicht nehmen. Denn statt ihnen Zukunftsangst einzuimpfen, möchte ich ihnen vorleben, dass es sich lohnt, auf dieser Welt zu sein, und dass es zählt, was sie mit ihrem Leben anstellen.

Ich habe also keine Wahl: Ich muss positiv bleiben. Das Bild, das mir Wissenschaft und Medien täglich von der Welt zeichnen, bietet allerdings nicht viel Grund zur Hoffnung. Vor allem beim Thema Klimaerwärmung fehlen mir für Optimismus schlicht die Argumente. Darum habe ich mich auf die Suche gemacht – nach Stimmen, die davon überzeugt sind, dass wir Menschen den Schnellzug in Richtung Apokalypse noch rechtzeitig umlenken können. Damit meine ich nicht jene Zeitgenossen, welche die sorgfältig eruierten Fakten der Wissenschaft anzweifeln oder alles für übertrieben und nicht so schlimm halten. Die Leugner und Skeptikerinnen helfen nicht weiter. Ich brauche glaubwürdige Optimisten, die grössten unseres Planeten.

Think pink

Diese Suche begann ich vor rund einem Jahr. Unser Sohn war anderthalb Jahre alt. Die Turbulenzen der Anfangszeit waren überstanden, in unseren Köpfen wieder Raum für Neues. Mit meiner Frau besuchte ich erstmals seit der Geburt wieder gemeinsam eine Kulturveranstaltung – es war ein Gespräch mit dem Harvard-Professor Steven Pinker, der kurz zuvor ein Buch veröffentlicht hatte mit dem Titel «Aufklärung jetzt!». Vom Moderator wurde der Psychologe mit den Worten angekündigt: «No matter how pink you think, Steven thinks pinker.» Das traf die Haltung des renommierten Wissenschaftlers ziemlich gut. Egal, ob Sicherheit, Gesundheit, Terrorismus oder Demokratie – für alles hatte Pinker eine Statistik bereit, die zeigt: Die Welt wird besser, nicht schlechter. Und Fakten lügen schliesslich nicht.

Was also hat Steven Pinker zur Klimaerwärmung zu sagen? Ich blättere in seinem Mammutwerk. Die Fakten seien «zweifellos alarmierend» und «zum Haare raufen». Doch der technische Fortschritt werde die Dekarbonisierung, also eine CO2-freie Wirtschaft, letztlich möglich machen. «Uns stehen einige praktikable Möglichkeiten offen, den Schaden abzuwenden, und wir verfügen über die Mittel, um mehr dazuzulernen. Probleme sind lösbar», schreibt er.

Die Zukunft kann auch Pinker nicht vorhersehen, und warum sollte ich einem Psychologen mehr Glauben schenken als einem Klimaforscher? Pinker ortet einen Denkfehler, der mir bleiben wird: Wir unterschätzen, wozu die Menschheit in der Lage ist, wenn sie eine Gefahr erkannt hat. Die Entwicklung unserer Umwelt sei insgesamt positiv, so Pinker. Wovon es in den 1970er-Jahren noch hiess, es würde den Planeten zerstören, sei heute weitgehend entschärft. Weltweit sinkt die Geburtenrate, was gegen eine problematische Überbevölkerung spricht. Das angekündigte Ende von Ressourcen wie Öl oder seltenen Metallen ist nicht in Sicht (weil neue Technologien entwickelt oder Alternativen gefunden wurden). Das einst so bedrohliche Ozonloch schliesst sich wieder (wegen des Verbots der Kohlenwasserstoffe FCKW). Die globale Zahl an Atomwaffen geht zurück (wegen internationaler Abkommen). Tatsächlich sehen wir die Welt schlechter, als sie ist. Eindrücklich zeigte das Hans Rosling in seinem 2018 erschienenen Bestseller «Factfulness». Der inzwischen verstorbene schwedische Medizinprofessor führte mittels verschiedener Befragungen vor, dass Menschen den Zustand der Welt im Schnitt nicht besser einschätzen können als Schimpansen. Fürchte ich mich also nur deshalb vor der Klimaerwärmung, weil ich alles viel zu negativ sehe? Überzeugt bin ich noch nicht. Denn Statistiken bilden immer nur die Vergangenheit ab. Dass etwas noch nie passiert ist, heisst nicht, dass es nie passieren wird. Obwohl wir einen atomaren Weltkrieg bislang verhindern konnten, könnte es ihn dennoch irgendwann geben. Dasselbe gilt für die Klimaerwärmung.

Nein, um meine Zukunftsangst zu besiegen, braucht es mehr als den rosa gefärbten Blick in den Palmarès der menschlichen Errungenschaften. Während ich nach weiteren Optimistinnen und Optimisten suche, frage ich mich, ob man in dieser Frage überhaupt positiv denken darf. Für den Philosophen Arthur Schopenhauer war Optimismus «eine wahrhaft ruchlose Denkungsart, ein bitterer Hohn über die namenlosen Leiden der Menschheit». Und irgendwie hat er recht: Selbst wenn wir Lösungen für unsere Probleme finden, bringen diese oft Leid mit sich. Im Fall der Klimaerwärmung könnten wir es zwar schaffen, der totalen Apokalypse zu entgehen. Schon jetzt aber gehören vorwiegend Menschen aus den ärmsten Regionen der Welt zu den grossen Leidtragenden unseres Zögerns. Darf man vor diesem Hintergrund optimistisch sein?

Ein vergleichsweise grosser Klimasünder bin ich nicht: Ich habe kein Auto, fliege fast nie, kaufe regionale Produkte, esse meistens vegetarisch und wähle grün. Aber ich könnte mehr tun – mich einer Umweltorganisation anschliessen, mich vollkommen vegan ernähren oder meine mittelmässig isolierte Altbauwohnung aufgeben. In einem Magazinbeitrag lese ich von 75 weiteren Möglichkeiten, wie ich dem Klima helfen könnte. Kürzer und weniger heiss zu duschen würde beispielsweise Energie sparen. Doch ich liebe duschen – lange und im Winter auch gerne richtig heiss. Der Umwelt bringt das bisschen Energie, das ich dabei spare, doch eh nicht viel. Und warum gerade ich? Sollen die anderen doch erst einmal aufhören, in ihren SUVs herumzukurven.

Die Katastrophenlobby

Natürlich sind das Ausflüchte. Doch was dahinter steckt, begreife ich erst später. Erst einmal stosse ich in der Bibliothek eher zufällig auf den deutschen Soziologieprofessor Martin Schröder und sein Buch «Warum es uns noch nie so gut ging und wir trotzdem ständig von Krisen reden». Ein Vollblut-Optimist also, und ich kann nicht anders, als das Buch von der Auslage zu nehmen. Auch Schröder ist der Ansicht, dass wir aufgrund verschiedener Denkfehler zu pessimistisch sind. Der Klimawandel sei «das nächste einer ganzen Reihe von Problemen, welche die Menschheit bisher doch recht zufriedenstellend gelöst hat». Der Gegenwartspessimismus stecke uns quasi in den Genen. Und zwar darum, weil uns Negatives viel stärker beeinflusse als Positives. Politik und Medien würden dieses Prinzip bewirtschaften – und zusammen eine Art «Katastrophenlobby» bilden. So sieht es auch Maren Urner in ihrem Buch «Schluss mit dem täglichen Weltuntergang». Die gelernte Neurowissenschaftlerin beschreibt, wie wir durch negative Medienberichterstattung lernen, hilflos zu sein – ein aus psychologischen Studien bekanntes Phänomen. Urner fordert darum, dass Journalismus konstruktiver, lösungsorientierter und damit «positiver» werden muss, um die Welt realistisch abzubilden.

Schröder und Urner erzählen ansprechend, und ich bin ehrlich: Es tut gut, das zu lesen.

Als ich eines Abends nach der Arbeit mit dem Velo in die Kita fahre, um die Kinder abzuholen, denke ich wieder einmal darüber nach, ob es legitim ist, optimistisch zu sein. Macht man sich damit nicht auch zum Verbündeten von Klimaskeptikern, die derzeit mit dem Argument eines «Klima-Hypes» Kampagne gegen Umweltschutz machen? Dann trifft mich ein Gedanke wie ein Schlag: Letztlich ist es egal, wie richtig oder falsch es ist, optimistisch zu denken. Denn nicht die Moral wird entscheiden, ob wir gemeinsam in den Abgrund stürzen oder nicht. Sondern welche Haltung uns dazu bringt, klimafreundlicher zu leben. Braucht es dafür die grosse Angst, die viele von uns derzeit empfinden?

Bei meinem nächsten Besuch in der Zentralbibliothek Zürich begreife ich allmählich, dass es eine Alternative gibt. Im zweiten Untergeschoss drehe ich am Rollgestell, um mir Platz zu verschaffen, und ziehe das Buch mit der Signatur HC66206 aus dem Regal – das letzte auf meiner Optimisten-Leseliste. «Die Klimakrise wird alles ändern – und zwar zum Besseren», geschrieben von Paul Gilding, einem ehemaligen Greenpeace-Direktor aus Australien. Sofort blättere ich zum Kapitel «Sind wir am Ende?». Gilding ist kein Wissenschaftler, sondern ein Mann aus der Praxis, der sich über viele Jahre mit dieser Frage beschäftigt hat. Er hält die Verzweiflung, die viele derzeit empfinden, für ein gutes Zeichen. Denn «sie markiert das Ende des Leugnens». Nicht mehr lange, glaubt er, und eine «Phase der kollektiven Verzweiflung und Angst» werde eintreten. Zuerst werde es die Wirtschaft treffen, jeden Einzelnen von uns, was zur vollen Akzeptanz führen und uns handeln lassen werde. «Veränderungen vollziehen sich häufig erst langsam, dann aber mit unglaublicher Geschwindigkeit», schreibt er. Gildings Worte wirken wie ein kräftiger Motivationsschub, etwas zu tun, bevor es zu spät ist. Nachdenken lässt mich aber eine andere Stelle. Ob wir Hoffnung oder Verzweiflung empfinden, werde unsere Zukunft stärker beeinflussen als Technik, Politik oder Märkte, schreibt er. Gilding hält darum den Beschluss, optimistisch zu sein, für die wichtigste und politischste Entscheidung, die jeder Einzelne treffen kann. «Wir müssen daran glauben, dass wir es schaffen können; jeden Tag aufs Neue.»

Bei mir ist von der Hoffnung auf ein gutes Ende allerdings nicht mehr viel übrig. Die Realität schiebt sich vor jeden Hoffnungsschimmer, ich lese es täglich in der Zeitung: Trotz Greta wird mehr geflogen. Trotz Klimastreiks wird mehr Fleisch gegessen. Trotz wissenschaftlich glasklaren Fakten endet die internationale Klimakonferenz am Ende des Jahres ergebnislos. Mein persönliches Problem ist aber nicht allein die schwindende Hoffnung. Sondern dass ich vor lauter Verzweiflung infrage stelle, ob ich als Einzelner überhaupt etwas bewirken kann. Die Angst macht mich träge und lethargisch, oder anders gesagt: Ich verhalte mich manchmal nicht klimafreundlich, weil mir die Überzeugung fehlt, dass es einen Unterschied macht.

Auch wenn ich mir manchmal wünschte, dass es anders wäre: Ich bin ein Kopfmensch, überlege erst, bevor ich handle – meist viel zu lange. Und Erkenntnissen aus der Wissenschaft traue ich häufig mehr als meinem eigenen Gefühl. Darum will ich es jetzt genau wissen: Was macht die Angst mit uns? Sie sei dazu da, uns so lange zu plagen, bis wir in Aktion treten, schreibt die Psychologin Alicia Clark in ihrem Buch «Hack your anxiety». Die Angst ist also überlebenswichtig, denn ohne sie würden wir Gefahren ausblenden. Jedoch: Zu viel Angst bewirkt genau das Gegenteil, sie schwächt, lähmt und blockiert uns, macht uns krank.

Als ich noch etwas weiter in die psychologische Forschung eintauche, komme ich aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Denn ich stosse auf wissenschaftliche Studien, die untersuchen, was angsteinflössende Darstellungen des Klimawandels mit uns machen. Eine der grössten Arbeiten dazu ist jene des britischen Klimaforschungszentrums Tyndall aus dem Jahr 2009. Sie zeigt: Angst erhöht zwar unsere Aufmerksamkeit für das Thema. Sie hat aber auch zur Folge, dass wir uns persönlich distanzieren, etwa weil wir uns hilflos und überfordert fühlen. «Angst ist kein gutes Instrument, um echtes persönliches Engagement zu fördern», folgern die Autoren

Langsam dämmert mir, warum ich mich also bei manchen meiner eigenen Gewohnheiten in Ausreden flüchte, warum ich mein schlechtes Gewissen immer wieder beruhige, indem ich mir sage: nicht so schlimm. Weil ich die Angst nicht aushalte. Weil die Schere zwischen meiner Verzweiflung und dem scheinbar Wenigen, das ich gegen die Klimaerwärmung tun kann, immer grösser wird.

Glaube und Hoffnung

Es ist ein kleiner Trost, dass ich vermutlich nicht der Einzige bin, der sich hier etwas vormacht. Der sich selbst belügt, weil er die Angst nicht erträgt. Das lassen auch die Erkenntnisse der Kognitionspsychologie vermuten, also jenes Fachbereichs, der sich mit den komplexen Mechanismen menschlichen Denkens befasst. Stimmt nämlich unser Handeln nicht mit unseren Überzeugungen überein – ich dusche lange und heiss, obwohl ich das Klima retten möchte –, erzeugt das innere Spannungen. Diese sind sehr unangenehm, wir möchten sie auf jeden Fall auflösen.

Doch Gewohnheiten zu ändern ist sehr, sehr anstrengend. Neurologen gehen davon aus, dass es zwischen 18 und 254 Tagen braucht, bis alltägliche Dinge zur Routine werden und wir sie danach ohne grössere Überwindung erledigen. Weil viele das nicht schaffen, suchen sie andere Wege, um sich von ihren inneren Spannungen zu befreien. Wie sie das tun, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Manche sind sich ihrer Angst nicht bewusst und schimpfen stattdessen auf Gretas angebliche Scheinheiligkeit. Andere wählen selektiv jene Informationen aus, die mit ihrem Weltbild übereinstimmen und ignorieren alle anderen – die bevorzugte Strategie der Klimaleugner. Wieder andere geben vor, keine Wahl zu haben oder spielen die Sache herunter – so wie ich, wenn ich wieder einmal lang und heiss dusche. Kurz: Weil wir mit unseren Ängsten nicht klarkommen, überlisten wir uns kurzerhand selbst.

Einige Wochen nach dem erfolglosen ersten Versuch nehme ich «Die unbewohnbare Erde» wieder in die Hand – jenes Buch mit dem deprimierenden Auftakt, das seit längerer Zeit auf meinem Nachttisch liegt. Dieses Mal schaffe ich es bis zum Ende – und bin überrascht. Nachdem der Autor über 200 Seiten die «Elemente des Chaos» beschreibt und zwischendurch sogar dem Leser gratuliert, dass er es bis hierher geschafft hat, lässt er gegen Ende Hoffnung aufkommen: «Der Pfad, auf dem wir uns als Planet bewegen, sollte jeden, der darauf lebt, in Angst und Schrecken versetzen, aber wenn wir wie ein Volk denken, liegen alle wichtigen Dinge in unserer Hand (...) Wir müssen uns nur unserer Verantwortung annehmen.»

Wieder frage ich mich: Ist es angebracht, daran zu glauben, dass die Menschheit der Apokalypse in letzter Sekunde von der Schippe springt wie ein Actionheld aus Hollywood? Eine Gruppe angesehener Wissenschaftler kritisierte den Autoren David Wallace-Wells in einem offenen Brief. Sein Buch ende viel zu optimistisch. Doch mehr als je zuvor bin ich der Meinung, dass wir zumindest diesen Schimmer Hoffnung brauchen. Und zwar nicht nur unseren Kindern zuliebe. Sondern weil die Angst uns nicht mehr weiterbringt. Wir stehen vor einer grossen Aufgabe, jeder Einzelne von uns. Sie lautet: Aufhören, sich selbst zu betrügen. Und stattdessen anfangen, seine Gewohnheiten zu hinterfragen. Dabei können wir einen Coach gebrauchen, der uns hin und wieder zuruft: «Wir müssen daran glauben, dass wir es schaffen können; jeden Tag aufs Neue.»

Hintergründe im Podcast: Mehr zu diesem Artikel und Simon Jäggis Essay «Zeit der Utopien» aus Surprise 467 auf: surprise.ngo/talk