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Challenge League
Der Einsamkeit entfliehen

In der Kultur vieler eritreischer Ethnien spielt die Familie bei der Hochzeit eine wichtige Rolle. Diese reicht vom Suchen eines geeigneten Ehepartners über die Planung und Durchführung der Hochzeit bis zum Aufbau der neuen Familie. Es gibt die standesamtliche und die innerhalb der Glaubensgemeinschaften geschlossene Trauung. Praktiziert wird meist nur die zweite Variante. Es ist ein grosser Traum vieler Eltern, die Hochzeit ihrer Kinder zu erleben. Die Verantwortung für eine gelungene Hochzeit liegt deshalb nicht nur beim Ehepaar, sondern auch bei der Familie und den Bekannten. Eingeladen werden hunderte Menschen, man rechnet aber auch mit Gästen, die ohne Einladung kommen, und heisst diese willkommen. Mit der zunehmenden Anzahl von Personen, die aus Eritrea fliehen, wird die Durchführung einer standesgemässen Hochzeit von weiteren Faktoren beeinflusst: Viele Geflüchtete vermissen den Sinn einer Hochzeit, wenn sie diese ohne die Eltern feiern müssen. Die Notwendigkeit eines solchen Festes erschliesst sich ihnen nicht mehr. Diejenigen, die es sich finanziell leisten können und einen entsprechenden Aufenthaltsstatus haben, versuchen, ihre Hochzeit in einem der Nachbarländer Eritreas auszurichten, damit auch die Eltern teilnehmen können.

Ich bin zu einer Hochzeit in Bern eingeladen. Das Ehepaar ist Anfang zwanzig, ich habe sie vor einigen Jahren betreut. Beide, Braut und Bräutigam, haben Eritrea als Kinder ohne ihre Eltern verlassen. Das war vor fünf Jahren. Nach mehreren Jahren auf der Flucht landeten sie in der Schweiz, wo sie als «Unbegleitete Minderjährige Asylsuchende (UMAs)» kategorisiert wurden. Sie kamen im gleichen Asylzentrum im Kanton Bern unter und lernten sich dort kennen. Obwohl sie noch jung waren, haben sie sich schnell entschieden zu heiraten, um hier eine Familie zu gründen und der Einsamkeit zu entfliehen, sagen beide. Wie für viele andere UMAs war es für diese zwei nicht einfach, sich im Alltag zurechtzufinden. Glücklicherweise haben beide einen positiven Asylentscheid erhalten und konnten in den letzten Jahren Integrationsangebote besuchen und mehrere Schnupperpraktika machen. Auch deshalb haben sie ihre Heiratsidee zunächst verschoben und trauen sich erst jetzt, seit sie überzeugt sind, dass sie auf einem guten Weg sind.

Für viele Menschen hierzulande ist es nicht einfach sich vorzustellen, wie Kinder ohne ihre Eltern flüchten, teilweise über die gefährlichsten Routen. Auch mir geht es so. Ich werde oft gefragt: Wie haben sie es alleine geschafft? Wer hat ihnen geholfen? Wer hilft ihnen jetzt? Wie leben sie hier? Und so weiter. Wer heute zu dieser grossen Hochzeit ehemaliger UMAs eingeladen ist, wird wahrscheinlich auch solche Fragen stellen. Als die beiden mich einluden, war meine erste Frage hingegen: So ein grosses Fest – habt ihr genug Leute, die euch helfen können? Auf dem Fest hatte ich gemischte Gefühle. Einerseits war ich berührt davon, dass die Gäste fast alle ehemalige UMAs waren, darunter wenige ältere Leute, die auch ein bisschen die Rolle der Eltern spielten. Andererseits war ich auch erstaunt darüber, wie diese Gruppe mit viel Verantwortungsbewusstsein und solidarisch die Hochzeit organisiert hat und nun durchführt. Wie eine junge Frau mir sagte: «Wir alle haben keine Eltern hier, also müssen wir die Verantwortung übernehmen, diese Hochzeit durchzuführen.»

Das zeigt: UMAs sind nicht nur eine verletzliche Gruppe junger Menschen, die mit roten Schuhen und einem Bier am Bahnhof abhängen oder Schlägereien anzetteln. Sie können auch solidarisch als Familie die Hochzeit ihrer Freunde organisieren. Sie sind nicht nur faul und unmotiviert, sondern geben sich Mühe, eine Ausbildung zu machen, und verschieben sogar ihre Hochzeitspläne, um ihre Ziele zu erreichen. Ich war froh, an dieser Hochzeit teilgenommen zu haben, und ging inspiriert nach Hause.