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Strassenmagazin-Kollumne: Challenge League
Der Saz-Sozialist

Wenn ich mich in der Autonomen Schule Zürich mit meinen Freunden traf, sah ich oft auch Kamran, der als Aktivist in der Schule arbeitete. Ich stellte mir immer vor, er käme aus Skandinavien, wegen seines Aussehens und weil er gebrochen Deutsch sprach. Er war immer im Stress. Als ich ihn eines Tages richtig kennenlernte, stellte ich erstaunt fest, dass er Kurde ist, wie ich. Mit vollem Namen heisst er Kamran Mohammadi. In Teheran hatte er Musiktheorie studiert und war ein Profi auf der Saz, einer orientalischen Langhalslaute. Am «Markaz-e Gostaresh», wo er selbst studiert hatte, unterrichtete er Saz und Musiktheorie. Weil er damit aber nicht genug Geld verdiente, begann er 2006 ein zweites Studium: Tiefbau-Ingenieurwesen an der Universität in Kermanschah, einer Stadt im kurdischen Teil des Irans. «Danach habe ich Saz nur noch für mich zuhause gespielt», erinnert sich der 32-Jährige.

Über Studentenjobs kam er mit Arbeitern in Kontakt, die unter den schweren Arbeitsbedingungen auf dem Bau litten. Das motivierte Kamran dazu, sich für die Rechte der Arbeiter starkzumachen. Mit unmittelbaren Folgen: «Ende 2013 musste ich wegen der Bedrohung durch das Regime fliehen.» Im Februar 2014 kam er in die Schweiz.

Am Flughafen Zürich wurde er in ein Zimmer gesperrt, weil er ohne Pass einreisen wollte. Also beantragte Kamran Asyl, doch innerhalb der ersten drei Wochen bekam er zwei negative Entscheide von den Behörden. Heute belächelt er seine eigene Naivität: «Ich habe gedacht, dass mir der rote Teppich ausgerollt würde. Aber mein Weg führte direkt ins Gefängnis.» Erst Ende August 2014 betrat er das erste Mal die Stadt Zürich. Heute besitzt Kamran einen F-Ausweis. Denn er konnte dem Staatssekretariat für Migration beweisen, dass er als Mitglied der Komala-Partei – einer sozialistisch-kommunistischen Partei im iranischen Teil Kurdistans – politisch verfolgt wurde. «Nachdem ich mit den Arbeitern Demonstrationen organisiert hatte, bekam ich im Iran viele Probleme.» Er habe eine schwierige Zeit hinter sich, sagt Kamran: «Das Problem war nicht nur der negative Entscheid der Schweizer Behörden, sondern der Kummer darüber, dass ich nicht bei der Trauerfeier meiner Eltern dabei sein konnte. Mehrfach habe ich mit dem Gedanken an Suizid gespielt.» Innerhalb der letzten zwei Jahre starben sowohl Kamrans Mutter als auch sein Vater.

Doch Kamran biss sich durch die Trauer. Irgendwann brachte ein kurdischer Freund, der in Kamrans Asylaufnahmezentrum als Sozialarbeiter arbeitete, eine Saz mit. Kamran verriet ihm, dass er gut Saz spielen könne. «Also habe ich gespielt und er hörte zu. Am Ende hat er mir die Saz geschenkt.» Das war ein guter Einstieg in die Schweiz.

Nach und nach lernte Kamran andere Musiker in der Schweiz kennen, mit denen er auch Konzerte spielen konnte. Im Herbst 2015 gründete er die Musikgruppe Mezo. Die Musiker stammen alle aus dem Nahen Osten, viele sind Kurden und Iraner. Kamran betont: «Wir spielen Musik aus unserer Region, gemischt mit westlicher Musik.» Kamran spielt nicht nur Saz, sondern auch Oud, ein mit der Laute verwandtes Saiteninstrument. Und er singt. Vor ein paar Monaten hatte er einen Auftritt bei einem Event zur kurdischen Sprache an der Sprachwissenschaftlichen Fakultät der Uni Zürich. Alle Anfragen aber nimmt Kamran nicht an: «Manche Angebote lehne ich ab, sobald ich merke, dass man mich für irgendeine politische Agenda benutzen will.» Sein nächster Plan ist, ein Album mit seiner Musik und seinen Liedern aufzunehmen. Aber dazu braucht es viel Geld, das muss er erst einmal zusammensammeln.

 

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