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Bullshit-Jobs
Der Mensch und die Arbeit: eine Hassliebe

Wir erfinden Jobs, die keinen Sinn machen, sagt der Anthropologe David Graeber. Doch wenn sinnlose Arbeit krank und unglücklich macht, warum gibt es sie dann?

Wenn es eines gibt, was die Corona-Krise uns Gutes gebracht hat, dann dass wir uns wieder darauf einlassen, darüber nachzudenken, ob unsere Lebensweise sinnvoll und richtig ist. Viele Diskussionen drehen sich dabei um Arbeit. Wie wir Arbeit und Familie organisieren – und wie abhängig die Berufstätigkeit der Eltern von einer verlässlichen Kinderbetreuung ist. Zu Recht fragen wir uns, warum einzelne Berufsgruppen wie die Krankenpflege, aber auch die Alterspflege nicht in dem Masse wertgeschätzt werden, wie wir sie brauchen. Klatschkonzerte sind keine Entschädigung.

Viele dieser Diskussionen sind nicht neu. Aber nun lassen sich viel mehr Menschen ernsthaft darauf ein – weil sie plötzlich Zeit dazu haben, weil sie erstmals selbst betroffen sind oder weil sich durch die Krise psychologisch etwas verändert hat. Plötzlich sind wir gezwungen, im Alltag flexibel zu sein, also machen wir auch an anderer Stelle auf. Was ist, wenn wir dauerhaft Dinge verändern müssen? Was ist, wenn wir jetzt entscheiden können, was in Zukunft Normalität wird?

Einer, der sich darüber schon länger Gedanken macht, ist der US-amerikanische Anthropologe David Graeber. In seinem Buch «Bullshit Jobs – Vom wahren Sinn der Arbeit» geht er der Frage nach, warum heutzutage sehr Menschen Tätigkeiten nachgehen, in denen sie persönlich keinen Sinn sehen und die noch dazu nicht fehlen würden, wenn man sie einfach wegliesse. Graeber nennt diese Tätigkeiten Bullshit-Jobs, was nett übersetzt so etwa Unsinns-Arbeiten heisst: «Ein Bullshit-Job ist eine Form der bezahlten Anstellung, die so vollkommen sinnlos, unnötig oder gefährlich ist, dass selbst derjenige, der sie ausführt, ihre Existenz nicht rechtfertigen kann, obwohl er sich im Rahmen der Beschäftigungsbedingungen verpflichtet, so zu tun, als sei dies nicht der Fall.»

Bereits 2013 hatte Graeber in einem vielbeachteten, provokativen Aufsatz die Frage gestellt: «Leistet Ihre Arbeit einen sinnvollen Beitrag zur Welt?» Daraufhin erreichten ihn viele Zuschriften. Tatsächlich scheint es eine grosse Anzahl Menschen zu geben, die ihren tendenziell gut bezahlten und mit Ansehen verknüpften Job eigentlich als sinnlos empfinden. Darunter sind Angestellte von Universitäten, Finanzberater, Leute aus der Filmwelt, dem IT-Bereich und vielen anderen Sparten. Graeber fragt sich: Wenn diese Menschen eigentlich wissen, dass ihre Arbeit sie nicht persönlich befriedigt und auch sonst keinen Wert für die Welt schafft, warum gehen sie ihr dann nach? Und wie kommt es überhaupt dazu, dass derart viele Menschen offenbar sinnlosen Tätigkeiten nachgehen und dafür bezahlt werden?

In seiner Analyse trennt Graeber drei Ebenen: die persönlichen Beweggründe, die strukturellen Ursachen und die kulturell-politischen Hintergründe. Auf der persönlichen Ebene ist sehr unterschiedlich, welche Erwartung jeder Einzelne an Arbeit hat. Die einen sind froh, wenn sie ihre Familie ernähren können, die anderen möchten mit ihrem Tun gesellschaftlich etwas bewegen. Manche möchten etwas zu tun haben, andere ihren Wohlstand oder ihr Ansehen mehren. Aus welchem Grund auch immer man den einen oder anderen Beruf wählt, für uns alle gilt: Wir sind abhängig von Arbeit. Weil unsere kapitalistisch geordnete Welt so funktioniert, dass wir – solange wir nicht zu den wenigen gehören, die über entsprechendes Vermögen verfügen – unser Leben über den Verkauf unserer Arbeitszeit finanzieren, also arbeiten müssen, um ein Leben in Würde führen zu können. Würde heisst: unabhängig und selbstbestimmt.

Graeber stellt fest, dass es Sektoren gibt, in denen der Anteil an Bullshit-Jobs aus strukturellen Gründen überdurchschnittlich stark zugenommen hat. Als Beispiel nennt er den Finanzsektor: Die Bankenkrise 2008 habe deutlich gezeigt, dass viele Tätigkeiten im Finanzsektor keinem konkreten Sinn folgten – wie zum Beispiel Investitionen in gewinnbringende Anlagen von Handel und Industrie zu tätigen –, sondern einzig dazu dienten, ein äusserst komplexes Geflecht verschiedener Formen von Schulden aufrechtzuerhalten, das über Tricks und Betrügereien einige wenige noch reicher macht, als sie es schon sind. Dabei ahnen viele Angestellte im Finanzsektor sehr wohl, dass sie eine Arbeit verrichten, die dem Erhalt der Gesellschaft schlimmstenfalls sogar zuwiderläuft (wie 2008, als die Banken mit Steuergeldern gerettet werden mussten). Gleichzeitig bedeutet dies jedoch nicht, dass jeder im Finanzsektor Angestellte sich des Betruges schuldig macht, noch dass alle Bankmitarbeiterinnen das komplexe Geflecht durchschauen, mit denen ihre Arbeitgeberinnen Reichtum schaffen.

 

Den Anfang der überbordenden Bullshittisierung unserer Arbeitswelt verortet Graeber in den 1970er-Jahren. Damals führte eine durch die Automatisierung ermöglichte gesteigerte Produktivität zu einem immensen Anwachsen der Profite. Anstatt diese jedoch den Arbeitenden zugutekommen zu lassen, beispielweise durch geringere Arbeitszeiten bei gleichem Lohn, flossen die Profite einerseits in Privatvermögen und andererseits in «die Schaffung ganz neuer, grundsätzlich sinnloser professioneller Managerposten, die in der Regel von kleinen Armeen ebenso nutzloser Verwaltungskräfte begleitet waren».

 

Diese Managerklasse, die Human-Resources-Abteilungen eröffnete und Business-Development-Assistenten einstellte, identifizierte sich immer weniger mit den Unternehmen, in denen sie angestellt war, und mehr mit ihresgleichen. Ein System des Selbsterhalts entwickelte sich und hebelte sogar alte neoliberale Glaubensgrundsätze aus, die bisher alle davon zu überzeugen versuchten, dass es in der Privatwirtschaft keine überflüssigen Jobs gebe. Dabei konnten Unternehmen früher ohne Schwierigkeiten Angestellte einstellen, ohne dafür eine ganze Human-Resources-Abteilung zu unterhalten. Erklären lässt sich laut Graeber diese Entwicklung, wenn man die neu entstandene Klasse von Angestellten im Anzug («white collar workers») als Feudalsystem betrachtet. Denn sie zeige «dieselbe Neigung, endlose Hierarchien von Herren, Vasallen und Gefolgsleuten hervorzubringen». Die scheinbar fehlende wirtschaftliche Logik ist einer politischen Logik gewichen.

Anstatt also die Computer und Maschinen für uns arbeiten zu lassen und unsere Zeit mit anderem zu verbringen, arbeiten wir im Schnitt noch mehr als früher. Und sind dabei nicht besonders erfüllt. Im Gegenteil: Immer noch macht Arbeit krank. Nun sind es nicht mehr nur die körperlich ungesunden Arbeiten, wie die Arbeit auf dem Bau, an Maschinen oder in lauter Umgebung, die den Menschen zu schaffen machen. Wo der Sinn der Arbeit unklar ist, der Druck zu hoch oder das Umfeld feindlich, macht sich dies ebenfalls gesundheitlich bemerkbar. Ein Burn-out wird immer häufiger diagnostiziert.

Und hier kommt Graeber zu den kulturell-politischen Gründen der Misere. Warum halten wir dieses System aufrecht, warum erkennen wir darin nicht einmal ein grundlegendes strukturelles Problem? Er verweist hier auf etwas, was er das «Paradoxon der modernen Arbeitswelt» nennt: Würde und Selbstwert sind für die meisten Menschen eng mit dem Verdienen ihres Lebensunterhaltes durch Arbeit verknüpft. Gleichzeitig hassen die meisten Menschen ihren Job. Und das halten wir für normal. Deshalb können wir auch ohne Probleme akzeptieren, dass man, je wichtiger ein Job für den Fortbestand und das Funktionieren unserer Gesellschaft ist, desto weniger Lohn im Schnitt dafür bekommt. (Eine seltene Ausnahme bilden hier die Ärztinnen und Ärzte.) Der Sinn einer Arbeit wird sozusagen als Teil ihrer Entlohnung gesehen.

Offenbar können wir uns persönlich, aber auch gesamtgesellschaftlich nur sehr schwer eingestehen (oder auch nur vorstellen?), dass wir womöglich einen Hauptteil unserer Lebenszeit in sinnfreie Beschäftigung stecken. Und selbst wenn der Einzelne es ahnt, fällt es ihr immer noch schwer, sich mit anderen darüber auszutauschen, deren Selbstwert und Identität an denselben Arbeitswelten hängt. Zudem hängen wir finanziell von unseren Jobs ab. Und es gibt Menschen und Strukturen, die davon profitieren – auch von unserer zeitlichen Dauerbeschäftigung. Wer weiss, auf welche Gedanken man käme, hätte man plötzlich mehr Zeit? Natürlich ist das stark verkürzt dargestellt und in der Analyse absichtlich provokativ. Man muss Graeber nicht in allem zustimmen. Aber dass etwas falsch läuft, wenn wir einen Grossteil unserer Lebenszeit in etwas investieren, was uns unglücklich oder krank macht, darin sind sich wohl die meisten einig. Es ist noch nicht lange her, da hat das Stimmvolk sich gegen das bedingungslose Grundeinkommen entschieden. Jetzt, wo wir durch das Virus aus dem Arbeitsalltag gerissen wurden und uns neu organisieren, haben wir die Chance, noch einmal anders darüber nachzudenken, was uns Arbeit bedeutet – persönlich, gesellschaftlich und strukturell. Wir haben Graebers Frage aufgegriffen und sechs Menschen um einen Einblick in ihre Arbeitssituation gebeten. Lesen Sie nachstehend, wie es ihnen geht.

«Menschen statt Märkte»

Christian Hagen, 52, Vertriebsleiter Hinz&Kunzt, Hamburg

«Mit 38 war ich an Leukämie erkrankt. Nur noch eine Stammzelltransplantation konnte mir helfen. Ich hatte riesiges Glück: Zum Glück fand sich ein geeigneter Spender und die Transplantation war erfolgreich.

Ich entschied mich dafür, meinen Job in einer Werbeagentur aufzugeben. Rückblickend glaube ich, dass dieser mitverantwortlich dafür gewesen war, dass ich erkrankte. Wenn du über viele Jahre unter ständigem Zeitdruck über deinem Energielimit arbeitest, dann schwächt dies zwangläufig deine Konstitution und du wirst anfälliger für Krankheiten. Mein Fachgebiet war die strategische Markenentwicklung. Ich arbeitete oft sechzig bis achtzig Stunden pro Woche. Die Arbeitszeiten waren nicht das Problem, sondern die Menge an Projekten, die ich in dieser Zeit stemmen musste. Zum Stress kam irgendwann auch Frust hinzu, weil aufgrund der hohen Arbeitsbelastung die Qualität nicht mehr stimmte.

Also suchte ich einen sinnvollen Job. Ich wollte eine Arbeit, mit der ich etwas zurückgeben konnte von der Unterstützung und Fürsorge, die ich als Leukämiepatient erfahren hatte. Fündig wurde ich beim Hamburger Strassenmagazin Hinz&Kunzt. Dort bin ich inzwischen seit zehn Jahren, acht davon als Vertriebsleiter. Der Unterschied zu früher ist: Jeden Tag bekomme ich erneut die Chance, etwas Sinnvolles zu tun. Um etwas zum Guten zu verändern, reicht es häufig, wenn ich einem Verkäufer meine Zeit und Aufmerksamkeit widme und die Bereitschaft zeige, eine Lösung zu suchen. Diese Möglichkeit zu helfen ist schnell, direkt und persönlich. Ganz im Gegensatz dazu die strategische Markenarbeit, hier zeigt sich der Erfolg deiner Arbeit zeitlich verzögert. Früher ging es um Märkte und Zielgruppen, heute geht es um Menschen.

Die strategische Markenentwicklung finde ich auch heute noch spannend. Darum bin ich neben meiner Teilzeitarbeit für Hinz&Kunzt noch immer auf dem Gebiet tätig – als Selbständiger. Anders als früher kann ich mir nun selbst aussuchen, wie viele Projekte ich annehme. Es kommt auch heute noch vor, dass ich eine 60-Stunden-Woche habe. Das fühlt sich dann aber völlig anders an als früher: erfüllter.»

Aufgezeichnet von Andres Eberhard

«Ich war unzufrieden, hatte ein schlechtes Gewissen»

Igor*, 38, Web-Entwickler, Zürich

«Als ich an der Uni war, bekam ich ein Forschungsprojekt, das mir und zwei anderen Studierenden auf den Leib geschrieben war. Doch kaum waren die Gelder bewilligt, verlor der Professor das Interesse am Projekt. Niemand wusste, was wir mit unserer Zeit anfangen sollten. Wir kamen jeden Morgen ins Büro, machten uns einen Kaffee und sassen herum. Ein Forschungsteam ohne Forschung.

Ich wurde immer unzufriedener und hatte ein schlechtes Gewissen. Immerhin hatte ich das Privileg einer Forschungsstelle. Und ans Aufhören zu denken, fühlte sich falsch an.

Nach einem halben Jahr wurde ich depressiv und kündigte. Das Einwerben von Forschungsgeldern zur Aufrechterhaltung des Geldflusses, zum Statuserhalt und zur Schaffung von teilweise leeren Stellen ist ein systemimmanentes Problem an der Universität. Für die beiden ausländischen Studierenden hing daran immerhin noch eine anderweitig statusrelevante Dissertation in der Schweiz, die sie nicht einfach aufgeben wollten. Mir aber machte das Ganze gesundheitlich zu schaffen.

Später arbeitete ich als IT-Mitarbeiter in einer öffentlichen Institution. Dieser Job war vor allem auf der persönlichen Ebene nicht erfüllend, da die Wichtigkeit von dem, was ich an Arbeit leistete, für niemanden in der Welt ersichtlich war. Heute mache ich einen Job, der mit meinem ursprünglichen Studienfeld nichts zu tun hat, mich aber erfüllt. Er ist kreativ, abwechslungsreich, relevant im Sinne meiner konkreten Arbeit, die auch für andere sichtbar ist. Leute nutzen, was ich erstellt habe. Das gefällt mir. *Name der Redaktion bekannt

Aufgezeichnet von Sara Winter Sayilir

«So funktioniert Sozialarbeit nicht»

Maria*, 40, Familienbegleiterin, Grossstadt in Deutschland

«Ich arbeite als Familienbegleiterin für das Jugendamt (ähnlich der KESB in der Schweiz), bin aber nicht direkt beim Jugendamt angestellt, sondern bei einem externen Dienstleister, der uns an das Jugendamt und die betroffenen Familien vermittelt. Oft werden Fälle ans Jugendamt herangetragen, die im Rahmen dessen, was es leisten kann, gar nicht lösbar sind. Häufig arbeitet man irgendwie mit den Familien, ‹bleibt am Ball›, kann aber nicht wirklich eingreifen. Wie sehr kann man das Kindeswohl in einer Stunde pro Woche verbessern? Was kann man in dieser einen Stunde überhaupt sehen und wahrnehmen? Es liegt viel Verantwortung auf uns Fachkräften, die wir aufgrund der kurzen Beobachtungszeit beurteilen sollen, ob eventuell noch mehr eingegriffen werden muss. Das ist belastend.

Wir müssen alles, was wir tun, minutiös nachweisen: Was genau man wo geleistet hat. So funktioniert Sozialarbeit aber nicht. Für den Austausch mit Kollegen ist kein Geld da. Dies kann auch nicht über das Jugendamt abgerechnet werden. Auf mich wirkt das System manchmal extrem unmenschlich: für die Klienten, aber auch für die Fachkräfte.

Manche Fälle müsste man eigentlich abgeben. Dann hätte ich als betreuende Fachkraft aber weniger Fälle, und ich bin von der Anzahl der geleisteten Stunden finanziell abhängig. Dadurch werden Begleitungen aufrechterhalten, die eigentlich nicht sinnvoll sind. Viele Klienten müssten eigentlich stationär untergebracht werden, wir ziehen den Prozess sinnlos in die Länge.

Ich sehe dieselben Frustrationen auch bei Kolleginnen. Viele denken übers baldige Abspringen nach. Und darauf bauen die Firmen, so kann man die Löhne niedrig halten, der Wechsel ist extrem hoch. Es fehlt da an Menschlichkeit im System. Natürlich gibt es auch gute Leute in der Maschinerie, aber was wir tun ist nicht einfach gut, weil wir versuchen, das Beste zu machen. Ich bin jetzt schon seit drei Wochen krankgeschrieben. Die Ärztin sagt, ich befände mich an der Grenze zum Burnout.»

*Name der Redaktion bekannt

Aufgezeichnet von Sara Winter Sayilir

«Ein Mensch und kein Roboter»

Fabian Schläfli, 33, Surprise-Verkäufer, Basel

«Seit achtzehn Jahren arbeite ich in verschiedenen Behindertenwerkstätten. Ich habe schon Futter für Zuchtratten abgepackt, Abstimmungscouverts bestückt oder eine Schrumpfmaschine bedient, die Plastikfolie um Shampooflaschen wickelt. Heute etikettiere ich auf dem Werkplatz Liestal Verpackungen für Teile von Wasserhähnen. Neben meiner Arbeit in der Werkstatt verkaufe ich Surprise am Bahnhof Basel. Ab und zu mache ich dort auch Musik, von meinem Ersparten habe ich mir eine Drehorgel gekauft.

Diese Arbeiten machen mir Spass, doch mein Traum ist ein Job auf dem ersten Arbeitsmarkt. Aber es gibt heute einfach zu wenige solche Stellen. Seit zehn Jahren suche ich schon, in dieser Zeit habe ich hunderte, ja tausende Bewerbungen abgeschickt. Meistens kommt nicht einmal ein Dankeschön für den Versuch. Niemand nimmt mich so, wie ich bin. Die Chefs haben zu wenig Geduld mit Menschen wie mir. Als ich zwei Jahre alt war, erlitt ich eine Hirnhautentzündung und bekam epileptische Anfälle. Da war klar, dass ich nie lesen und schreiben lernen würde. Wegen meiner geistigen Behinderung bekomme ich eine volle IVRente sowie Ergänzungsleistungen.

Das Problem ist der Leistungsdruck. Das habe ich bei meiner letzten Stelle erfahren. Ich musste verschiedene Produkte verpacken. Sie drehten die Auflage hoch und alles ging immer schneller, noch schneller, noch schneller gehen. Da kam ich nicht mehr mit, und sie haben jemand anderen hingestellt. Mir gaben sie eine Dubeli-Arbeit in der Montage. Etwas später bekam ich dann Probleme mit einer Arbeitskollegin und wechselte in die Werkstatt nach Liestal.

Ich bin einer, der macht, was der Chef sagt. Aber wenn etwas pressiert, dann habe ich Mühe. Ich bin sehr kontaktfreudig, aber wenn es Konflikte gibt, beziehe ich die auf mich und fühle mich schnell ausgenutzt. Ich bin eben ein Mensch und kein Roboter.»

Aufgezeichnet von Andres Eberhard

«Ich hatte keinen Stress und war doch immer müde»

Anja Maurer, 37, Projektleiterin bei Smart Energy Link, Bern

«Ich habe Geschichte und Politikwissenschaft studiert. Dabei merkte ich schnell, dass sich auf dem Arbeitsmarkt niemand um diese Fächer reisst. Zum Glück fand ich nach dem Studium eine Stelle beim EDA und wechselte nach einigen Jahren ins Bundesamt für Energie. Eine unglückliche Liebesgeschichte sorgte dafür, dass ich früher als geplant ging.

Hals über Kopf nahm ich einen Job im Verwaltungsbereich eines grossen Spitals an. Eine Chance, dachte ich. Der Krankenhausalltag übt seit meiner Kindheit eine grosse Faszination auf mich aus. Als Mutterschaftsvertretung sollte ich in der administrativen Leitung arbeiten. Was dort meine Aufgabe war, kann ich nicht richtig erklären, denn das wurde nie genau definiert. Ich sollte Projekte koordinieren. Obwohl viel angerissen wurde, dachte man nichts zu Ende. Die Führung war schwach. Fehlende Strukturen und Widersprüche sorgten für Unsicherheit und schlechte Stimmung. So hatte ich zu wenig Arbeit. Mit der Zeit begann ich, an mir zu zweifeln. Und obwohl ich keinen Stress hatte, war ich abends immer müde. Ich schaffte es nicht mal mehr, ein Buch zu lesen. Hinzu kamen mit der Zeit Schlafprobleme.

Auch wenn es meinen Job so nicht gebraucht hätte, hatte er leider auch Vorteile. Man verdient darin verhältnismässig gut, ohne viel dafür zu leisten. Bei manchen hätte man nicht gemerkt, wenn sie einen Monat lang nichts getan hätten, und es ist eine komfortable und sichere Arbeit. Ich wollte im Job aber nicht bloss funktionieren, ich wollte nicht weitermachen. Darum bin ich froh, noch rechtzeitig den Absprung geschafft zu haben. Heute arbeite ich in einem Start-up im Energiebereich. Dieses Thema interessiert mich und ich kann etwas bewegen. Das motiviert und macht mich glücklich.»

Aufgezeichnet von Florian Wüstholz

«Ich weiss, mein Job ist wichtig»

Marc Flükiger, 25, Belader bei Entsorgung + Recycling, Bern

Seit zwei Jahren arbeite ich als Belader bei der Abfallentsorgung in Bern. Eigentlich kam ich eher zufällig zu diesem Job, gelernt habe ich Fachmann Betriebsunterhalt. Doch weil ich nach dem Abschluss nicht beim Betrieb bleiben konnte, kam ich zur Abfallentsorgung.

Jeden Morgen geht unsere Tour um sieben los. Wir fahren durch die Quartiere, die Innenstadt, manchmal auch über Land und sammeln Haushaltsabfall, Grüngut oder Altpapier. Das Schleppen und Heben geht irgendwann in den Rücken. Ohne die richtige Technik ist das gefährlich. Trotzdem mag ich meine Arbeit – an den Geruch gewöhnt man sich ziemlich schnell. Schlimmer ist das Wetter. Wenn es kalt ist und den ganzen Tag regnet, kann einen das schon fertigmachen.

Im Moment sehen wir viele nette Botschaften an den Kehrichtsäcken. Die Menschen bedanken sich für unsere Arbeit. Und auch sonst erlebe ich bei der Arbeit viel Wertschätzung. Vor allem Kinder haben eine Riesenfreude an uns. Fahren wir an einer Kita vorbei, winken sie uns. Diese Dankbarkeit motiviert mich. Ich weiss auch, dass der Job enorm wichtig ist. Wir verursachen doch alle unseren Müll – auch ich.

Geld ist für mich nicht so wichtig. Schon möglich, dass ich weniger verdiene als jemand, der im Büro arbeitet. Aber ich bin gerne draussen und gebe der Gesellschaft etwas Gutes zurück. Zum Beispiel saubere Strassen und Ordnung. Am Abend nach der Arbeit bin ich müde und weiss, was ich den ganzen Tag gemacht habe. Das ist mir wichtig. Darum bin ich auch glücklich und dankbar für meine Arbeit.

Aufgezeichnet von Florian Wüstholz


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