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Die Sozialzahl
Die AHV ist keine Giesskanne

Die Mehrheit der Stimmenden hat im September die Initiative des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes für eine kleine Erhöhung der AHV-Renten abgelehnt. Bald werden wir zu einer weit grösseren Reform der Altersvorsorge Stellung nehmen müssen. Verfolgt man die Diskussion im Parlament und in den Medien, so ist man immer wieder erstaunt darüber, wie begrenzt das Wissen über diese Altersvorsorge ist.

Konzentriert man sich auf die AHV, muss man drei Stichworte kennen: Die AHV ist eine Sozialversicherung, sie finanziert ihre Rentenleistungen über das Umlageverfahren und basiert auf einem  Generationenvertrag.

Die AHV ist für alle obligatorisch. Unabhängig davon, ob man erwerbstätig ist oder nicht, hat man Beiträge an die AHV zu leisten. Wer nichts verdient, zahlt einen minimalen Beitrag. Erwerbstätige kennen die Lohnabzüge, die in gleicher Höhe von den Beschäftigten und deren Arbeitgebern zu entrichten sind. Im Moment belaufen sich diese auf je 4,2 Prozent. Dabei ist das gesamte Lohneinkommen AHV-pflichtig. Im Gegensatz zu anderen Sozialversicherungen kennt die AHV keine Obergrenze bei den Beiträgen.

Anders sieht dies auf der Leistungsseite aus. Die minimale Rente für eine einzelne Person beträgt 1175 Franken. Die maximale Rente darf nur doppelt so hoch sein, also 2350 Franken nicht übersteigen. Wer über die Jahre im Schnitt mehr als rund 84 000 Franken verdient, zahlt mehr ein, als ihm oder ihr später an Rente zusteht.

Die AHV ist eine gewollte Umverteilung von oben nach unten. Deshalb ist die AHV eine Sozialversicherung. Weil alle Personen in der Schweiz in dieses Obligatorium eingebunden sind, bekommen auch alle eine Rente, wenn sie das Pensionierungsalter erreichen. Und zwar unabhängig davon, ob sie diesen Betrag brauchen oder nicht. Die AHV ist keine Giesskanne, mit der Wasser auch dorthin geschüttet wird, wo es gar nicht gebraucht wird. Die AHV ist eine Versicherung, die im «Schadensfall» gegenüber allen Versicherten ihre Leistung zu erbringen hat.

Sobald man sich auf das Argument einlassen würde, dass Gutverdienende die AHV doch gar nicht benötigen, würden diese sich auch von der Beitragspflicht befreien wollen. Hier ist an das mahnende Wort des einstigen Bundesrats Willi Ritschard zu erinnern: «Es mag sein, dass die Reichen die AHV nicht brauchen, aber die AHV braucht die Reichen.»

Die AHV ist eine einfach organisierte Sozialversicherung. Was sie an einem Tag einnimmt, geht am anderen Tag als Rente wieder raus. Mit diesem Umlageverfahren werden über ein Jahr Renten in der Höhe von rund 42 Milliarden Franken ausbezahlt. Die AHV wird nicht nur über die Lohnabzüge finanziert. Sie erhält auch Mittel aus Konsumsteuern: Ein Prozent der Mehrwertsteuer und der grösste Teil der Alkoholund Tabaksteuer sowie der Spielbankenabgabe fliessen der AHV von der öffentlichen Hand zu. Dazu kommen noch Kapitalerträge auf den AHV-Fonds, in dem eine Reserve von rund einem Beitragsjahr liegt. Weil diese Erträge eher bescheiden ausfielen, verzeichnete die AHV-Rechnung im Jahr 2015 ein Defizit.

Ob die AHV auch noch in 20, 30 oder 40 Jahren funktionieren wird, ob also auch die Jungen einmal eine Rente aus der ersten Säule erhalten werden, das hängt davon ob, ob der Generationenvertrag zur AHV halten wird. Dieser Vertrag bindet immer drei Generationen: jene der Grosseltern, der Eltern und der Kinder. Die Eltern finanzieren die Renten der Grosseltern und das Aufwachsen der Kinder. Sie tun dies im Wissen, dass ihre Eltern das Gleiche taten, und im Vertrauen darauf, dass ihre Kinder später diese Verpflichtung ebenfalls eingehen werden. Die AHV gibt es nur so lange, wie sie auf diese generationenübergreifende Solidarität bauen kann.

 

PROF. DR. CARLO KNÖPFEL