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Challenge League
Die Herzen der Männer

Bis im Sommer 2014 lebte ich im Asylzentrum Schwanen, einem ehemaligen Hotel für Rucksacktouristen in Stein am Rhein. In meinem letzten Winter dort war da plötzlich diese Frau: Sie schien mit einigen Geflüchteten aus Syrien bekannt zu sein, meistens Familien. Sie spielte mit den Kindern, und wenn sie mit einem sprach, hatte sie stets ein Lächeln auf den Lippen.

Das erste Mal unterhielten wir uns auf Arabisch und sprachen, natürlich, über Politik. Beim nächstem Mal war sie überrascht, dass ich Kurde bin und früher, während meiner Zeit im Irak, mit Feministinnen gearbeitet habe. Das war der Beginn unserer Freundschaft. Später arbeiteten wir zusammen an der Sonderausgabe des Blicks, die im Herbst 2015 von 13 Geflüchteten gemacht wurde.

Saniha Izo, 40, entstammt einer kurdischen Mittelschichtfamilie aus Syrien. Mit 15 zwang ihre Mutter sie zur Heirat, mit 16 bekam sie ihr erstes Kind. Mit ihrem Ehemann zog sie in die Hauptstadt Damaskus, wo sie in das blühende kulturelle Leben eintauchte und merkte, wofür sie kämpfen wollte: für jene Frauenrechte, die ihr selbst durch die Verheiratung genommen worden waren. «Wir mussten fast heimlich arbeiten, um die Regierung nicht zu verärgern», sagt sie über den Verein, in dem sie sich damals engagierte. Als 2011 der Aufstand begann, brach sie ihr Archäologiestudium ab, «um die Stimme der Frauen in die nachrevolutionäre Gesellschaft zu tragen», wie sie sagt. Doch der Krieg veränderte alles, und das Aufkommen radikalislamistischer Kräfte sowieso. Seit Januar 2014 ist Izo in der Schweiz. Ihr Asylgesuch wurde rasch akzeptiert und sie konnte ihre vier Kinder zu sich holen. «Ich habe hier viel Hilfe erfahren», sagt sie.

Auch im Exil ist sie als Frauenrechtlerin aktiv. Ihr Verein «Das Leben ist Frieden» hat den Hauptsitz in der Schweiz und Ableger in den zwei kurdischen Städten Kobani und Hasaka im Norden Syriens. Ihre Utopie: «Ich will die gleichen Rechte für Frauen und Männer, egal wo auf der Welt.»

Die Nachricht von den Belästigungen in der Kölner Silvesternacht habe sie erschüttert, sagt Izo: «Das ist eine Schande, aber jetzt können sich die Europäer vorstellen, gegen was Feministinnen im Nahen Osten kämpfen. Ich will die Gedanken und Herzen dieser Männer ändern.» Die Situation der Frauen im Westen sieht sie nüchtern: «Europas Frauen sind zwar frei, aber ihre nackten Körper werden in der Werbung und in den Medien kommerzialisiert. Die Frauen sind auch hier noch nicht gleichberechtigt, aber es ist viel besser als bei uns.» Auch in ihrer neuen Heimat Schaffhausen engagiert sich Izo. Mithilfe des Sozialamts hat sie einen Arabischlehrgang für geflüchtete syrische Kinder aufgebaut. «Jedes Kind hat das Recht, seine Muttersprache korrekt zu lernen», sagt sie. Sie hat bereits 14 Schülerinnen und Schüler.

Saniha selbst lernt jeden Tag Deutsch. «Es ist schwierig. Aber es ist das Wichtigste», sagt sie, die von einem Soziologiestudium träumt. «Die Schweiz hilft mir und meiner Familie viel durch Sozialhilfe», fügt sie an. «Aber ich will selber arbeiten.»