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Strassenverkäufer*innen
«Die Liebe kam nach der Heirat»

An die Gesichtsmaske hat sich Salim Leghdemsi, 57, schon lange gewöhnt: «Ich habe erst während der Corona-Zeit mit dem Verkauf von Surprise angefangen.»

«Seit sieben Monaten verkaufe ich Surprise, meistens am Bahnhof in Liestal. Ich war auf der Suche nach einem neuen Job, weil ich vor zwei Jahren meine Arbeit verloren hatte. Ich war viele Jahre lang auf Baustellen, zuletzt arbeitete ich als Aushilfe in einer Restaurantküche. Doch ich habe aufgrund der jahrelangen körperlichen Arbeit starke Probleme mit meinem Fuss bekommen. Ich wurde operiert und habe seitdem eine Schraube im Fuss. Zum Glück musste ich nie im Rollstuhl sitzen, aber ich kann nun nicht mehr körperlich arbeiten wie zuvor. Wenn ich Surprise verkaufe, stehe ich zwar auch viel, doch ich kann mich zwischendurch hinsetzen oder nach Hause gehen, wenn es gar nicht mehr geht. Das Verkaufen macht mir Spass. Die Menschen sind sehr nett zu mir, und ich kenne mittlerweile auch schon ein paar Kund*innen. Mit der Gesichtsmaske geht es auch gut. Ich bin es nicht anders gewöhnt, ich habe ja während der Corona-Zeit mit dem Verkauf angefangen.

Ich bin in Algerien als Beduine in der Sahara aufgewachsen. Wir hatten Tiere und es kamen auch Tourist*innen zu uns. Als junger Mann wollte ich Abenteuer erleben, neue Kulturen und Sprachen kennenlernen. Deshalb zog es mich nach Europa. Es ging mir nicht darum, dass ich hier mehr Geld verdienen oder ein besseres Leben haben kann. Ich wollte einfach etwas Neues erleben.

Zuerst bin ich nach Italien ausgewandert. Dort lernte ich eine Schweizerin kennen. Wir sind 1990 zusammen in die Schweiz gezogen und haben geheiratet. Doch ein paar Jahre später haben wir uns scheiden lassen. Ich bin trotzdem in der Schweiz geblieben. Hier lebe ich gern. Mittlerweile bin ich sogar eingebürgert. Meine Mutter war irgendwann der Meinung, ich solle eine Frau aus Algerien heiraten. Also hat meine Familie mir eine gesucht. So läuft das in Algerien. Ich habe eingewilligt. Bei uns sagt man, die Liebe kommt nach der Heirat. Das stimmte in unserem Fall sogar.

Meine Frau und ich haben fünf Kinder, das jüngste ist neun Jahre alt. Ich reise ungefähr einmal im Jahr für einen Monat nach Algerien, um sie dort zu sehen. Das letzte Mal war ich im November 2019 dort. Seitdem ging es wegen Corona nicht mehr. Ich möchte gerne, dass meine Familie hier mit mir lebt, aber es ist schwierig. Wie soll ich sie hier versorgen? Ich verdiene nicht genug, damit wir hier alle gut leben können. Ich würde meiner Frau und den Kindern das Land gerne wenigstens zeigen.

So könnten sie die Schweizer Kultur besser verstehen. Ich muss meiner Frau oft erklären, dass manche Dinge hier ganz anders sind. In Algerien zum Beispiel sprechen Männer nicht mit fremden Frauen, in der Schweiz ist das normal. Das ist für meine Frau nicht leicht zu verstehen. Ich war ja selbst schockiert, als ich zum ersten Mal in Europa war und Frauen in Bikinis gesehen habe. In meiner Heimat ist so etwas unmöglich.

Wenn ich bei meiner Familie bin, kommt es manchmal vor, dass ich mir selbst einen Kaffee mache. Das kann meine Frau auch nicht verstehen. Denn in Algerien bedienen Ehefrauen ihre Männer. In Algerien fühle ich mich oft wie ein Ausländer. Ich denke oft ganz anders als die Menschen dort. Aber in der Schweiz bin ich für die meisten Menschen auch ein Ausländer.

Trotzdem fühle ich mich hier wohl. Hier habe ich Freunde, hier bin ich zuhause, hier kenne ich mich aus. Ich schicke meiner Familie regelmässig Geld zum Leben. Manchmal langt es, manchmal nicht. Für mich selbst reicht das Geld meistens kaum. Ich muss immer überlegen, wo ich noch sparen kann. Die Schweiz ist halt teuer.

Ich wünsche mir, dass ich meine Familie dieses Jahr endlich wiedersehen kann. Wir sprechen viel über Videochat und vermissen uns. Aber was können wir tun? Es ist eben Schicksal.»