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Die Schweiz schreibt
Die Locke, die sich aus der Frisur löst

Die Schriftstellerin Julia Weber erfüllt mit ihrem Literaturdienst an privaten und geschäftlichen Anlässen Textwünsche auf ihrer Schreibmaschine.

Julia Weber ist seit 2012 hautnah dabei, wenn im Leben anderer Menschen Grosses geschieht: An Geburtstagen, Firmenjubiläen, Hochzeiten oder Eröffnungen nimmt die 1983 geborene Schriftstellerin mit ihrer Schreibmaschine mitten im Geschehen Platz und hält schriftlich ihre Beobachtungen fest. Das kann der Duft einer Suppe sein, eine Locke, die sich aus einer Frisur löst; auch Gesprächsfetzen finden den Weg aufs Papier. Weber macht sich während des Schreibens durchlässig für alle Eindrücke, die auf sie einwirken, und verbindet diese zu einem grossen Ganzen. So schafft sie einzigartige Erinnerungen an Momente und Details, die auch dem routinierten Auge eines Profifotografen entgehen können und für die den auf Instagram-Tauglichkeit bedachten Gästen oft die Aufmerksamkeit fehlt. «

Festgemeinschaften liebevoll zu beobachten, hat mich gelehrt, Kategorisierungen aufgrund von äusseren Merkmalen zu vermeiden. Trotzdem ist es spannend, dass es an jeder Feier eine ganz bestimmte Rollenverteilung gibt: hier das Organisationstalent, da die Redenschwingerin, dort der Witze-Erzähler. Der besondere Reiz besteht für mich darin, in den fünf bis sieben Stunden, während denen ich anwesend bin, Charakterzüge zu erfassen und in literarischer Form wiederzugeben», sagt Weber, die ihre Texte auf Wunsch als Krönung am Ende einer Veranstaltung vorliest. Das sorge für viele heitere Momente, wenn sich jemand in den beschriebenen Situationen wiedererkennen könne. Die Texte können bis zu zehn Seiten lang werden und fesseln beim Lesen – wie wenn man durch ein Kaleidoskop schaut, in dem sich Glassteinchen zu immer neuen Mustern zusammenfügen. Wobei die Glassteinchen in Webers Fall die Festgäste sind.

Dank den Literaturdienst-Engagements erhält Julia Weber für sie als Schriftstellerin wertvolle Einsichten, wie Traditionen in der heutigen Zeit gelebt werden. «Geburtstage sind generell etwas lockerer, während Hochzeiten nach wie vor von vielen Regeln umrahmt werden, um den Tag, an dem zwei Menschen Ja zueinander sagen, bedeutsam und gewichtig zu machen.»