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Verkäufer*innenkolumne
Die Zeit, die kostbare

Ich will die Wartezeit beim Surprise-Verkaufen nutzen.

Augenmerk aufs Lernen. Zum Beispiel Wortschatz erweitern (zuhause: Langenscheidt 1940, D-F, 2000 A4-Seiten: die alten Wörter haben es mir angetan). Malerei: Im Hirnarchiv stöbern, meine Rangliste der schönsten Gemälde erstellen. Botanik: Rundherum wächst es immer freundlich. Praktisches: für einen effizienten, nachhaltigen und gesundheitsfördernden Alltag. Und Pflege, weil ich da beruflich nochmal ran will.

Oder ich dichte. Richte mich etwa an ‹Blauer Mond›, den Aquariumsfisch bei der Heilsarmee (wo ich gratis wohn’), der immer, wie zum Gruss, ans Glas kommt, wenn ich ihn such:

Blauer Mond, Du bist so still. Du denkst wohl: «Jawohl, ich will.

Ich will raus aus meiner Welt. Meiner Welt, dem kleinsten Meer, in dem ich blute ja so sehr.

Bin ein Fisch, der Flossen viel. Habe aber keinen Kiel.

Ich hab’ Augen, zwei an der Zahl – doch mir bleibet keine Wahl.»

Mein Fokus ist das Alter. Zwangsläufig, nach 20mal365 als freiwilliger Hilfeempfänger, wie ich das nenne – eine Frage der Perspektive (offiziell: Helfer) im Pflegeheim.

Das Alter, der Zieleinlauf. Gefragt wär’ eine Vorbereitung wie auf eine Olympiade. Dann kann man*frau Gold holen.

«Mens sana in corpore sano» stand an der Turnhalle geschrieben, die dem Kunsthaus-Neubau wich.

Der Kunsthaus-Neubau: mag ihn. Bin äbe en Augemänsch. Und süchtig nach Schönhäit. Smuess alles schön si. Schön gordnet dihäi. Schön gschribe im Heft. Schöni alti Volksliäder. Chilleliäder. E schöns Buech – näi: zwäi, mindeschtens.

Und schöni Gedanke für Sie, liäbi Läser*inne.

 

Nicolas Gabriel, 56, verkauft Surprise auf der Achse Rudolf-Brun-Brücke – Uraniabrücke, 2 bis 3 Stunden am Tag. Liebt seine Leidenschaften (Hobbys: blödes Wort, wie er findet), und die grosse Liebe.