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Chancengleichheit
Ein Algorithmus gegen die Abschottung

Soziokulturell durchmischte Schulklassen sind das Mittel der Wahl, um mehr Kindern zu Bildungserfolg zu verhelfen. Das zeigt eine aktuelle Schweizer Studie. Manche Städte jedoch verschliessen die Augen.

Schulbeginn in der Klasse 2b in der Primarschule im Basler Quartier Kleinhüningen. Die Kinder sitzen im Kreis in der Mitte des bunt eingerichteten Zimmers. Der Reihe nach erzählen sie, wie es ihnen gerade geht: Dmama, Barfen, Djamguembe, Munir, Mermet, Ylba, Martin, Norlha, Dorian, Ihsan, Ajan, Yabieal, Hendry, Albina, Elin. «Bitte etwas lauter», sagt die Lehrerin Afra Mutajuka hin und wieder, oder: «Bitte etwas deutlicher, ich höre dich nicht.» Ausserhalb des Unterrichts sprechen die Kinder der Klasse 2b über ein Dutzend verschiedene Sprachen. Ihre Eltern stammen aus Asien, Afrika, Osteuropa und Südamerika. «Ein paar Kinder, die nicht in der Schweiz geboren sind, sprachen am ersten Schultag noch gar kein Deutsch», sagt Afra Mutajuka. Dass hier viele Sprachen gesprochen werden, sieht sie an erster Stelle als Potenzial, nicht als Problem. «Schwache Kinder gibt es bei uns nicht. Wir orientieren uns an den Stärken. Die Vielfalt ist Teil davon.»

Dann geht es in den Sportunterricht. «Feueeeeer» ruft Norlha, die anderen Kinder rennen so schnell sie können in die Ecken der Turnhalle. Wer zuletzt dort ist, hat verloren. Co-Klassenlehrerin Mirjam Ruetschi sagt, es habe Zeit gebraucht, bis diese Klasse so miteinander spielen konnte. Sie und ihre Kollegin Afra Mutajuka bezeichnen sich als «Inklusionsverfechterinnen» und meinen damit den gleichberechtigten Einbezug aller Kinder – nicht nur im Sinne der Behindertenrechtskonvention. «Wir wollen jedes Kind in seinen Stärken fördern. Selbstvertrauen und Freude am Lernen sind das Wichtigste, was wir ihnen mitgeben können.» Die beiden Frauen machen vor, wie ein zeitgemässer Unterricht aussehen kann, der sich nicht am Lernplan, sondern an den Bedürfnissen der Kinder ausrichtet. So zumindest das Ideal. Dem Leistungsgedanken stehen die beiden Lehrerinnen grundsätzlich skeptisch gegenüber. Sie wünschen sich für ihre Schüler*innen einen ganz grundsätzlichen Wandel. Hin zu einem System, wo Kinder ihre persönlichen Kompetenzen frei entfalten können, unabhängig von Noten und Leistungsdruck.

Ziel Chancengleichheit

Bereits vor mehreren Jahren prägte der Kampfbegriff «Ghetto-Schulen» die Debatte um den hohen Anteil von Kindern nichtdeutscher Muttersprache an bestimmten Standorten. Dieser beträgt am Schulhaus Kleinhüningen 82 Prozent. Zudem liegt das Durchschnittseinkommen im Quartier am unteren Ende der Skala, was sich, wie auch die Bildungsnähe oder -ferne der Elternhäuser, stark auf die Startchancen der Kinder auswirkt. In einer anderen Ecke der Stadt liegt auf einer Anhöhe die Primarschule Bruderholz, umgeben von Einfamilienhäusern mit Blick über die Stadt. Der Anteil von Kindern, deren Eltern nicht Deutsch als Erstsprache sprechen, liegt hier bei nur 21 Prozent, gleichzeitig gehören die Haushaltseinkommen zu den höchsten. Rein statistisch betrachtet sind die Klasse 2b aus Kleinhüningen wie auch die soziokulturell homogeneren Klassen auf dem Bruderholz Beispiele dafür, wie soziale Gruppenbildung zu einer fehlenden Durchmischung in den Schulen führt und so bestehende gesellschaftliche Ungleichheit verschärft. Dies wirkt sich in den weniger privilegierten Quartieren auch auf die weitere schulische Laufbahn der Kinder aus.

«Für mehr Chancengerechtigkeit ist es zentral, dass die Schulstandorte stärker nach sozioökonomischen und sprachlichen Kriterien durchmischt werden», sagt Oliver Dlaba?. Der Politologe von der Universität Zürich hat in einer umfassenden Studie die Durchmischung an Schweizer Primarschulen untersucht. Zudem hat er kürzlich ein internationales Forschungsprojekt zur «Gerechten Stadt» abgeschlossen (siehe auch Surprise 510). «Untersuchungen zeigen, dass sich durchmischte Klassen mehrfach positiv auf den Lernerfolg von weniger privilegierten Kindern auswirken.» Kinder mit geringen Deutschkenntnissen lernen die Sprache schneller und können fachlich von stärkeren Schüler*innen profitieren. «Zudem erschliessen sich im Austausch mit Kindern aus anderen Milieus oft neue Perspektiven für die weitere schulische Ausbildung und Berufswahl.»

Die Durchmischung an Schweizer Schulen ist insbesondere in den grossen Städten alles andere als optimal. Bereits die letzte Pisa-Studie stellte fest, dass sich die Chancengerechtigkeit in Schweizer Schulen im vergangenen Jahrzehnt verschlechtert und zugleich die Ungleichheit zwischen einzelnen Schulen zugenommen hat. In keinem anderen Land in Europa wirken sich die Zusammensetzungen der Schulklassen zudem so stark auf die Leistungen der Schüler*innen aus wie in der Schweiz, wie ein Bericht der OECD zeigt. Das hängt auch mit der Planung der Schulkreise zusammen, bei der die sprachliche und sozioökonomische Durchmischung der Schulen bestenfalls eine untergeordnete Rolle spielt.

Es sind zum einen logistische Herausforderungen, die eine stärkere Durchmischung von Schulen erschweren. Wenn Stadtteile soziokulturell eher homogen sind, spiegelt sich das auch in den Schulhäusern wider. Hinzu kommt die Befürchtung bildungsorientierter Eltern, die Leistung ihrer Kinder könne unter einer stärkeren Durchmischung leiden. In seiner Studie konnte Forscher Oliver Dlaba? eine aus früheren Arbeiten bekannte Kennzahl noch einmal bestätigen: Ab einem Anteil von 30 bis 40 Prozent Schüler*innen aus sozial schwachen sowie fremdsprachigen Familien sinken die Leistungen der Gesamtklasse. Wichtig ist zu beachten, dass es bei den Ursachen struktureller Benachteiligung um eine Kombination von Erstsprache und Schichtzugehörigkeit geht. «Das heisst im Umkehrschluss», sagt Dlaba?, «eine stärkere Durchmischung von Schulen schafft mehr Chancengerechtigkeit, ohne dadurch die Leistungen der anderen Kinder und Jugendlichen zu beeinträchtigen. So lange der errechnete Kipppunkt nicht überschritten wird.»

Am Schulstandort Kleinhüningen sitzt die Schulleiterin Nadia Bertaccini in ihrem verglasten Büro neben dem Haupteingang. Es ist kurz nach zehn Uhr, der Blick geht auf den Hof, wo die Kinder gerade ihre Pause verbringen. Bertaccini sagt: «Die Vielfalt ist eine Chance.» Es stimme zwar, dass es nur wenige Kinder von ihrer Schule an eine höhere Schulstufe schaffen. «Aber muss das denn überhaupt das Ziel sein? Ich sehe es als unsere Aufgabe, dass wir jedes Kind individuell fördern.» Das müsse sich nicht primär in schulischer Leistung zeigen. Wenn Kinder die Primarschule mit Selbstvertrauen und gestärkter Sozialkompetenz verlassen, sei bereits ein wichtiges Ziel erreicht. Mehr Durchmischung an ihrer Schule fände sie auch gut, sagt Nadia Bertaccini, «aber ich würde gerne sehen, welche sozioökonomisch bessergestellte Familie ihr Kind zu uns schicken will.»

 

Lösung unerwünscht?

Oliver Dlaba? hat in seinem Forschungsprojekt gemeinsam mit einem kleinen Team einen Algorithmus entwickelt, der Gemeinden bei einer stärkeren sozioökonomischen Durchmischung der Schulen unterstützen soll. Es sei wie bei einem Brettspiel, so der Studienautor: «Hier wird ein Strassenblock der einen Schule zugeteilt, dort eine Parzelle einer anderen.» Das Ziel ist dabei nicht, dass Kinder wie früher in den USA mit Bussen durch die halbe Stadt gefahren werden. «Stattdessen sollen die Einzugsgebiete für die Schulen so geplant werden, dass sie eine möglichst grosse Durchmischung ermöglichen», so Dlaba?. Damit will er für die Behörden eine Möglichkeit für vielfältigere Schulen schaffen. «In Simulationen ist es uns gelungen, in den sozial am schwersten belasteten Schulen mit mehr als einem Drittel benachteiligter Kinder deren Anteil um fünf bis zehn Prozent zu senken», sagt Dlaba?.

Es könnte ein einfacher und wirkungsvoller Ansatz sein, um für mehr Vielfalt zu sorgen. Das Interesse in den besonders betroffenen Städten ist allerdings bescheiden. Nur gerade Zürich, Bern und Uster wollen das Tool genauer prüfen. In Zürich, wo der Algorithmus aktuell in einem «nicht einteilungswirksamen Blindpilot» getestet wird, regt sich Widerstand bei den Eltern, wie der Tages-Anzeiger berichtete. Anscheinend sorgen sich bereits Eltern, dass das Leistungsniveau an den Schulen als Folge einer stärkeren Durchmischung sinken könnte.

Fördern statt mischen

Die Schulbehörde in Basel-Stadt signalisierte am Forschungsprojekt von Beginn an wenig Interesse. Die Behörden wollten Oliver Dlaba? für seine Studie keine Daten zur Verfügung stellen. Gegenüber dem Schweizer Fernsehen begründete 2018 der damalige Volksschulleiter die ablehnende Haltung des Stadtkantons: «Schülerinnen und Schüler werden in unseren Schulen dort zugeteilt, wo sie wohnen. Wir finden das ein sehr gutes Prinzip, mit dem Risiko, dass halt die Durchmischung nicht so gross ist.» Diese Unterschiede fange man mit verschiedenen Massnahmen auf. Ähnlich argumentiert auf Anfrage auch die neue Stv. Leiterin Volksschulen Doris Ilg. «Ich bin mir nicht sicher, ob eine Durchmischung über die Quartierschulen hinaus ein Hauptziel sein soll», sagt sie auf Anfrage. Der Kanton halte am Quartierprinzip fest und gleiche Unterschiede aus, indem Schulstandorte mit einem höheren Bedarf mit mehr Ressourcen etwa in Form von Deutschförderung ausgestattet werden. «Unsere Lehrund Fachpersonen orientieren sich bei ihrer Unterrichtsplanung am Förderbedarf der einzelnen Schülerin, des einzelnen Schülers», so Ilg. Klare Indikatoren, an denen der Lernerfolg dieses Ansatzes gemessen wird, fehlen in Basel-Stadt.

Der Ansatz, sozioökonomisch besonders benachteiligte Schulen stärker zu fördern, findet verbreitet Anwendung. Auch in Zürich und Bern ist das ein fester Bestandteil der Schulpolitik. Der Nutzen dieser Strategie ist jedoch fraglich. «Die Forschungsliteratur ist sich für einmal relativ einig, dass eine soziale Durchmischung für die Chancengerechtigkeit entscheidender ist als mehr Ressourcen für benachteiligte Kinder», sagt der Bildungsökonom Stefan Wolter von der Universität Bern. Mehr Vielfalt an Schulen, das zeigen verschiedene Untersuchungen, ist für eine erhöhte Chancengerechtigkeit wirksamer und kostengünstiger als die Zuteilung von besonderen Ressourcen für einzelne Schulstandorte. In Basel-Stadt ist die Forderung nach mehr Chancengerechtigkeit nun im Kantonsparlament angelangt. «Von Chancengleichheit im Bildungssystem kann weiterhin keine Rede sein», schreiben die Verfasser*innen einer überparteilichen Interpellation an den Regierungsrat. Darin verlangen sie, die Regierung solle die Einführung des von Oliver Dlaba? entwickelten Algorithmus prüfen und weitere Massnahmen für mehr Durchmischung an Schulen vorschlagen.