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Bosnien-Herzegowina
«Ein gesamtbosnisches Bewusstsein wäre dringend nötig»

Nach wie vor gibt es Trennlinien durch Bosnien, viele davon sind unsichtbar, sagt Balkan-Experte Cyrill Stieger. Hoffnung setzt er in die Zivilgesellschaft.

Cyrill Stieger, wieder einmal ist in den Medien vom «Pulverfass Balkan» die Rede. Milorad Dodik, mächtigster Politiker im serbischen Teil Bosniens, der Republika Srpska, drohte jüngst mit der Abspaltung des serbischen Landesteils vom Gesamtstaat Bosnien-Herzegowina. Wie ernst ist die Lage?

Cyrill Stieger: Sicher ist Dodik diesmal einen Schritt weitergegangen, immerhin will er die serbischen Abgeordneten vom gesamtbosnischen Parlament abziehen und redet von einer eigenen Armee für die Republika Srpska. Allerdings nutzt er schon seit Jahren jede Gelegenheit, um damit zu drohen, den serbischen Landesteil von Bosnien loszulösen und Serbien anzuschliessen. Ich denke nicht, dass es Krieg geben wird und die Grenzen neu gezogen werden.

Das Beispiel Dodik zeigt aber auch, wie einfach es gerade in Bosnien offenbar immer noch ist, die Karte des Nationalismus auszuspielen. Warum ist dem so?

Diese Frage stelle ich mir seit Jahrzehnten. Bei den ersten Wahlen unmittelbar nach dem Krieg in den 1990er-Jahren wurden mehrheitlich dieselben Politiker gewählt, die für den Zerfall von Jugoslawien mitverantwortlich waren. Noch heute besetzen einige von ihnen führende Positionen oder sind gar an der Macht. Was man aber nicht vergessen darf: Jüngst vor allem auf lokaler Ebene immer wieder Politiker*innen gewählt, die keinem der drei ethnischen Lager – kroatisch, serbisch, bosniakisch – angehören wollen, sondern sich ganz ausdrücklich als Bosnier*innen begreifen. Wie zum Beispiel die 2021 zur Bürgermeisterin von Sarajewo gewählte Benjamina Kari?. Sie gehört einer gesamt-bosnisch orientierten Partei an, definiert sich im staatsbürgerlichen Sinn als Bosnierin und will sich gerade nicht in ein ethno-nationales Korsett pressen lassen. Allerdings konnten sich solche gesamt-bosnischen Kräfte bisher auf nationaler Ebene nicht durchsetzen.

Der Krieg hat zu Misstrauen und Schuldzuweisungen unter Kroat*innen, Serb*innen und Bosniak*innen geführt. Könnte das ein Grund sein, warum der Nationalismus nach wie vor so dominant ist?

Was man gewiss sagen kann ist, dass eine Aufarbeitung der historischen Ereignisse ausgesprochen wichtig wäre, um sich einander anzunähern. Zum Beispiel hätte man viel aus dem Zweiten Weltkrieg lernen können. Damals tobte in der Region ein blutiger Bürgerkrieg zwischen der kroatischen Ustaša, den serbischen ?etnik und Titos Partisanen. Nach dem Krieg wurden diese Gräueltaten einfach unter den Teppich gekehrt, es war nur noch von «Brüderlichkeit und Einheit» die Rede. Bis Ende der 1980er-Jahre all diese unverarbeiteten Traumata wieder an die Oberfläche kamen und von den Nationalisten politisch instrumentalisiert wurden. Damals begangenes Unrecht diente jetzt als Rechtfertigung für einen neuen Krieg.

Eine historische Aufarbeitung findet bis heute nicht statt?

Die drei ethnischen Lager haben nach wie vor ihre eigene Geschichtsschreibung. Jede Seite sieht sich als Opfer. Zumindest auf staatlicher Ebene fehlt die Bereitschaft, diese Rolle abzulegen und an einer gemeinsamen Aufarbeitung der Geschichte teilzunehmen. Anders in der Zivilgesellschaft, dort wächst das Interesse an einer multiperspektivischen Betrachtungsweise der Geschichte. Allerdings ist es immer einfach, von aussen mit dem Finger auf den Balkan zu zeigen. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eines Landes ist kompliziert und braucht viel Zeit. Man denke bloss an die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg.

Sie haben von je eigenen Perspektiven auf die Geschichte geredet. Wie steht es eigentlich um die Geschichtsbücher an den Schulen?

Das ist ein interessanter Punkt. In jenen Regionen Bosniens, die im Krieg nicht «gesäubert» wurden und wo also nach wie vor Menschen unterschiedlicher Ethnien leben, sind die Schulen bis auf wenige Ausnahmen ethnisch getrennt. In Travnik zum Beispiel, einer Stadt in Zentralbosnien, steht eines der ältesten Gymnasien des Landes. In der Mitte des grossen Gebäudes befindet sich eine Kirche, in der rechten Hälfte, renoviert und mit blauer Fassade, gehen die kroatischen Kinder und Jugendlichen zur Schule, in der linken, ockerfarbenen, heruntergekommenen Hälfte, die bosniakischen. Die beiden Schulen haben eigene Namen, Administrationen, Lehrer*innen, Putzpersonal – und eigene Schulbücher. Es handelt sich um zwei verschiedene Schulen, die sich aber unter dem gleichen Dach befinden. Nun macht das in Fächern wie Mathematik vielleicht keinen Unterschied, in Geschichte aber sehr wohl. Da finden sich dann entsprechend unterschiedliche «Wahrheiten» etwa über den Zerfall Jugoslawiens oder die Kriege der 1990er-Jahre. Fächer wie Geschichte sind für die jeweiligen Ethnien identitätsstiftend, was auch bedeutet, dass sie sich dadurch von den anderen abzugrenzen versuchen. Das gilt auch für die Sprache.

Noch 1918, bei der Gründung von Jugoslawien, wurde die Sprache als verbindendes Element hervorgehoben.

Tatsächlich bildete das sogenannte Serbokroatische damals eine wichtige gemeinsame Basis, und auch in Titos Jugoslawien dominierte diese Standardsprache. Sie galt als einheitliche Sprache mit zwei Varianten, der serbischen und der kroatischen. Allerdings gab es bereits ab den 1960er-Jahren von kroatischer Seite Bestrebungen, die Eigenständigkeit der kroatischen Sprache zu betonen. Man fand, das Kroatische komme im Serbokroatischen zu wenig zur Geltung. Verlangt wurde die Gleichberechtigung des Kroatischen. Viele Kroat*innen fühlten sich von den Serb*innen politisch dominiert. Eine Aufwertung der Sprache hiess also auch: eine Aufwertung der eigenen Nation, der eigenen nationalen Identität. Tatsächlich wurde nach der Unabhängigkeitserklärung 1991 das Kroatische möglichst von allen serbischen Elementen «gereinigt» – bosnisch-serbische Nationalist*innen machten das umgekehrt auch, allerdings ohne Erfolg. Dabei sind die Unterschiede zwischen diesen Spielarten des Südslawischen gering, Kroat*innen und Serb*innen können sich mühelos verstehen.

So gesehen machen getrennte Schulen noch weniger Sinn.

Das ist auch meine Meinung. Anders sehen das allerdings die Befürworter*innen der ethnischen Trennung in der Schule auf der Grundlage der Sprache. Mir haben kroatische Lehrpersonen und Eltern in Bosnien immer wieder gesagt: Wir sind eine eigene Ethnie, also haben unsere Kinder ein Anrecht darauf, in der eigenen Sprache unterrichtet zu werden. Nur so können wir unsere eigene sprachliche, kulturelle und nationale Identität bewahren. Dabei berufen sie sich auf die bosnische Verfassung, sie ist ein Annex des Dayton-Friedensabkommens von 1995 – und haben in gewisser Hinsicht recht damit.

Wie meinen Sie das?

Zwar steht in der bosnischen Verfassung nirgends, dass jeder und jede das Recht hat, in seiner oder ihrer Muttersprache unterrichtet zu werden. Festgeschrieben wird lediglich das Recht auf Bildung. In der Verfassung der Föderation ist zudem das Recht auf die eigene Identität und die eigene Sprache sowie auf die Pflege der eigenen Kultur und der eigenen Traditionen verankert. Doch dominiert in der Verfassung das ethnisch-nationale Prinzip: Territoriale und politische Machtansprüche werden darin auf die drei Ethnien verteilt. So wurde die im Krieg der 1990er Jahre erzwungene ethnische Teilung des Landes durch Dayton faktisch legitimiert, wenn auch mit einigen wenigen Abstrichen.

Heisst das, dass die bosnische Jugend durch den Schulunterricht nach wie vor politisiert wird?

Es ist kompliziert. Tatsächlich verfestigen sich bei der jungen Generation die ethnischen Trennlinien in gewisser Weise, und das, obschon sie den Krieg nicht am eigenen Leib erfahren haben und sich die meisten Jugendlichen kaum für den Zerfall Jugoslawiens und die Kriege der 1990er-Jahre interessieren. Doch sie alle haben ethnisch getrennte Schulen besucht, oft gehen sie auch in unterschiedliche Restaurants. Sie kennen nichts anderes als die ethnische Trennung in den Schulen. Sie ist für sie normal geworden. Viele haben auch kein Interesse daran, die ethnischen Trennlinien zu überwinden, wenn das nicht nötig ist. Das hat weniger mit nationalistischer Gesinnung oder gar Hass zu tun als vielmehr mit Desinteresse und Gleichgültigkeit. Das heisst allerdings keineswegs, dass die ethnischen Trennlinien im Alltag nicht überschritten werden. Manche pflegen auch engere Kontakte mit Angehörigen anderer ethnischer Gruppen oder arbeiten mit ihnen an gemeinsamen Projekten.

Könnte eine solche Art der Normalisierung nicht auch Teil der Bewältigung sein?

Das ist ein bedenkenswerter Aspekt. Man kann gut nachvollziehen, dass die junge Generation nicht immerzu auf den Krieg angesprochen werden will, mit dem sie nichts zu tun hat. Sie hat andere Interessen und Sorgen. Und doch: Ist es normal, wenn den Kindern in Bosnien drei historische «Wahrheiten» eingetrichtert werden, wenn in den Schulen der bosnischen Kroat*innen und in jenen der bosnischen Serb*innen Kroatien beziehungsweise Serbien im Zentrum steht? Es ist diese unterschiedliche Sicht auf die eigene Vergangenheit, die Ethno-Nationalist*innen ausnutzen und die immer wieder zu Konflikten führt. Wie kann sich auf diese Weise ein gesamtbosnisches Bewusstsein über die ethnischen Trennlinien hinweg entwickeln? Das aber wäre dringend nötig.

Reist man durch Bosnien und redet mit Leuten, kriegt man unweigerlich den Eindruck, dass die Bevölkerung ganz andere Probleme hat als die Bewahrung der ethnischen Identität.

Allerdings. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Korruption ist gross, viele verlassen das Land. Bei sozialen Protesten, von denen man in unseren Medien nur wenig mitbekommt, spielt die ethnische Zughörigkeit oft gar keine Rolle: Kroat*innen, Serb*innen und Bosniak*innen demonstrieren gemeinsam gegen die Schliessung von Fabriken oder polizeiliche Willkür. Dann geht es nicht um ethnische Identität, sondern um einen Protest gegen die politische Elite. Viele Menschen sehen heute kaum noch Perspektiven, und es ist schwer nachzuvollziehen, wieso viele Politiker gerade auf nationaler Ebene dies nicht einsehen wollen. Stattdessen treiben sie ihre Identitätspolitik weiter voran. Und ignorieren dabei, was Bosniens grösstes Problem ist: die Abwanderung.


Cyrill Stieger, 72, war zwischen 1986 und 2015 Balkankorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung NZZ und ist Autor u.a. von «Wir wissen nicht mehr, wer wir sind» (Wien 2017) und «Die Macht des Ethnischen» (Zürich 2021).