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Randnotiz
Ein lebenswertes Leben

Ich führte ein Leben auf der Überholspur, es schien perfekt. Ich hatte das Privileg, eine Arbeit zu haben, die von Leidenschaft und Freude genährt wurde. Ich durfte aktiv das jungfräuliche Internet, die neuen Medien und neue Formen der Werbung gestalten. Die Arbeit vereinte meine Interessen, bediente mein Bedürfnis, Entscheidungen treffen zu dürfen und mit Menschen zusammenzuarbeiten, mit denen mich eine Freundschaft verband. Und dann stürzte ich in einen Abgrund, der auf keiner Karte eingetragen war.

Es gab keine Vorwarnung, keinen ersichtlichen Auslöser für die körperlichen Beschwerden, die mich von einem Tag auf den anderen lahmlegten. Mein letzter Versuch, zur Arbeit zu fahren, endete in der Notaufnahme. Es folgten medizinische Abklärungen, schlussendlich wurde mein Gehirn gescannt. Man sagte mir, mein Körper sei in Ordnung, es müssten psychische Ursachen sein, die meine Probleme verursachten: Atemnot, Herzrasen, das Gefühl zu sterben. Ich war plötzlich kein funktionierender Teil der Gesellschaft mehr. Ich konnte die Wohnung nicht mehr verlassen und war abhängig von Freunden, die für mich einkaufen gingen. Ich sei zu krank für eine Therapie, sagte ein Psychiater. Letzte Lösung war die Krankenwagenfahrt in die psychiatrische Klinik, wo ich herausfinden musste, ob ich kämpfen kann. Ich arbeitete so viel wie nie zuvor in meinem Leben – und zwar an mir selbst, um den Weg zurück in ein Leben zu finden, das erträglich ist.

Nach Monaten konnte ich die Klinik verlassen, blieb aber jahrelang in Behandlung und angewiesen auf Psychopharmaka. Und immer fragte ich mich, wie es dazu kommen konnte. Die Nervenärzte sehen die Ursachen in meiner Kindheit. Es ist, als hätte in mir eine Bombe getickt, die irgendwann hochgehen musste. 

Ich bin jeden Tag dankbar. Dank meinen Freunden, meiner Familie und den staatlichen und privaten Sozialversicherungen endete mein Leben nicht auf der Strasse oder im Freitod. Und heute lebe ich, trotz ausgeprägter psychischer Störungen, ein lebenswertes Leben. Aber ich habe schmerzhaft erlebt, wie es ist, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein.