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Die Schweiz schreibt
Ein letzter Gruss für Einsame

In Gedichtlesungen erinnert ein Literaturprojekt an Menschen, die ohne Angehörige bestattet werden.

Es ist eine bedrückende Tatsache, dass immer wieder Menschen zur letzten Ruhe gebettet werden, ohne dass sich dabei Familie und Freunde von ihnen verabschieden. Einsamkeit, neben dem Tod wohl das grösste Tabu unserer Zeit, äussert sich hier besonders brutal: Keine Trauergemeinde, die sich an gemeinsame Momente oder an die prägenden Stationen eines erloschenen Lebens erinnert. Niemand da, der einen Kranz niederlegt. Wenn sich nach dem Tod keine Angehörigen finden lassen, werden solche Verstorbenen «von Amtes wegen» in einem Gemeinschaftsgrab bestattet, wobei oft nur Mitarbeitende des Friedhofes und des Friedhofsamtes anwesend sind.

Inspiriert von einem niederländischen Schwester-Projekt des Dichters Bart F. M. Droog initiierte die Dichterin Melanie Katz deshalb vor drei Jahren das Projekt «Das einsame Begräbnis», zuerst in Zürich, später auch in Basel, Winterthur und Luzern. Aktuell unterstützen die Stadt Zürich und private Stiftungen die Arbeit der Dichterinnen und Dichter. Neben Melanie Katz schreiben derzeit Martin Bieri, Klaus Merz, Gerhard Meister, Martina Clavadetscher und andere auf der Basis einer persönlichen Recherche Texte für die einsam Verstorbenen. Diese werden während der Beisetzung am Gemeinschaftsgrab verlesen. «Wir möchten den Verstorbenen durch den Akt der Gedichtlesung Würde verleihen, zeigen, dass man ihrer am Lebensende gedenkt, und sie auf ihrem letzten Weg begleiten», sagt Melanie Katz. Die Gedichte werden auch online publiziert und erinnern so über den Friedhof hinaus an diese «vergessenen» Leben.

Häufig hätten Personen, die ihre letzte Reise ein sam antreten müssten, schwierige Biografien, die zum Beispiel von Krankheit oder sozialen Problemen durch zogen seien, so Katz. «Bei meinen Recherchen besuche ich den Wohnort der Verstorbenen und spreche, wo dies möglich ist, auch mit Nachbarn oder Bekannten. Diese Eindrücke lasse ich beim Schreiben auf mich einwirken. Nur so kann ich einem Text über einen verstorbenen Menschen die nötige Tiefe geben.»