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SCHULDEN-SERIE 4: WENIGER SCHULDEN, WENIGER ARMUT
«Eine Investition in die soziale Gleichheit»

Wer überschuldet ist, wird zur Passivität erzogen, sagt Forscher Christoph Mattes. Er fordert ein Entschuldungsverfahren, damit Betroffene wieder an der Gesellschaft teilnehmen können.

Herr Mattes, wie sollten wir unseren Kindern den Umgang mit Geld beibringen?

Gute Frage ...

Wie wäre es damit: «Lieber sparen als alles gleich ausgeben.»

Nein. Das ist total moralisierend. Kinder sollen ihr Sackgeld ruhig ohne Bedenken ausgeben. Vielleicht können wir ihnen vorleben, dass wir nicht bei allem mitmachen. Dass wir unsere Kaufentscheidungen autonom und unabhängig fällen und dass wir kein Geld in Stresssituationen ausgeben. Denn das sind immer unwirtschaftliche Entscheidungen. Und ja, besser ansparen und erst dann kaufen, wenn man das Geld zusammen hat. Wer Geld leiht, bezahlt dafür einen Preis. Aber diese Diskussion geht in die falsche Richtung.

Warum?

Wir sollten davon wegkommen, uns die Schuldfrage zu stellen. Also ob die Menschen selbst schuld sind, wenn sie sich verschulden. Verschuldung ist ja gesellschaftlich gewollt und erwünscht. Es braucht sie, damit genügend konsumiert wird und die Wirtschaft wächst. Und beim Konsum verhält sich niemand rational. Würden wir das tun, dann bräche die Wirtschaft zusammen. Verschuldung hilft auch, Benachteiligungen zu bewältigen. Wer sich einen Fernseher nicht leisten kann, kauft ihn auf Kredit. Solche spezifischen Kreditangebote gab es schon früher, zum Beispiel für sogenannte Gastarbeiterfamilien, die sich einen Kühlschrank kaufen wollten. Verschuldung ist also nicht nur schlecht – auch wenn der Preis für die Teilhabe durch Zinsen und andere Kosten sehr hoch ist.

Wenn nicht die Schulden bekämpfen, was sollten wir stattdessen tun?

Wir müssen den Menschen helfen, die Schulden loszuwerden. Damit sie wieder an der auf Konsum ausgerichteten Gesellschaft teilnehmen können. In den meisten europäischen Ländern gibt es zum Beispiel ein gerichtliches Entschuldungsverfahren. In der Schweiz noch nicht. Die Politik arbeitet derzeit an einem Vorschlag für ein solches Restschuldbefreiungsverfahren. Ob das Verfahren sein Ziel erreicht, wird davon abhängen, wie es ausgestaltet wird.

Was sind die Optionen?

Entweder haften Schuldner*innen eine gewisse Zeit für ihre Schulden wie in Österreich oder Deutschland. Oder man sagt sich wie in Frankreich oder den USA: «Es haben alle am meisten davon, wenn die Schulden möglichst schnell weg sind, damit alle wieder mitmachen können.»

Wofür plädieren Sie?

Für das Letztere. Also für ein Verfahren ohne Hürden, das ausserdem nicht zu lange dauert. Es soll schliesslich darum gehen, die Schuldner*innen zu befreien und nicht die Gläubiger*innen zu befriedigen. Wenn am Ende für letztere etwas rausspringen muss – also die Schuldner*innen für das Verfahren bezahlen müssen –, dann wird es nicht funktionieren. Eine rechtliche Verpflichtung zur Entschuldung stärkt übrigens auch aussergerichtliche Lösungen: weil die Gläubiger*innen merken, dass es sich lohnt, bei Schuldensanierungen mitzumachen. Ein solches Signal fehlt zurzeit.

Sie forschen zu Schulden. Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse?

Beim Thema Schulden zeigt sich die soziale Ungleichheit. Denn es überschulden sich immer jene Menschen, die sich den Konsum ansonsten nicht leisten könnten. Das ist der Grund, warum man die Einführung eines effizienten Entschuldungsverfahrens als Investition in die soziale Gleichheit der Menschen sehen muss. Unsere Untersuchungen zeigen aber auch, dass unser Schuldensystem Anreize zur Passivität bietet: Schulden halten Menschen davon ab, Arbeit zu finden. Ausserdem ziehen sich soziale Institutionen zurück, sobald Schulden im Spiel sind. Dabei wären diese ja dazu da, den Betroffenen zu helfen.

Warum denn das?

Weil Überschuldung nicht lösbar ist. Steckt man den Betroffenen Geld zu, fliesst das gleich wieder ab in die nächste Betreibung oder Pfändung. Die Hilfe kommt also gar nicht bei den Menschen an. Dasselbe gilt für die Arbeitssuche: Betroffene haben keinen Anreiz, mehr Geld zu verdienen, wenn sie hinterher einen grossen Teil ihres Einkommens abgeben müssen.

Das klingt deprimierend.

Wir müssen unser Denken ändern: Die Bewältigung von Schulden gilt heute als Problem, das Betroffene lösen müssen. Doch viele überschuldete Menschen haben gar keine realistische Chance, es aus der Schuldenspirale heraus zu schaffen. Da müssen wir ansetzen. Und ausserdem dafür sorgen, dass Schulden beim Einzelnen kein gefährliches Ausmass annehmen können.

Wann sind Schulden problematisch?

Wenn die Spielräume so eng werden, dass nichts Unvorhergesehenes mehr passieren darf. Wenn zum Beispiel ein junger oder geringqualifizierter Mensch nicht mehr den Job wechseln kann, ohne in die Schuldenspirale zu geraten. Es braucht nicht viele Ratenverpflichtungen, um ein Kartenhaus aufzubauen, das schnell in sich zusammenbricht.

Wie lässt sich das verhindern, wie können wir der Überschuldung vorbeugen?

Viele gelangen durch Kredite von Banken in die Schulden. Sie brauchen Geld, um zu konsumieren, tun also genau das, was gesellschaftlich erwünscht ist. Doch die Gesellschaft muss die Konsument*innen besser vor den damit verbundenen Risiken schützen. Das ist auch im Gesetz festgeschrieben. Banken müssen die Kreditfähigkeit der Menschen prüfen, bevor sie einen Kredit vergeben. Jedoch umgehen sie diese Vorgaben häufig. Mit immer neuen Angeboten betreiben sie ein regelrechtes Katz-und-MausSpiel mit dem Gesetzgeber. Das tun sie, weil die Renditen hoch sind.

Konsumentenkredite sind die teuersten Kredite, die es gibt, also jene mit dem höchsten Zins. Banken investieren sehr bewusst in die Überschuldung von Privathaushalten. Sozial benachteiligte Menschen bezahlen dann den Preis für die vordergründige Teilhabe.

Wie geht die Schweiz im internationalen Vergleich mit Schulden um?

Auffällig ist, dass in der Schweiz die meisten Schulden direkt oder indirekt beim Staat bestehen – in Form von Steuern oder Krankenkassenprämien. Das findet man sonst in Europa nirgends. Dort kommen die grössten Gläubiger eher aus der Privatwirtschaft. Ausserdem ist das Betreibungssystem hierzulande rechtlich fragwürdig. Wer sich nicht wehrt, bezahlt eine Forderung, die gar nicht rechtskräftig ist – weil hier jeder jeden betreiben kann, ohne Nachweis. Das ist problematisch, weil die öffentliche, anprangernde Wirkung von Betreibungsregisterauszügen in der Schweiz verglichen mit anderen Ländern besonders ausgeprägt ist. Hier kann man innerhalb von ein bis zwei Monaten als total zahlungsunfähig gelten. In anderen Ländern dauert das länger.

Wenn wir vor allem dem Staat Geld schulden: Was bedeutet das?

Dass der Staat die wirtschaftliche Verantwortung für die Schulden der Menschen übernimmt. Würde man beispielsweise die Steuern direkt vom Lohn abziehen, wie es teilweise gefordert wird, ginge die Überschuldung kaum zurück. Die Menschen hätten ja nicht mehr Geld zur Verfügung. Sie würden sich anderswo verschulden, bei Banken, beim Vermieter oder bei der Energieversorgerin. Man muss gleichwohl sagen: Der Anteil Menschen, die ihre Steuern nicht bezahlen, ist in der Schweiz relativ gering. Aus Sicht der Behörden ist es die Sollbruchstelle von Armut.

Sie sagten einmal zum Thema Schulden: Menschen sind keine Fluchttiere. Wie meinen Sie das?

Menschen nehmen Verschuldung als Bedrohung wahr. Wir hauen nicht ab wie ein Pferd, sondern gehen in Deckung. Dazu gibt es neuropsychologische Studien. Wenn wir gestresst sind und unter Druck, dann ziehen wir uns zurück. Das ist der Grund, warum Schuldner*innen das Telefon nicht abnehmen oder den Briefkasten nicht öffnen, wenn sie von Geldeintreiber*innen unter Druck gesetzt werden.