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Foto: Bodara

Strassenverkäufer*innen
«Eine richtig familiäre Beziehung»

Yosef Asmerom, 52, verkauft Surprise in Bassersdorf und in Rapperswil-Jona und ist Fan des italienischen Nationalteams.

«Ich heisse Yosef Asmerom. Ich freue mich immer, wenn die Surprise-Kund*innen oder die Leute auf der Strasse nach meinem Namen fragen. Meiner Erfahrung nach verändert sich die Beziehung, sobald man den Namen einer Person kennt. Ich selbst frage meine Kunden nicht nach ihrem Namen – irgendwie gehört sich das als Verkäufer nicht. Ich möchte niemandem zu nahe treten. Wenn jedoch das Interesse aufseiten der Kundschaft besteht, finde ich das umso schöner. Mit gewissen Kunden pflege ich nach sechs Jahren Surprise-Verkauf eine richtig familiäre Beziehung. Sie fragen nach meinem Befinden, nach meinen Kindern oder helfen mir sogar bei der Arbeitssuche.

Ich suche schon seit Längerem einen weiteren Job, mit dem ich ein sicheres Einkommen erwirtschaften kann. Die Stellensuche ist für mich aus verschiedenen Gründen sehr schwierig. Früher konnte ich den Computer im Surprise-Büro für meine Bewerbungen nutzen, da ich keinen eigenen besitze. Ich habe mich schon auf Stellen in vielen verschiedenen Branchen beworben. In meinem Alter ist es jedoch sehr schwer, einen Job zu finden. Gerne hätte ich etwas mit Geschichte oder Geografie gemacht – diese Fächer haben mich in der Schule immer am meisten interessiert.

Obwohl ich ursprünglich Eritreer bin, habe ich einen grossen Teil meiner Jugend in Addis Abeba verbracht und dort auch die Ausbildung absolviert. Das war noch vor dem Äthiopien-Eritrea-Krieg im Jahr 1998, als die politische und wirtschaftliche Verbindung zwischen den beiden Ländern noch sehr eng war. Mit 25 Jahren begann ich meinen Militärdienst in Eritrea. Gerne wäre ich für ein vertieftes Geschichts- oder Geografie-Studium zurück nach Äthiopien gezogen. Nach dem Ausbruch des Krieges war das aber undenkbar. Offiziell dauert unser Militärdienst eineinhalb Jahre. Ich durfte nach drei Jahren das erste Mal zurück nach Hause – für fünfzehn Tage. Bist du einmal im Militär, bleibst du auch dort. Das «System des Wiederaufbaus», welches nach dem offenen Krieg mit Äthiopien eingeführt wurde, sehe ich mehr als ein System der Zwangsarbeit. Aufgebaut wurden nicht die Häuser der Bevölkerung – bis heute leisten wir schlicht und einfach Billigarbeit für den Staat und seine Günstlinge. Ich war im Rahmen meines Militärdienstes zehn Jahre lang als Logistiker für den Staat im Einsatz. Viele meiner Freunde, Männer in ihren 50ern, leisten noch immer ‹Militärdienst›. Darum wünsche ich mir eine politische Veränderung in meinem Land. Meiner Familie und mir gelang die Flucht in den Sudan, wo wir zwei Jahre lang in einem UNHCR-Flüchtlingscamp unterkamen. Das Leben dort war gefährlich, besonders für meine drei Kinder. Täglich verschwanden Leute aus dem Camp. Die einen kamen durch Löse- geldzahlungen wieder frei, andere kehrten nie mehr zurück. Ich wollte nicht über die bekannte Mittelmeer-Route nach Europa gelangen – nicht allein und schon gar nicht mit meinen Kindern. Also versuchte ich über die Schweizer Botschaft im Sudan ein Asylgesuch zu stellen, das auf wundersame Weise akzeptiert wurde. Gott, war ich froh!

Seit dem Jahr 2013 leben wir nun in der Schweiz. Dafür bin ich dankbar. Meine Kinder haben hier eine Zukunft. Sie können, wie ich damals, eine gute Ausbildung absolvieren. Das ist sehr wertvoll. Natürlich gibt es auch Herausforderungen in der Schweiz, wie beispielsweise die Stellensuche oder der Umgang gewisser Leute mit Ausländer*innen. Ich kenne Personen, die mich in sechs Jahren Surprise-Verkauf nicht einmal angeschaut haben, nie zurückgrüssen. Das hat mich am Anfang sehr beschäftigt. Es gibt auch immer wieder Leute, die uns aktiv von den Verkaufsplätzen weisen wollen. Mittlerweile kann ich solche Situationen ruhig wegstecken. Ich denke dann immer daran, dass auf eine feindselige Person zehn nette Stammkunden treffen, die mich verstehen und zu mir halten.»