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Aktuell
«Ein sicherer Ort auch für Männer»

2017 ging unter dem viralen Hashtag #MeToo ein Aufschrei durch die Medien. Frauen lehnten sich gegen sexuellen Missbrauch und Belästigung auf. Die Begründerin Tarana Burke spricht darüber, wie sich die Bewegung seither entwickelt hat.

Im Jahr 2006 prägte Tarana Burke den Begriff «MeToo», um junge Schwarze Frauen zu unterstützen und zu stärken, die sexuelle Gewalt überlebt haben. Burke selbst wurde als Kind vergewaltigt und hat ihr gesamtes Erwachsenenleben lang gegen Missbrauch gekämpft. Als der Hashtag #MeToo dann in den sozialen Medien viral ging, erlangte die bislang unbekannte US-Amerikanerin Tarana Burke plötzlich internationale Aufmerksamkeit. Die schwedische Strassenzeitung Faktum war eines der ersten Medien, die sie 2017 in New York zum Gespräch traf. 

 

«Es ist drei Jahre her, seit wir uns gesehen haben, aber es fühlt sich an wie zehn, weil so viel passiert ist», sagt Burke, als ich sie an einem Tag im November 2020 per Videoanruf erneut erreiche. Seit wir uns getroffen haben, wurde sie in zahlreichen Magazinen porträtiert und von namhaften Zeitungen interviewt, sie erhielt Auszeichnungen für ihr Engagement und hielt einen Ted Talk, der fast zwei Millionen Mal aufgerufen wurde. Burke hat ihre Bewegung weiter ausgebaut sowie die Organisation MeToo gegründet, die Sensibilisierungsarbeit in Bezug auf sexuelle Gewalt und deren Bekämpfung leistet. 

 

Seitdem wurden Strukturen aufgebrochen, Schweigekulturen zerschlagen, unzählige Fälle aufgedeckt. Der öffentliche Diskurs hat sich gewandelt. Sexuelle Gewalt ist als Thema, das uns alle betrifft, ins öffentliche Bewusstsein gerückt. «Es ist schon allein die Tatsache von Bedeutung, dass die Medien die Art und Weise, wie sie über sexuelle Gewalt berichten, verändert haben», sagt Burke. «Ich habe viele Jahre dafür gekämpft, aber nichts ist passiert. Heute wird das Wort ‹Überlebende› anstelle von ‹Opfern› verwendet, und sexuelle Gewalt wird als wirkliches Problem wahrgenommen.»

 

Da die Aufmerksamkeit der Medien seit dem Beginn der MeToo-Bewegung im Jahr 2017 bereits wieder abgenommen hat, hat Burke ihren Fokus verlagert. «Der Hashtag ist nicht die Bewegung. Es ist ein Werkzeug, um die Bewegung zu stärken. Er wirkt als vereinigende Kraft, er gab uns eine gemeinsame Sprache und ein Gemeinschaftsgefühl. Aber er erledigt nicht die Arbeit.» Burke möchte politische Veränderungen und konkrete Vorschläge, wie den Überlebenden geholfen und der Missbrauch gestoppt werden kann. So ist «Survivors' Agenda» entstanden: ein Kollektiv verschiedener Organisationen, die sich dafür einsetzen, das Thema sexuelle Gewalt auf die politische Agenda zu setzen. Burke ist eine der Mitbegründer*innen. «Wir möchten, dass die Politiker*innen uns zuhören und Antworten liefern – so wie sie es auch mit Industriearbeiter*innen und anderen Gruppen umgehen.» 

 

Am Tag unseres Gesprächs ist es etwas mehr als eine Woche her, dass Joe Biden zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Die zwei Hauptkandidaten Trump und Biden wurden beide schon einmal der sexuellen Nötigung beschuldigt. Darüber darf nicht geschwiegen werden. Doch Burke wurde während der Kampagne dafür kritisiert, dass sie in ihren Tweets über die Anschuldigungen gegen Joe Biden vage blieb – ein strategischer Schachzug. Für sie sei zu dieser Zeit höchste Priorität gewesen, Trump nicht den Sieg zu bescheren, sagt Burke. «Es war traumatisch, eine so inkompetente Regierung zu haben. Damit meine ich die gesamte Verwaltung, nicht nur den Präsidenten. Nun fühle ich mich mit jedem Tag erleichterter.» 

 

Dass die heutige Vizepräsidentin sowohl eine Frau als auch eine Schwarze ist, bedeutet Burke nicht viel, solange es nicht zu konkreten Veränderungen kommt. Zwar ist sie für eine gerechte Teilhabe und Vertretung Schwarzer Menschen im Weissen Haus und glaubt, dass die Regierung die Bevölkerung des Landes widerspiegeln sollte. Trotzdem ist Burke auch der Meinung, dass es für junge Schwarze Mädchen kaum eine Veränderung bedeutet, wenn Kamala Harris im Fernsehen zu sehen ist. Denn die Realität dieser Mädchen sehe nach wie vor allzu anders aus. «Wenn sie auf die Strasse gehen, begegnen sie einer Welt, die sie nicht unterstützt. Die Vizepräsidentin muss zeigen, dass sie die Bedingungen für Schwarze Menschen verbessern will», sagt Burke. «In vier Jahren möchte ich nicht sagen: ‹Es war schön, eine Schwarze Frau anzusehen, die nur auf ihrem Stuhl sass, aber nichts tat›.»

 

Laut einer Studie von Black Women's Blueprint aus dem Jahr 2011 werden 60 Prozent der schwarzen Minderjährigen des Landes sexuell missbraucht. Als die Bewegung Black Lives Matter (BLM) im Jahr 2020 ins Rollen kam, verbrachte Burke viel Zeit damit zu erklären, dass die eine Benachteiligung oft mit anderen einhergeht. «Wie MeToo ist BLM eng an andere gesellschaftliche Probleme gekoppelt. Man kann nicht über BLM reden, ohne über sexuelle Gewalt zu reden. Man kann nicht über Polizeigewalt und Machtmissbrauch reden, ohne über BLM zu reden.»

 

Vor MeToo war Burke, wie sie sagt, eine «normale Bürgerin», deren Adresse im Telefonverzeichnis aufgeführt war. Unterdessen hat sich vieles verändert. Bedrohungen sind zum Alltag geworden. Sie zog in eine Wohnung mit einem Portier und anderen Sicherheitsmassnahmen. Es sind hauptsächlich Trump-Anhänger*innen, die ihre Arbeit verurteilen. Sie denken, Burke stelle sich generell gegen weisse Männer. «Sexuelle Gewalt erstreckt sich über eine grosse Bandbreite – von verbalen Angriffen bis hin zu körperlicher Vergewaltigung. Der Typ, der bei der Arbeit sexistische Witze macht, sollte nicht auf die gleiche Weise zur Rechenschaft gezogen werden wie ein Vergewaltiger wie Harvey Weinstein», sagt Burke. «Natürlich ist keine dieser Verhaltensweisen in Ordnung, aber sie sollten in den Medien nicht das gleiche Urteil erhalten. Ich denke, Männer boykottieren MeToo, weil sie Angst haben, selbst bestraft zu werden.»

 

So ist das Schlagwort «nicht alle Männer» als Replik auf MeToo in den letzten Jahren üblich geworden. Burke stimmt dem zwar zu, aber hält es für ein Missverständnis, dass MeToo als Frauenbewegung angesehen wird. Frauen haben die Bewegung vorangetrieben, weil sie gefährdeter sind, aber die Botschaft betrifft alle. 

 

Vor drei Jahren war Burke noch überrascht von der grossen Aufmerksamkeit, die MeToo erhielt. Heute tritt sie medienbewusster auf. Doch noch immer ist leidenschaftlich kämpferisch in ihrem Anliegen – und durchaus auch kritisch, was manche Trends betrifft, in welche die Debatte manchmal abzudriften droht. «Die Diskussion ist zu einem Krieg geworden zwischen zwei Seiten – was sich völlig falsch anfühlt. Dass Männer nur als Täter einbezogen werden, ist ein Problem. Das ist ein Fehler der Bewegung», sagt sie. «MeToo sollte auch ein sicherer Ort für Männer sein. Es ist ein Mythos, dass wir alle verschont blieben, wenn Männer einfach ihr Verhalten ändern würden. Es ist das Patriarchat an sich, das den Sexismus aufrechterhält. Ein Mann, der über einen Vergewaltigungswitz lacht, agiert genauso kontraproduktiv wie eine Frau, die eine andere Frau eine Hure nennt. Es geht um patriarchalische Strukturen und um alle, die sie mittragen.»

 

Aus Englischen übersetzt von Translators without Borders.

Mit freundlicher Genehmigung von Faktum / INSP.ngo