Skip to main content
Strassenverkäufer*innen
Endlich vereint

Sechs Jahre waren Hosaena und ihr Sohn Sabriel getrennt, er im Sudan, sie in der Schweiz. Das Wiedersehen war zum Greifen nahe, doch dann kam Corona. Protokoll einer bangen Geschichte mit Happy End.

Als die Eritreerin Hosaena Misgina sich über ihren Sohn beugte und ihn aus dem Schlaf küsste, dachte Sabriel wohl, es werde ein kurzer Abschied. Seine Mutter würde den Bus in Richtung Grenze nehmen, sie würde gewiss den ganzen Tag brauchen, um in den Sudan zu gelangen, dort, so hatte sie ihm Tage zuvor erklärt, werde sie mehr Geld verdienen als hier in Keren. Ob der kleine Sabu ihr glaubte? Warum gehst du allein, nimm mich mit, habe er geflüstert und ihre Hand auf seine Brust gedrückt. Alles wird gut, habe sie zu ihm gesagt, schon bald werde ich dich zu mir holen. So Gott will.

Das war am 21. August 2014, an einem Donnerstag, um fünf Uhr früh. Hosaena war damals dreissig, ihr Sohn Sabriel sechseinhalb. Aus dem Tag des flüchtigen Abschieds wurden Wochen, aus Wochen Monate, und aus den Monaten wuchsen lange Jahre der Erwartung, der Pein, der erschöpften Freude.

Zehn Kinder waren sie, zwei früh verstorben, aufgewachsen in einem Dorf nahe Keren, einer Stadt mit 120 000 Einwohner*innen im Landesinnern von Eritrea. Viel hatten sie nicht zum Leben. Mit sieben Jahren zog Hosaena zu ihrer ältesten Schwester, die schon verheiratet war und ein Kind hatte, wo sie, wenn sie nicht gerade in der Schule war, im Haushalt half, fünf Jahre lang. Wieder bei den Eltern im Dorf, kehrte Hosaena nach einem Jahr nach Keren zurück, dort besuchte sie eine Klosterschule, später, mit sechzehn, lebte sie bei einer Familie, die ein italienisches Hotel besass, dort arbeitete sie als Mädchen für alles. Anstrengend sei es gewesen, sagt Hosaena heute, doch sie konnte weiter zur Schule, was ihr schon damals das Wichtigste war. In dieser Zeit lernte Hosaena den Vater von Sabriel kennen. Es war eine Liebe voller Hoffnung, so glaubte sie. Doch als sie schwanger wurde, wies der Mann sie zurück, eine Heirat, befand er, sei ausgeschlossen: er christlich-orthodox, sie katholisch. Die Eltern hielten zu Hosaena, auch ihre Geschwister standen ihr bei, und doch, plötzlich war sie allein.

Die Jahre danach waren hart. Hosaena arbeitete als Lehrerin, unterrichtete Mathematik und Sprachen, sie bot sich als Haushaltshilfe an, hatte immer zwei oder drei Jobs zugleich. Und nie reichte das Geld. An trüben Tagen dachte sie daran, fortzugehen aus Eritrea, an einen Ort, wo sie Perspektiven hat und unbeschwert an eine Zukunft denken kann. Doch sie zögerte.

 

 

Hoseana will selbst entscheiden
Dann aber, im August 2014, fasste Hosaena den Entscheid, sie wollte durch die Wüste und übers Meer nach Europa. Wohin genau, das spielte keine Rolle, sie kannte diese Länder nicht. In ein paar Wochen würde sie das Festland erreichen, wenn alles gut ging, dann könnte sie Arbeit suchen, Geld verdienen, weiterschauen. Das war der Plan. Und Sabriel, der kleine Sabu? Er sollte bei ihrer Schwester bleiben und glauben, seine Mutter sei bloss über der Grenze im benachbarten Sudan. «Die Rechnung war schnell gemacht: Entweder ich überlebe, dann hole ich Sabu zu mir, irgendwann. Oder ich sterbe unterwegs, dann lebt wenigstens mein Sohn weiter», sagt Hosaena, sechs Jahre später, auf einem weissen Sofa in ihrer Wohnung nahe dem Thunersee, und es sind Tränen in ihren Augen.

Schon als kleines Mädchen wollte Hosaena von niemandem abhängig sein und selber entscheiden. Als der Vater ihr einen Mann zur Heirat anbot – Hosaena war fünfzehn Jahre alt –, sagte sie: Erst will ich zur Schule! Und als die Mutter sich beschwerte, dass ihre Tochter die Kaffeezeremonien versäumte, wo immer so viel und lange geredet wird, sagte diese: Keine Zeit, es wartet ein Buch auf mich! Beide akzeptierten all ihre Entscheide. Auch als sie sich auf die grosse Reise begab, als Frau und mutterseelenallein – sie umzustimmen, das wussten die Eltern, wäre zwecklos gewesen.

 

Zwei Tage und eine furchtbare Nacht
Als Hosaena Ende August 2014 die Grenze zum Sudan überquerte, rief sie zuhause an, beruhigte die Schwester, erkundigte sich nach Sabriel («mit ihm reden, das konnte ich nicht, hätte ich seine Stimme gehört, wäre er noch tiefer in meinem Herzen gewesen»). Dann suchte sie nach Schleppern, die sie durch die grosse Wüste bringen. Doch alles zog sich hin. Es vergingen Tage und Wochen.

Bis Hosaena Anfang Oktober auf einem Lastwagen nach Libyen gebracht wurde, wo sie abermals einen Monat steckenblieb, in engen, stickigen Räumen, mit hundert anderen Geflüchteten. Dann endlich bekam sie das OK für die Fahrt über das Mittelmeer, zwei Tage und eine furchtbare Nacht dauerte sie. Es war anfangs November, als Hosaena die Küste Italiens erreichte. Drei Wochen später und nach einer langen Zugfahrt, am 25. November 2014, stellte sie in Vallorbe im Kanton Waadt einen Antrag auf Asyl – 96 Tage und 6000 Kilometer von zuhause entfernt.

Von Vallorbe wurde Hosaena nach Burgdorf gebracht und wenige Wochen später in eine neue Asylunterkunft nach Aeschiried mit Sicht auf den Thunersee. Dort besuchte sie Deutschund Computerkurse, sie nahm an einem Beschäftigungsprogramm teil, schnitt Büsche und Bäume. Und lernte Dani kennen («es war der 23. Mai 2015, ich weiss es noch genau»), mit dem sie sich zum Kaffee traf, einmal die Woche, und so erzählten sie einander ihre Geschichten: Sie vom kleinen Dorf bei Keren und von ihrem Sohn, der zuhause auf sie wartete, und er von seiner erwachsenen Tochter, vom Leben in Reichenbach im Kandertal und davon, wie sehr sie ihm gefalle.

Heute sitzt Daniel Meyer auf dem weissen Sofa neben Hosaena und lacht: «Hätte mir einer gesagt, dass ich mit Mitte fünfzig noch einmal Vater werde, ich hätte ihm den Vogel gezeigt.» Seit Oktober 2018 sind die beiden verheiratet, Sohn Carlos kam im Februar 2017 auf die Welt. Damals telefonierte Hosaena jeden Sonntag mit Sabriel, der inzwischen bei einer anderen Schwester im Sudan lebte, sie erzählte ihm von der Schweiz und dass sie die Sprache lerne, noch auf Asyl warte, sich schon bald Arbeit suche, und immer wieder: dass er, Sabu, sich noch gedulden müsse. «Dass ich schwanger war, sagte ich ihm erst, als ich im neunten Monat war. Ich wusste ja nicht, wie er reagieren würde. Nach der Geburt schickte ich ihm per Whatsapp ein Bild, Sabu hat sich so gefreut über seinen Bruder.»

Zu jener Zeit war Hosaenas Herz oft finster, sie wusste kaum weiter: Existenzängste, eine krebskranke Schwester, das ewige Warten auf die Papiere, die quälende Frage, ob ihr Sohn sie nicht vergessen werde, irgendwann. Schon drei Jahre waren vergangen, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte.

Als Hosaena im Sommer 2017 die Aufenthaltsbewilligung B bekam und damit finanziell auf sich selbst gestellt war, nahm sie kleinere Arbeiten an, sie verkaufte das Strassenmagazin Surprise, und Daniel Meyer half mit, wo er nur konnte. Bis zum 26. Oktober 2018, als er auf seiner schwarzen Triumph nach Thun unterwegs war, ihn ein Fahrzeug von hinten packte, er quer über die Strasse flog und mit offenem Bein und Handbruch liegenblieb. Zwei bange Wochen verbrachte Daniel im Spital. Dann kam der Papierkram – SUVA, IV, RAV –, der sich zu einem Berg türmte, eine einzige grosse Last. Und die dumpfe Gewissheit, dass er, ein Sportler im Herzen, wohl nie mehr wird unbeschwert rumtollen können, tschutten und secklen mit den beiden Jungs. Den beiden Jungs: «Ja, für mich stand nie ausser Frage, wir holen den Sabu in die Schweiz, er gehört zur Familie», sagt Daniel, der sich immer noch am Aufrappeln ist und hofft, schon bald wieder sechzig Prozent zu arbeiten, und der auch sagt: «Diese Zeit hat Hosaena und mich zusammengeschweisst.»

 

Und dann noch Corona
Eigentlich wäre Sabriel bereits über ein Jahr bei den Meyers, so lange bemühen sie sich schon. Doch etwas kam immer dazwischen. Einmal war Hosaenas Aufenthaltsbewilligung das Problem, ein andermal fehlten Papiere, es brauchte das schriftliche Einverständnis des Vaters, den man in Eritrea zuerst ausfindig machen musste, dann musste Sabriels Geburtsurkunde mithilfe von Kurieren über die Grenze in den Sudan gebracht werden, zu guter Letzt verlangte das Staatssekretariat für Migration SEM von Mutter und Sohn einen DNA-Test. Als die Dokumente endlich beisammen waren und jeder Stempel an seinem Ort, brach im März die Corona-Pandemie aus und alle Verfahren wurden zwischenzeitlich eingestellt.

Dann, am 31. August, später Nachmittag, kam per Email die Bestätigung für das Visum, und Daniel schenkte Sekt ein und Hosaena griff zum Handy, sie rief die Eltern an, ihre Schwester und Sabu: nani, akairigin – endlich!

Keine vierzehn Tage später, am 12. September, flog Hosaena in den Sudan, es war zwei Uhr in der Nacht, als sie beim Haus der Schwester ankam und ihren Sohn ein zweites Mal aus dem Schlaf küsste, 2214 Tage nach ihrem letzten Abschied. «Ich habe ihn geweckt, wir haben uns umarmt, wir haben geweint.» Eine Woche später betrat Sabriel in Thun, nur wenige Minuten vom Schloss Schadau entfernt, die kleine 4-Zimmer-Wohnung der Meyers. Ob sie je die Hoffnung verloren habe, dass ihr Sohn irgendwann wieder bei ihr sein wird? «Nie», sagt Hosaena. Und Sabriel, der jetzt neben seiner Mutter sitzt, sagt: «Ich wusste immer, dass Mami mich holen wird.»

«Wir mussten uns aneinander gewöhnen», sagt Hosaena: sie an einen Buben, der ihr die ersten Jahre seines Lebens so vertraut war wie kein anderer Mensch und den sie jetzt neu kennenlernen muss; der kleine Carlos an einen Bruder, der plötzlich alle Aufmerksamkeit auf sich zieht und dann noch Blin, die Sprache seiner Mutter, spricht; ihr Mann Daniel an einen Jungen, der schon bald ein Teenie sein wird mit allem Drum und Dran; und Sabriel an eine Familie, die er nicht hatte, an die Schule, die fremde Sprache, die Kleider, den Scooter, den ersten Schnee – und daran, dass er seine Grosseltern in dem kleinen Dorf auf einem Hügel nahe von Keren noch viele Male vermissen wird.

Noch immer, sagt Hosaena, gebe es diese Momente, da ihr alles wie ein Traum vorkomme – wenn sie in der Küche steht oder früh morgens aus dem Bett steigt und Sabriel an ihr vorbeihuscht, einfach so, da frage sie sich: Ist das mein Junge, ist das mein Sabu? Ist er es wirklich?

 


Ein Recht auf Familie

Artikel 14 der schweizerischen Bundesverfassung bildet die allgemeine Grundlage für den Familiennachzug. Gemäss diesem Recht muss es einer Person grundsätzlich möglich sein, die Kontakte zu ihren Familienmitgliedern zu pflegen und nicht von ihnen getrennt zu werden. In der Schweiz wurden zwischen Januar und Juli 2020 19 405 Fälle von Familiennachzug registriert; 10 520 waren Familienangehörige von EU-/EFTAStaatsbürger*innen (vor allem Deutschland, Italien und Frankreich), 8885 waren Familienangehörige von Drittstaatenangehörigen. Dabei sind die Auflagen sehr unterschiedlich. Für EU-/EFTA-Angehörige ist das Freizügigkeitsabkommen massgebend, für Angehörige aus Drittstaaten hingegen das rigidere Ausländergesetz und für Flüchtlinge das Asylund Ausländergesetz. Organisationen wie Caritas kritisieren, dadurch werde das Prinzip der Rechtsgleichheit untergraben. Sie fordern, dass die im Ausländerrecht bestehenden Benachteiligungen gegenüber Nicht-EU/EFTA-Angehörigen abgeschafft und das Recht zum Nachzug demjenigen des Freizügigkeitsrechts angepasst wird: Alle müssten gleichermassen das Recht haben, Ehegatten, eingetragene Partner sowie Kinder und Stiefkinder bis 21 Jahre nachzuziehen.