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Illustration: Sarah Weishaupt
Corona
«Er hätte noch nicht gehen müssen»

Corona: Richard S. ist mit 86 Jahren an Covid gestorben. Für seine Tochter Caroline, Oberärztin auf der Covid-Intensivstation eines grossen Spitals, kam sein Tod zu früh.

«Wäre der Papa mein Patient gewesen, hätte ich gesagt: Nein, den nehmen wir nicht auf die Intensivstation.» Caroline S., 36, arbeitet auf der Covid-Station eines grossen Spitals. Ihr Vater Richard ist 86 Jahre alt und dement, als er sich Ende Januar im Pflegeheim mit dem Virus ansteckt. Mit ihrer Schwester und Mutter ist sie sich einig, dass sie auf keinen Fall möchten, dass er intubiert wird. «Vier, fünf, vielleicht acht Wochen sediert sein, um dann vielleicht doch noch am Tubus zu sterben», das wollten sie um jeden Preis vermeiden. 

Wenn Caroline S. über die Krankengeschichte ihres Vaters spricht, ist sie Ärztin und Tochter zugleich. Und vielleicht war ein Teil ihrer Motivation, Ärztin zu werden, genau das: »Immer ist mit dem Papi gesundheitlich irgendwas gewesen, immer hat er was gehabt. Nichts Schlimmes, kein Herzinfarkt oder so, aber einfach Schmerzen.» Zunächst jedoch studierte sie Pharmazie wie die Mutter. «Ich bin ihr sowieso sehr ähnlich.» Und ihre Mutter, wird sie später erzählen, habe sich so lange aufopfernd um den kranken Vater gekümmert, bis sie selbst zusammenbrach. Als ältere Tochter begann Caroline S. schon während des Studiums, die Mutter zu unterstützen. Ihre Schwester entzog sich lange, kam aber wieder näher, als sie begriff, wie krank der Vater war. So könnte man die Geschichte zumindest erzählen. 

Ob ein Patient wie ihr Vater auf die Intensivstation aufgenommen werde, hänge von verschiedenen Faktoren ab, spricht wieder die Intensivmedizinerin aus Caroline S. Damit sich ein massiver Eingriff wie die bei den Covid-Patient*innen häufig notwendige Intubierung lohne, müsse es eine ernsthafte Perspektive für hinterher geben. Das gilt für jede Form der Intensivmedizin (IPS), die dem Körper so viel abverlangt. Eine Person, die einmal länger auf der Intensivstation liegt, wird hinterher nie mehr dieselbe Leistungsfähigkeit erreichen wie vorher. «Das ist den meisten Menschen gar nicht bewusst.» Das ist auch bei jungen Leuten so. «Je länger die Patient*innen auf der IPS liegen, desto mehr baut der Körper ab.» Vor jeder Aufnahme müsse man sich deshalb fragen, ob danach wirklich eine Chance auf ein lebenswertes Leben bestehe. Und bei alten Menschen ist die Gefahr gross, dass diese hinterher dauerhaft auf Hilfe angewiesen sind – wenn sie denn überleben.

Caroline S. hadert mit dem Corona-Ausbruch im Pflegeheim ihres Vaters. Bei einem der letzten Besuche hatte sie selbst gesehen, wie ein Pfleger ihren Vater umarmte, obwohl der Vater keine Maske trug. Gleichzeitig will sie keine Schuldzuweisungen machen: «Die Menschen brauchen das ja auch, die Nähe. Und einem Demenzerkrankten kann man nicht erklären, warum er eine Maske tragen muss.» 

Es ging Richard S. gut im Heim, das erste Mal seit vielen Jahren. «Die haben ihn u-gern gehabt. Das hat mich überrascht.» Einmal vor vielen Jahren hatte Caroline ihn in die Psychiatrie einweisen lassen, als er dermassen tobte, dass sie ihn zu dritt zuhause nicht mehr beruhigen konnten. Zu jener Zeit fand man bei einer Untersuchung zufällig heraus, dass er unter fronto-temporaler Demenz litt. Eine seltene Form von Demenz, die mit Wesensveränderungen einhergeht. Demenz, das wusste Caroline aus dem Studium, da kann man nichts tun. «Hätte der Papi damals eine Krebsdiagnose bekommen, das wäre einfacher gewesen.» Dagegen hätte man kämpfen können. 

Für die Mutter hiess das: die Wutanfälle und den Groll aushalten. Die Töchter waren zu diesem Zeitpunkt bereits erwachsen und ausgezogen. «Manchmal hat mich meine Mutter Sonntagabends nach einem Familienessen nach Hause gefahren. Diese Autofahrten waren für sie der Moment, wo sie mal abladen konnte. Zuhause angekommen war ich dann völlig am Boden. U-schlimm», erinnert Caroline sich.  

Anfang Februar hätte Richard seinen ersten Impftermin gehabt. Ende Januar trifft eine Email bei Caroline ein, die Station sei wegen eines Corona-Ausbruchs geschlossen und Besuche nicht mehr möglich. Sofort ruft sie das Heim an. Man sagt ihr, ihr Vater sei positiv getestet. Warum man sie nicht angerufen habe? Das sei irgendwie untergegangen. Das Gefühl, durch die Heimleitung nicht gut genug informiert zu werden, wiederholt sich kurz darauf, als die Sauerstoffsättigung des Vaters abfällt und die Familie wieder erst auf Nachfrage davon erfährt. Die drei Frauen lassen ihn ins Spital verlegen. «Ich war froh, dass meine Mutter sich dafür eingesetzt hat.» Auch die Schwester setzt sich jetzt voll ein. Die Doppelrolle als Tochter und Ärztin lastet auf Caroline, sie will die Verantwortung für die Gesundheit des Vaters nicht allein tragen. 

Als Oberärztin sitzt sie oft mit den Angehörigen von Patient*innen zusammen, wenn es um Entscheidungen für oder gegen lebenserhaltende Massnahmen geht. «Ich versuche immer, ihnen zu sagen: Stellen Sie sich vor, der- oder diejenige sässe jetzt hier bei uns am Tisch. Was würde sie oder er wollen?» Oft helfe dieser kleine psychologische Trick den Angehörigen bei schweren Entscheidungen rund um lebenserhaltende Massnahmen. Nun ist sie als Tochter in derselben Situation. Als der behandelnde Oberarzt ihres Vaters anbietet, man könnte Richard ja auch ohne zu intubieren in die Intensivpflege aufnehmen, zum Beispiel um ihm mit einer speziellen Sauerstoffmaske das Atmen ein wenig zu erleichtern, ist sie froh: «Ich wusste, die kümmern sich richtig gut um ihn.» Und doch erschrickt sie noch einmal, als sie am nächsten Morgen hört, man habe ihn tatsächlich auf die Intensivstation verlegt. Und die Schwester macht sich Vorwürfe: «Wenn man den Papi nur früher eingewiesen hätte, hätte man ihm vielleicht helfen können, und er soll doch nicht einfach so sterben.» 

Caroline kennt sich gut mit dem Krankheitsbild von SARS-Cov-2 aus, wie die Infektion medizinisch heisst. Sie zählt zu denen, die seit Beginn der Pandemie mit den Schwererkrankten gearbeitet haben. Dass sie in der ersten Welle der Covid-Station zugeteilt wurde, hat sie nicht infrage gestellt. Zwar sei es ein mühsames Arbeiten mit all der Extra-Schutzkleidung und den zusätzlichen Regeln, aber aus beruflicher Sicht sei es eben auch spannend, die noch unbekannte Krankheit so unmittelbar mit zu bekämpfen. Caroline sagt das zögerlich, als erscheine es ihr unsittlich, berufliches Interesse daran zu zeigen. «Es ist ein mühsames Krankheitsbild. Es geht nicht vorwärts. Du stehst an den Intensivbetten und gleichst immer wieder die Einstellung des Beatmungsgeräts an, damit die Lunge nicht geschädigt wird. Und das teilweise über Wochen.» Viele Patient*innen bemerkten nicht einmal, dass sie Atemnot haben. Und doch atmen sie so stark, dass das ohnehin angegriffene Lungengewebe geschädigt wird und vernarbt. 

Am Sonntag war Richard getestet worden. Am Dienstag erfuhr die Familie, dass er positiv ist. In der darauffolgenden Woche kam er am Mittwoch ins Spital. Und nur einen Tag später auf die Palliativstation. Weil das Infektionsgeschehen zu diesem Zeitpunkt relativ entspannt war, hatten die drei Frauen die Möglichkeit, ihn im Spital zu besuchen. Am Sonntag darauf starb Richard S. «Jede konnte allein und für sich Abschied nehmen.» 

«Er hatte so schöne Hände, das ist mir früher nie aufgefallen. Und dann sass ich da, er war nicht mehr wirklich ansprechbar, aber ich konnte seine Hand halten. Und als ich ihn dort so liegen sah, dachte ich: Papa, du musst nicht mehr kämpfen. Wenn du gehen willst, dann kannst du jetzt gehen, es ist ok.» 

Caroline ist dankbar für den familiären Heilungsprozess, den die letzten Tage mit ihrem Vater gebracht haben. Gerade ihre Mutter konnte sich in der Zeit, als er im Spital lag, mit dem Vater aussöhnen. «Ich glaube, der Papi hat s’Mami wahnsinnig gerngehabt. Aber er hat das nicht so zeigen können. Sein eigener Vater ist gestorben, als er zehn war, die Mutter musste sich allein durchkämpfen. Papi hat wohl als Kind vieles nicht bekommen, was ein Kind braucht.» Plötzlich traten die positiven Erinnerungen an ihn wieder in den Vordergrund und die Anstrengung der letzten Jahre verlor an Bedeutung. «Wir haben zusammen Fotos angeschaut, und da ist wieder der Papi aufgelebt, wie er früher gewesen ist.» 

Mutter und Vater lernten sich in einer Apotheke kennen, er war damals 40, sie 25. Nach einem halben Jahr waren sie verheiratet. Richard war Pilot. Über sein Leben vor der Hochzeit wissen sie nur wenig. Kurz nach der Hochzeit Mitte der 1970er-Jahre hatte er in kurzem Zeitabstand drei Auffahrunfälle mit dem Auto. Obendrein wurde er auch noch auf dem Klotener Rollfeld von einem Bus erfasst – danach konnte er nicht mehr als Pilot arbeiten. Dabei war ein ausgezeichneter Flieger gewesen, er hatte sogar andere unterrichtet. Doch nun sass er statt in der Maschine mit 50 Jahren als versehrter Hausmann zuhause. 

«Wir sind vom Papi grossgezogen worden», sagt Caroline. «Das klingt zwar megacool, das war immerhin vor über dreissig Jahren, und wir waren die Einzigen. Aber für ihn war das schwierig. Es hat an ihm genagt.» Zwar verdiente er mit Börsengeschäften ein bisschen was dazu und bezahlte damit die Ferien der Familie, aber die Mutter war die Hauptverdienerin, sie leitete eine Apotheke. «Heute würde man jemandem wie ihm psychologische Hilfe anbieten, um den Umbruch zu bewältigen», sagt Caroline. Damals war das kein Thema. Über seine Gefühle hat der Vater, Jahrgang 1934, nie gesprochen. 

Als die Töchter das elterliche Haus verlassen hatten, zogen die Eltern in die Zürcher Agglomeration. «Den Umzug hat er nicht mehr vertragen. Wahrscheinlich war das schon die einsetzende Demenz, das hatte einfach noch keiner gemerkt.» Das ist elf Jahre her. Richard war damals 75 Jahre alt. Die Krisen häuften sich, Richard tobte immer ungebremster. Irgendwann musste die Mutter mit einem Burn-out in die Klinik und kehrte nicht mehr in die gemeinsame Wohnung zurück. «Der Papi hat dann einfach selber gewurschtelt. Man kann es nicht anders ausdrücken.» 

Caroline fuhr regelmässig zu ihm, räumte ein wenig auf, eine Putzfrau gab es auch, die ihm half. Häufig gerieten sie aneinander. «Und dann gehst du im Streit abends auseinander – das ist nicht schön.» Ihre Schwester hatte zu dem Zeitpunkt Abstand zum Vater genommen. «Sie sind sich sehr ähnlich, das war eine explosive Mischung.» Nach einem fürchterlichen Streit brach die Schwester den Kontakt zunächst ab. Damals war Caroline gerade zum Studium in Toronto. «Das war auch gut für mich, dass ich mal rauskam und nicht mehr viel machen konnte aus der Entfernung.» Caroline konnte ihre Schwester verstehen, insgeheim beneidete sie Isabelle dafür, sich so abgrenzen zu können. Der Vater wurde immer wieder hospitalisiert. Aber dabehalten haben sie ihn nie lange. Caroline frustriert das bis heute. Wenn jemand nicht in eine Einrichtung will und sich halbwegs versorgen kann, ist nichts zu machen. «Er hat sich immer beklagt, dass er allein sei, aber in ein Altersheim oder eine betreute Wohneinrichtung wollte er nicht.» 

Caroline und ihre Mutter einigten sich darauf, dass es in Ordnung wäre, «wenn er daheim stürzen sollte und nicht mehr aufstehen kann. Dann ist das so.» Tatsächlich kam der Moment, wo er nach einem Sturz eine Hirnblutung erlitt und Caroline ihn ins Spital bringen liess. Und wieder möchte sie die Entscheidung nicht allein treffen, nicht Ärztin und Tochter in einem sein. Der Notarzt, den sie rief, hatte dafür vollstes Verständnis. Aus dem Spital kam er in das Pflegeheim, wo er sich schliesslich ansteckte. Jetzt kann auch Carolines Schwester dem Vater seine Wutausbrüche verzeihen und kümmert sich liebevoll um ihn, jetzt, wo sie weiss, wie sehr seine Stimmungen mit seiner Krankheit zu tun hatten. 

«Er hätte noch nicht gehen müssen.» Wäre Corona nicht gewesen, hätte Richard S. vielleicht noch mitbekommen, dass er im Oktober Grossvater werden würde. Caroline ist schwanger.