Skip to main content
All Inclusive
Erschüttert

Einige Monate nach seinem Psychiatrieaufenthalt steht der ehemalige Geschäfts- führer Matthias N. im Rahmen einer beruflichen Eingliederungsmassnahme hinter der Theke eines Integrationsbetriebes und soll Mineralwasser in Gläser abfüllen und Eiswürfel dazugeben. Er schaut eine gefühlte Ewigkeit auf die Gläser und ist völlig überfordert mit der Entscheidung, wie viele Eiswürfel er nun in jedes Glas geben soll.

Die Szene aus dem Film «Weg vom Fenster – Leben nach dem Burnout», der Anfang des Jahres in Schweizer Kinos gezeigt wurde, zeigt eindrücklich, wie schwer eine Depression die Leistungsfähigkeit der Betroffenen beeinträchtigen kann. Der einstige Manager erzählt im Rückblick, wie er nach seinem Zusammenbruch möglichst schnell wieder «normal» arbeiten wollte. Wie demütigend er es empfand, als er zunächst in einer geschützten Werkstätte Anzündhilfen aus WC-Rollen und Holzstäbchen herstellen musste, und wie wütend ihn das machte. Matthias N. schildert, wie er auf seinem langen Genesungsweg immer wieder an den scheinbar einfachsten Aufgaben scheiterte und wie schwer es ihm fiel, sich einzugestehen, dass er zum jeweiligen Zeitpunkt schlichtweg nicht in der Lage war, mehr zu leisten.

Der Film gibt aufschlussreiche Einblicke in die emotionalen Prozesse, die mit einer psychischen Erkrankung einhergehen: angefangen beim schmerzhaften Eingeständnis, dass man Hilfe benötigt, über die Erkenntnis, dass Genesung viel Zeit braucht, bis zur Akzeptanz, dass manche Dinge danach nicht mehr möglich sind.

Welch eine grosse Erschütterung eine schwere körperliche oder psychische Beeinträchtigung bedeuten, zeigen auch die Resultate einer kürzlich veröffentlichten Studie des Bundesamtes für Sozialversicherungen. Die Forschenden befragten knapp 1000 Versicherte, die eine Eingliederungsmassnahme der Invalidenversicherung erhalten hatten, zu ihren gesundheitlichen Problemen, ihren Erfahrungen mit der IV sowie zu ihrer allgemeinen Lebenssituation. Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sie sich zuerst dagegen wehrten, sich bei der IV anzumelden, weil sie diesen Schritt als persönliches Scheitern empfanden. Dabei will die Invalidenversicherung nicht mehr nur als Renten-, sondern auch als Eingliederungsversicherung fungieren, die er- krankte Versicherte möglichst frühzeitig unterstützt.

Die Angst vor dem – erneuten – Versagen spielt während des ganzen Eingliederungsprozesses eine wichtige Rolle. Die Studienautoren schreiben, dass die Ängste der Versicherten oft zu wenig erkannt und thematisiert werden und deshalb von Eingliederungsfachpersonen häfig als mangelnde Motivation fehlgedeutet werden. Die Befragung zeigte ausserdem auf, dass eine schwere gesundheitliche Beeinträchtigung nicht isoliert betrachtet werden kann, da sie alle Lebensbereiche der Betroffenen in Mitleidenschaft zieht und von ihnen wie auch von ihrem persönlichen Umfeld, wie Partner und Familie, grosse Anpassungsleistungen verlangt. Ausnahmslos alle Versicherten mit einer psychiatrischen Diagnose haben zudem auch starke körperliche Beschwerden, und alle Versicherten mit einer körperlichen Diagnose berichteten über psychische Symptome. Für eine erfolgreiche Eingliederung muss die Gesamtsituation der Betroffenen genau analysiert und verstanden werden und – statt eines Standardprogramms – eine auf die Einschränkungen zugeschnittene Massnahme erfolgen. Auf die spezifische Situation von Personen mit psychischen Erkrankungen wird oft noch zu wenig eingegangen: Während die IV-Massnahmen bei Versicherten mit primär muskoskelettalen Beschwerden in 45 Prozent der Fälle zum Eingliederungserfolg führen, sind sie bei Versicherten mit einer psychischen Erkrankung nur in einem Viertel der Fälle erfolgreich.

Matthias N. gehört zu den Glücklichen: Über verschiedene Stationen und Umwege fand er nach zwei Jahren in die Arbeitswelt zurück.