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Serie «Die Unsichtbaren»
«Es geht um mehr als symbolische Anerkennung»

Haus- und Familienarbeit an andere abzugeben, ist nicht neu. Nur sei heute der Druck auf die Mittelschicht, sich bedienen zu lassen, grösser geworden, sagt die Soziologin Nicole Mayer-Ahuja.

Nicole Mayer-Ahuja, immer mehr Menschen lagern Tätigkeiten an andere aus – vor allem Arbeiten, die ihnen unbequem sind. Entsteht da gerade eine neo-feudale Gesellschaft mit Heerscharen von Diener*innen?

Nicole Mayer-Ahuja: Dass Menschen es sich leisten können, gewisse Arbeiten nicht selbst zu verrichten, ist eigentlich nichts Neues. Typischerweise waren oder sind das Tätigkeiten, die unter die Hausund Familienarbeit fallen, wie Putzen, Einkaufen, die Betreuung der Kinder oder älterer Familienmitglieder. Was heute anders ist: Immer mehr Menschen können nicht anders, sie müssen sich eine solche Auslagerung leisten.

Wie meinen Sie das?

Viele haben Jobs mit flexiblen Arbeitszeiten, was bedeutet, dass sie länger arbeiten, immerzu erreichbar sein müssen und so unter hohem Druck stehen. Da bleibt kaum noch Zeit, sich um den eigenen Haushalt, die Kinder oder den Hund zu kümmern. Das ist auch ein Grund, weshalb die Zahl derer, die Sie Diener*innen genannt haben, in den letzten Jahren rapide zugenommen hat. Auf der anderen Seite ist das Phänomen, über das wir hier reden, ein altes: Die Umwandlung von Haus- und Familienarbeit in Lohnarbeit begann bereits mit der Gründung von Krankenhäusern und Kinderkrippen. Allerdings handelte es sich dabei um Arbeit unter geregelten Bedingungen, also mit Arbeitsverträgen, mit einem Lohn, auf dessen Zahlung man sich verlassen konnte, und mit Schutz durch Sozialversicherung und Arbeitsrecht. Was wir heute haben, ist etwas ganz anderes: Viele der ausgelagerten Arbeiten bewegen sich rechtlich in einem Graubereich.

Und diejenigen, die sie verrichten, sind weitgehend unsichtbar.

Ja, wobei diese Unsichtbarkeit unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Die Kurier*innen von Lieferdiensten gehören mit ihren Jacken und Rücksäcken bereits zum Stadtbild. Auch der Reinigungsdienst war früher sichtbarer. Die Angestellten waren im öffentlichen Sektor tätig – in Schulen zum Beispiel oder in der Verwaltung –, sie waren zu normalen Arbeitszeiten anwesend, gehörten zur Belegschaft, wurden zu Firmenessen eingeladen. Mit der Privatisierung der Reinigungsarbeit änderte sich alles.

Mit welchen Konsequenzen für die Arbeitenden?

Die Arbeitsbedingungen haben sich verschlechtert, es muss jetzt in kürzerer Zeit für weniger Geld mehr geputzt werden. Und weil die Privatfirmen ihre Angestellten zu Randzeiten oder in der Nacht einsetzen, werden diese immer unsichtbarer – gerade auch für die Leute, deren Räumlichkeiten sie reinigen. Was wiederum dazu führt, dass die Kontrollen zunehmen. So werden bewusst Krümel ausgelegt, um Putzhilfen zu bezichtigen, sie würden ihre Arbeit nicht ordentlich verrichten. Der nächste Schritt der Privatisierung und Auslagerung der Reinigungsarbeit im grossen Stil passiert heute, hin zu den privaten Haushalten. Wer dort zum Beispiel unter prekären Bedingungen und ohne festen Vertrag arbeiten muss, vielleicht an der Steuer vorbei tätig ist oder Probleme mit Arbeitsoder Aufenthaltsgenehmigung hat, darf folgerichtig auch nicht mehr gesehen werden, denn das wäre ja strafbar. Er oder sie kommt sozial also gar nicht mehr vor.

Manchmal kann Unsichtbarkeit auch ein Schutz sein.

Das stimmt. Wir reden hier von Arbeiten, die ein geringes gesellschaftliches Ansehen haben, denen teilweise sogar ein sozialer Makel anhaftet. Niemand erzählt gern, dass man putzen geht, man möchte nicht, dass die eigenen Kinder darüber in der Schule reden. Dann ist man vielleicht ganz froh, wenn man bei der Arbeit nicht gesehen wird. Kommt hinzu, dass man kaum jemals dafür gelobt wird, dass man seinen Job toll gemacht hat. Im Gegenteil: Solche Arbeiten fallen uns nur dann auf, wenn sie nicht gut gemacht werden. Das darf nicht sein.

Umso mehr: Woher diese Scham?

Das ist in der Tat eine interessante Frage. Ich denke, es gibt seit jeher und weltweit Tätigkeiten, die mit Scham behaftet sind. Das sind oft Tätigkeiten, die mit Körperlichem zu tun haben, mit Schmutz oder Alter und Tod, Dinge, die wir gerne von uns weisen. Sie werden nach Möglichkeit an andere delegiert, die keine Wahl haben und diese «schmutzigen» Arbeiten verrichten müssen. Und doch, es gibt im gesellschaftlichen Umgang mit diesen Tätigkeiten grosse Unterschiede.

Woran denken sie?

Zum Beispiel an die Müllabfuhr: der Job ist hart, es riecht übel und ist dreckig. Und doch ist diese Arbeit einigermassen anerkannt. Die Müllmänner, wie wir sie nennen, sind sichtbar, sie haben Verträge, Mindestlöhne und eine starke Gewerkschaft hinter sich. Im Vergleich dazu die sozusagen weibliche Variante: eine Frau mit Minijob in einem privaten Reinigungsunternehmen, die sich nachts durch verlassene Gebäude putzt, oder eine Putzhilfe aus Polen oder Portugal, die in einem Privathaushalt für einen miesen Lohn schwarzarbeitet, die dadurch hochgradig abhängig ist und mit niemandem über ihre Arbeit reden darf. Die beiden Beispiele zeigen: Wir gehen als Gesellschaft mit schambehafteten Arbeiten sehr unterschiedlich um.

Und sie zeigen auch, wie man diese Arbeiten aufwerten könnte.

In jedem Fall geht es dabei nicht nur um symbolische Anerkennung. Das haben wir jetzt in Zeiten von Corona gesehen, als den Menschen mit sogenannt systemrelevanten Berufen applaudiert wurde. Da ist zwar fortlaufend von Anerkennung die Rede, nur darf diese nichts kosten. Doch auch Lohn ist nicht alles, wenn wir über die Aufwertung solcher Arbeiten nachdenken. Es geht auch um soziale Absicherung und kollektive Interessenvertretung.

Nach wie vor ist die Meinung verbreitet, man könne solche Arbeiten doch gar nicht gern machen – und also sei Wertschätzung auch nicht so wichtig.

Eine sehr verengte Sicht. Nehmen wir erneut den Reinigungssektor. Nicht wenige Frauen, die dort tätig sind, wollen ihre Arbeit ordentlich verrichten, sie möchten, dass die Räume gut aussehen.

Sie reden von Arbeitsethos?

Genau. Und das nutzen gewisse Firmen im Übrigen gezielt aus. Sie setzen ihre Angestellten unter enormen Zeitdruck, was dazu führt, dass diese die Arbeit nach ihren eigenen Standards nicht mehr zufriedenstellend ausführen können – also bleiben sie länger da und putzen ohne Bezahlung weiter.

Zurück zur Scham, nur auf der anderen Seite. Es fällt auf, dass viele Menschen, die unangenehme Arbeiten an andere auslagern, tendenziell ein schlechtes Gewissen haben.

Es gibt sicher Leute, denen es unangenehm ist, dass andere Menschen ihre Hausarbeit übernehmen. Im besten Fall schlägt sich das darin nieder, dass sie ordentliche Arbeitsverträge abschliessen, nicht unterhalb des Mindestlohns zahlen, vielleicht sogar nach Wegen suchen, wie eine Haushaltshilfe sozialversichert werden kann. Andere greifen zum günstigsten Angebot, obwohl sie eigentlich mehr bezahlen könnten. Sie bleiben den Lohn schuldig, zahlen nicht weiter, wenn sie selbst in Urlaub fahren oder die Kollegin, die für sie arbeitet, krank wird, usw. Sie wollen ihr Geld lieber für anderes ausgeben und nehmen damit in Kauf, dass Leute unter prekären Bedingungen arbeiten müssen. Dann haben sie in meinen Augen allen Grund, sich zu schämen. Es gibt allerdings noch andere, strukturelle Gründe für diese Scham, und diese sind geschlechterspezifisch.

Was meinen Sie damit?

Die Idee, Frauen müssten zum Beispiel Haushaltsarbeiten unentgeltlich und sozusagen nebenher verrichten, ist nach wie vor präsent. Nun gibt es aber hierzulande immer mehr Frauen, die einer bezahlten Arbeit nachgehen, sei es in Teilzeit oder auch 100 Prozent. Das Eingeständnis, dass sie den Haushalt unter diesen Bedingungen nicht mehr selber machen können oder wollen, kann durchaus zu Scham führen – oder zumindest zu einem Konflikt mit der Rolle, die ihnen die Gesellschaft nach wie vor zuteilt.

Besserverdienende Frauen, die Haushaltsoder Familienarbeiten an andere Frauen auslagern – das soll die Schattenseite der Emanzipation sein?

Korrekt ist, dass wir es mit einer Spaltungslinie zwischen Frauen zu tun haben, dass manche Frauen sich auf Kosten ihrer «armen Schwestern» Entlastung verschaffen: die dauerbeschäftigte Managerin hier, die migrantische Putzhilfe dort, um es plakativ zu sagen. Dafür aber die Emanzipation verantwortlich zu machen, wäre doch ziemlich schief. Erstens müssen wir uns dringend darüber Gedanken machen, wie Haushaltsund Betreuungsarbeiten unter den Geschlechtern gleichmässiger aufzuteilen sind. Auch hier stellen sich strukturelle Herausforderungen: Im männlich geprägten Arbeitsmarkt haben die Ausweitung der Arbeitszeiten sowie die Flexibilitätsanforderungen ebenfalls stark zugenommen. Somit wird es auch für Männer schwieriger, neben ihrem Job noch Haushaltsund Familienarbeiten zu übernehmen. Zweitens müssen wir uns ganz grundsätzlich überlegen, was uns Arbeit wert ist.

Und das bedeutet?

Dass viele ausgelagerte Arbeiten unter prekären Bedingungen stattfinden und damit derart günstig sind, hat auch damit zu tun, dass die gesetzlich regulierten, sozial abgesicherten Alternativen knapp sind oder gar nicht bestehen: Es hat keine Kitaplätze, das Pflegeheim ist zu teuer, usw. Im Vergleich dazu ist eine migrantische Putzhilfe oder Pflegerin – sarkastisch gesagt – sagenhaft billig zu haben. Der Staat müsste hier mehr Angebote zur Verfügung stellen oder bestehende besser unterstützen.