Skip to main content
Verkäufer*innenporträt
«Es ist fast wie im Paradies»

Mihreteab Haileslassie verkauft Surprise im Berner Wittigkofen-Quartier und fühlt sich in der Nachbargemeinde Gümligen nach acht Jahren wie zuhause.

«Ich verkaufe seit gut drei Jahren Surprise. Davor hatte ich lange Zeit Mühe, eine Arbeit zu finden. Ich bin im Frühling 2014 in die Schweiz gekommen und habe hier Asyl beantragt, weil ich aus Eritrea geflüchtet bin, genauer gesagt: aus dem Militärdienst in Eritrea. Nach meiner Ankunft dauerte es einige Monate, bevor ich mit Deutschkursen beginnen konnte. Später absolvierte ich eine sechsmonatige Ausbildung im Bereich Reinigung. Trotzdem fand ich danach keine feste Arbeitsstelle, sondern nur Temporärund Praktikumseinsätze, mal in einer Wäscherei, mal in einem Altersheim. Weil ich aber unbedingt arbeiten wollte, habe ich schliesslich mit dem Verkaufen von Surprise angefangen. Auf die Idee brachte mich mein Bruder, der schon länger in der Schweiz lebt und auch eine Zeit lang Surprise verkauft hatte.

Meinen Verkaufsort beim Quartierzentrum Wittigkofen, am östlichen Stadtrand von Bern, habe ich selbst gefunden. Ich wohne ganz in der Nähe, in Gümligen, und habe gesehen, dass dort niemand Surprise verkauft. Also bin ich in die Migros gegangen und habe gefragt, ob es erlaubt ist, hier Hefte zu verkaufen. Als ich das Okay hatte, meldete ich mich im Surprise-Regionalbüro Bern und konnte schon bald mit dem Heftverkauf beginnen.

Im Wittigkofen-Quartier hat es viele Hochhäuser, wo Leute aus der ganzen Welt wohnen. Das heisst, es gibt ziemlich viele, die nicht so gut Deutsch sprechen und sich deshalb nicht für das Heft interessieren. Ich habe es aber trotzdem geschafft, mir langsam eine Stammkundschaft aufzubauen. Der Kontakt zu den Menschen im Quartier und hier und da ein kurzes Gespräch freuen mich sehr. Oft biete ich den Leuten, die vom Einkauf kommen, meine Hilfe beim Tragen der Taschen an. Die meisten lehnen dankend ab, doch einem Mann im Rollstuhl helfe ich regelmässig beim Einkaufen. Manchmal gehen wir danach noch Kaffee trinken.

Seit drei Monaten bleibt mir für Surprise kaum noch Zeit, denn ich habe – zum Glück – eine Stelle gefunden. Ich arbeite als Küchenhilfe im ‹Il Grissino›, einem bekannten italienischen Restaurant in Bern. Die Arbeit ist streng, aber es gefällt mir sehr dort, wir haben ein gutes Team und helfen einander, wo es geht. Neben der Arbeit lerne ich mit dem Chef in der Küche jetzt auch noch Italienisch. Das ist lustig, denn eigentlich sollte und wollte ich ja noch mein Deutsch verbessern!

Seit ich diese Arbeit habe, geht es mir viel besser. Ich konnte mich endlich bei der Sozialhilfe abmelden und somit auch den Antrag für den Nachzug meiner Frau stellen. Wir kennen uns aus Eritrea. Sie lebt mittlerweile in Äthiopien und wartet darauf, dass sie in die Schweiz reisen darf. Weil sie hoffentlich schon bald kommt, suche ich eine grössere Wohnung. Ich lebe jetzt in einer Einzimmerwohnung und möchte eine Zweioder Dreizimmerwohnung, am liebsten in Gümligen. Ich wohne seit bald acht Jahren hier und finde es super. Ich habe viele Kontakte in der Nachbarschaft, mit Leuten aus der Schweiz, aus Eritrea, aber auch aus anderen Ländern. Eine ältere, sehr nette Schweizer Frau hat mich schon öfter zum Kaffee eingeladen. Für mich ist klar, ich will einfach in Gümligen bleiben!

Aber nicht nur in Gümligen fühle ich mich wohl, die ganze Schweiz gefällt mir und hat viele gute Seiten, es ist fast wie im Paradies. Deshalb verstehe ich manchmal nicht, weshalb so viele Menschen im Tram oder auf der Strasse so böse oder traurig aussehen. Wenn man in einem solchen Land lebt, müssten die Menschen doch viel glücklicher sein!»