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Challenge League
Facetten der Einsamkeit

Nach anderthalb Jahren in der Schweiz, während denen ich den Sprachkurs besuchte, entschied ich, hier mein Studium fortzusetzen. Als ich noch Anglistik in Eritrea studierte, hatten wir oft von Leuten gehört, die zum Studium in den Westen durften. Wir waren neidisch auf sie.

Schnell fand ich heraus, dass es nicht leicht werden würde: Die Anerkennung ausländischer Diplome ist sehr anspruchsvoll. Besonders für jemanden wie mich aus einem sogenannt unterentwickelten Land. Nach zahlreichen Anträgen bekam ich einen Brief von der Rektorenkonferenz der Schweizer Hochschulen: Mein Diplom wurde anerkannt. Der nächste Schritt war nun, herauszufinden, was genau ich studieren könnte. Im Internet fand ich eine Berufsberatungsstelle in Bern. Nach mehreren Treffen informierte mich mein dortiger Berater, dass ich nicht direkt weiterstudieren könne, da die Anerkennung meines Diploms nur für den Arbeitsmarkt, nicht aber für die Universität gültig war.

Nach einigen Wochen der Unzufriedenheit beschloss ich, nach einem anderen Weg zu suchen. Dieses Mal kontaktierte ich die Unis direkt und landete schliesslich an der Uni Bern. Die Fakultät, an der ich studieren wollte, akzeptierte mein Diplom und meine Noten. Parallel dazu brauchte es zudem eine Bestätigung der Uni-Verwaltung. Beide, Uni und Fakultät, fragten nach einem Kontakt zu meiner Hochschule in Eritrea, wo ich den Bachelor gemacht hatte. Sie wollten überprüfen, ob mein Diplom echt ist. Aber die Hochschule in Asmara, an der ich studiert hatte, gab es nicht mehr, und meine ehemaligen Dozenten waren was-weiss-ich-wo-überall auf der Welt verteilt. Also suchte ich via Internet nach Lehrenden, die mich an der Uni unterrichtet hatten oder die die aktuelle Situation in Eritrea und meine Uni kannten. Ich hatte Glück und bekam genügend Referenzen zusammen.

Nach der Anmeldung an der Uni suchte ich im Internet mehr Informationen zu meinem künftigen Studium. Und ich beantwortete Anfragen europäischer Studentinnen und Studenten, die sich für Erasmus in der Schweiz bewerben wollten, wie: «Wie finde ich in Bern Freunde oder Orte, an denen sich internationale Leute treffen, damit ich weniger einsam bin?» Ich dachte an meine Kollegen in Eritrea, die auch gern im Ausland studieren würden. Sie hätten wenig Verständnis für solche Fragen. Sie selbst durften nicht einmal das Land verlassen.

Meine erste Vorlesung an der Berner Uni fand an einem Mittwoch statt, Beginn 8:15 Uhr. Ich war schon einige Minuten vorher da. Es war ein grosser Raum mit etwa 150 Studenten und Studentinnen. Vorne lag der Semesterablauf mit Literaturliste auf, den sich alle nahmen. Der Dozent hiess uns willkommen und gab uns kurz Zeit zum Lesen. Nach einigen Minuten breitete sich plötzlich Unruhe aus. Der Dozent fragte, was denn los sei. Jemand sagte etwas auf Berndeutsch, was ich nicht verstand. Der Dozent wiederholte die Frage auf Standarddeutsch: «Weshalb ist ein Grossteil der Lektüre auf Englisch, wenn diese Vorlesung doch auf Deutsch stattfindet?» Der Dozent entschuldigte sich und sagte: «Ich verstehe ja, dass es nicht einfach ist, Lektüre zu lesen, die nicht in der Muttersprache verfasst ist. Ich konnte zu diesen Themen aber leider keine Texte auf Deutsch finden.»

Wie würde es dann erst für mich werden, die weder Deutsch noch Englisch als Muttersprache hat? Ich wünschte mir eher mehr Texte auf Englisch. Und ich fühlte mich unverstanden. Ich hatte mich so sehr auf diesen Tag gefreut. Nun fühlte ich mich plötzlich einsam.

SEMHAR NEGASH, 4.1.2019