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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 13: Nenn mich nicht Baby

Was bisher geschah: Vera Brandstetter, Ermittlerin im Fall eines in der Agglomeration ermordeten Ingenieurs, findet heraus, dass dieser sich an illegalen Glücksspielen beteiligt und dabei viel Geld gewonnen hat. An diesem Abend steigt sie hinab in die Spielhölle.

Um halb neun Uhr abends parkte Vera Brandstetter ihren silber- nen Hyundai vor dem länglichen, dreistöckigen Gebäude im In- dustriegebiet neben einem Mercedes, dem Firmenauto eines Ma- lergeschäfts, zwei Kombis und einem billigen Offroader.

Im Parterre waren eine Metallschlosserei und das Lager eines Textilhändlers untergebracht. Der Salon war im ersten Stock. Obwohl es einen Lift gab, stieg Brandstetter die Treppe hinauf. Auf ihr Klingeln öffnete eine grell geschminkte, blonde Frau An- fang vierzig die Tür. Mürrisch schüttelte sie den Kopf. «Keine Party heute!» Damit waren wohl die Tage gemeint, an denen auch Frauen Zutritt hatten, die nicht fest im Salon arbeiteten, dachte Brandstetter und zückte ihren Ausweis. «Polizei, lassen Sie mich herein!»

Die Blonde wich zurück, Brandstetter betrat den halbdunklen Raum. Zuvorderst gab es eine Bar, an der drei Frauen mit langen, gefärbten Haaren sassen, zweimal platinblond, einmal schwarz. Sie trugen Miniröcke, absurd hochhackige Schuhe und Netz- strümpfe oder Lackstiefel, die bis übers Knie reichten, ausladende Tops oder Bikini-Oberteile. Sie schauten Brandstetter unruhig an. Männer waren keine zu sehen. Alles in dem Raum wirkte bil- lig und abgestanden. Die ganze Einrichtung sah selbstgemacht aus, wie die Kellerbar eines nicht allzu geschickten Heimwerkers mit Hang zu Spontankäufen und Sonderaktionen. Die Karibik- strand-Wandtapete war an den Kanten um etwa zwei Zentimeter verschoben. In der Ecke stand eine Polstergruppe aus abwasch- barem Kunstleder, auf einem Monitor darüber lief stumm ein Pornofilm, in dem Schwerarbeit geleistet wurde. In der anderen Ecke stand ein kleiner Whirlpool, in dem kein Wasser war, dane- ben hing ein Vorhang mit Leopardenmuster, dort ging es zu den Zimmern.

Die Frau, die Brandstetter hereingelassen hatte, verschwand durch eine Tür neben der Bar, auf der ein «Zutritt Verboten»-Schild aus dem Baumarkt prangte, und kam mit einem knapp fünfzig- jährigen Mann wieder zurück. Er war gross, füllig, der Schädel

rasiert, grauer Oberlippen- und Kinnbart. Er trug Jeans, Boots und über dem weissen T-Shirt die Kutte eines Motorradclubs, um den es in den letzten Jahren eher still geworden war. Was dessen Verteidiger so auslegten, dass die Mitglieder nicht in kriminelle Machenschaften verwickelt waren, und die Kritiker so, dass die Mitglieder ihre kriminellen Machenschaften so strukturiert hat- ten, dass sie nicht mit ihnen in Zusammenhang gebracht werden konnten. Nach einem hochlukrativen Zweig der Unterwelt sah der Salon nicht gerade aus, dachte Brandstetter.

«Was willst du, Baby?» Der Mann war knapp 1,90 Meter gross und hatte tätowierte Arme. Auch wenn sich über die Muskeln eine Fettschicht gelegt hatte, sah er immer noch aus wie jemand, dem man besser nicht das Bier über die Hosen schüttete.

«Nenn mich nicht Baby. Mein Name ist Brandstetter, Krimi- nalpolizei.» Sie zeigte ihren Ausweis. Der Rocker hängte die Dau- men in die Schlaufen seiner Jeans ein, die massive Gürtelschnalle stellte das Logo seines Clubs dar. «Ich bin Jackie. Taufname Jacques Demuth, meinen Ausweis hab ich hinten im Büro, dort sind auch die Papiere der Frauen. Bei mir hat alles seine Ordnung, Baby.»

«In dem Fall gehen wir in dein Büro. Und nenn mich nicht Baby, Jackie.»

Er seufzte und drehte sich auf dem Absatz seiner halbhohen Sancho-Stiefel um. Brandstetter betrachtete die Kutte, den Na- men seines Chapters: River Valley. Klang besser als Bächlital. Sie folgte ihm in den Flur. Das helle Licht blendete sie einen Moment, der Salon war nur schwach beleuchtet gewesen. «Moment», sagte Jackie und verschwand in einem mit «Büro» bezeichneten Raum. Am Ende des Flurs war eine weitere Tür, an der nicht besonders gerade das Schild «Privat» klebte. Jackie hatte offenbar in ein ganzes Set dieser metallenen Aufklebschilder investiert. Anstelle einer Klinke gab es hier einen Knauf, daneben eine Zahlentasta- tur. Brandstetter hörte ein Handy dudeln und trat näher. Das war vermutlich Jackie, der die Leute im Hinterzimmer warnte. Sie hörte Stühlerücken, Türenschlagen. Kurz darauf kam Jackie mit einem Stapel Papiere aus seinem Büro.

«Mich interessiert, was da drin ist. Deine Pokerrunde», sagte Brandstetter.

«Ich weiss nicht, wovon du sprichst, Baby.» «Mach die Tür auf. Und nenn mich nicht Baby.»