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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 14: Das Hinterzimmer

Was bisher geschah: Die Ermittlungen im Fall eines ermordeten Joggers führen die Kriminalpolizistin Vera Brandstetter ins In- dustriegebiet einer Agglomerationsgemeinde. Neben Spengle- reien zählen hier auch Prostitution und Glücksspiel zum lokalen Gewerbe.

«Hast du einen Durchsuchungsbefehl, Baby?», fragte Jackie, der Chef des Happy Valley Salons. Brandstetter reichte ihm das Dokument. Er zog eine rote Lesebrille aus seiner Weste und studierte es.

«Der gilt nur für den Salon.» Er deutete auf die Tür des Hinterzimmers. «Dieser Bereich ist privat, Baby.»

«Zum letzten Mal: Nenn mich nicht Baby. Und mach die Tür auf.»

«Vergiss es, Baby.»

Brandstetter wandte sich ab, zog die Dienstwaffe aus dem Schulterholster und packte sie am Lauf. Jackie stand genau hinter ihr. Sie drehte sich blitzschnell um und schlug ihm den Pistolengriff ins Gesicht. Ein hässliches Knacken, der grosse Rocker schrie auf und griff sich entsetzt an die Nase, aus der das Blut schoss. Brandstetter trat ihm zwischen die Beine, er sackte auf die Knie. Sie holte mit dem Pistolengriff aus.

«Ich habe dir gesagt, du sollst mich nicht Baby nennen! Du musst lernen, den Frauen zuzuhören, Alter!», schnaubte sie. «Mach endlich die Tür auf, sonst wende ich Gewalt an.»

«Bift du total befeuert?», heulte Jackie auf.

Brandstetter zog ein Paket Taschentücher aus der Jacke, warf es ihm zu. Er hielt sich eines unter die Nase, um das Blut zu stoppen. Fluchend stand er auf, gab den Code ein, und die Tür sprang auf. Brandstetter drängte sich an ihm vorbei. In der Mitte des Raumes stand ein grosser runder Tisch, darauf verstreut Plastik-Chips, Spielkarten und halbvolle Getränke. Die Stühle waren umgekippt, die Spieler ausgeflogen. Eine Tür, über der vorschriftsgemäss der grüne Notausgang-Kleber angebracht war, stand offen.

Brandstetter drehte sich zu Jackie um. Das Taschentuch, dass er sich unter die Nase hielt, war blutgetränkt. Trotzdem versuchte er zu grinsen und mit den Schultern zu zucken.

«Das ist der Aufenthaltsraum für die Angestellten.»

«Und die mussten ihren Jass unterbrechen oder wie?» Brandstetter trat durch den Notausgang in ein graues, enges Betontreppenhaus. «Alles in Ordnung?», rief sie hinunter.

«Ja, sie sind uns alle ins Netz gegangen. Super Planung, Frau Brandstetter», antwortete Fischer von unten.

Sie hatte die Dorfpolizisten am Hinterausgang des Gebäudes postiert, weil sie damit gerechnet hatte, dass die Spieler verduften würden.

«Bring sie hoch!» Schritte und Stimmen schallten durchs Treppenhaus.

«Kann ich mich mal waschen?», fragte Jackie.

«Von mir aus. Warte in deinem Büro auf mich. Wir beide sind noch nicht fertig miteinander. Aufenthaltsraum, du lernst es wohl nie, was?»

Der Rocker grunzte und verliess das Hinterzimmer.

Fischer und sein Kollege brachten die Zocker herein. Brandstetter wies sie an, ihre Plätze am Tisch wieder einzunehmen.

Die Dorfpolizisten stellten sich neben den Notausgang. Brandstetter musste lächeln. «Danke für euren Einsatz, von hier an komm ich alleine zurecht. Ihr könnt nach Hause gehen.» Sie gab Fischer, der enttäuscht dreinschaute, die Hand. Sein Kollege hingegen nickte zufrieden und unterdrückte ein Gähnen. Normalerweise machten die Beamten um halb sechs Uhr Feierabend.

«Nun zu Ihnen, meine Herren.» Brandstetter schaute in die Runde. Ein dünner Mann von etwa fünfzig Jahren, dessen Motto wahrscheinlich Sex, Drogen und Rock’n’Roll war. Er hatte lange dünne Haare und trug eines dieser ausgewaschenen Heavy-Metal- Shirts, für die modebewusste Menschen, die von dieser Musik keine Ahnung hatten, Höchstpreise bezahlten. Neben ihm ein dicker Mann Mitte dreissig mit Brille und einem schütteren Bärtchen, der aussah und dreinschaute wie ein überdimensionierter Fünftklässler, der beim Naschen erwischt worden war. Ein braungebrannter Vierzigjähriger in einem roten Lacoste-T-Shirt, obwohl Winter war, und schliesslich ein kleiner, quadratischer Typ mit Halbglatze, dem die Brusthaare aus dem halboffenen Kaufhaushemd quollen. Brandstetter fragte sich, ob das Auto des Malergeschäftes zu ihm gehörte. Sie stützte sich auf die Tischplatte.

«Euer Mitspieler ist gestern umgebracht worden.» Die Männer schauten sie stumm an.