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Illustration: Sarah Weisshaupt

Surprise-Krimi
Folge 15: Der Buchhalter

Was bisher geschah: Im Hinterzimmer eines Bordells trifft Vera Brandstetter, die die Ermittlungen im Fall eines ermordeten, biederen Ingenieurs leitet, auf eine Pokerrunde. Das Opfer hatte jeden Donnerstag an ihr teilgenommen und viel Geld gewonnen.

«Der Buchhalter? Umgebracht?» Der dicke Junge fand als Erster die Sprache wieder.

«Wir haben uns schon gefragt, warum er heute nicht da ist.» Das war der Rock’n’Roller.

«Er kommt sonst jeden Donnerstag», sagte das Lacoste-Shirt.

«Wir haben bei ihm über 20 000 Franken gefunden, die er hier gewonnen hat. Ihr braucht mir also nicht vorzumachen, dass ihr ihn vermisst», versuchte es Brandstetter.

«Verdammt gut war er, das stimmt schon», gab der Maler zu.

«Er hat sehr systematisch gespielt, analytisch. Darum nannten wir ihn den Buchhalter», erklärte der mit dem Lacoste-Shirt. «Wem hat er am meisten abgenommen?», fragte Brandstetter. «Er hat nicht spektakulär gewonnen, sondern stetig, immer ein bisschen. Das hier ist eine Cash-Runde, kein Turnier. Wir sind alles geübte Spieler. Grosse Pots sind eher die Ausnahme.» «Ausser, wenn ein Gast oder ein Anfänger dabei ist. Die wollen zeigen, dass sie Eier haben, und bluffen sich ins Elend», grinste der Maler.

«Der Buchhalter war eiskalt, fast wie ein Computer. Sie haben schon recht, ich vermisse ihn nicht. Also rein als Mitspieler.» Der dicke Bub hob die Hände.

«Und als Mensch?», fragte Brandstetter.

«Ich bin mir nicht sicher, ob er einer war.» Mister Rock’n’Roll musste über seinen Witz lachen. «Es war mir nie ganz klar, warum er überhaupt herkam. Er war für mich eigentlich der typische Online-Spieler.»

«Wahrscheinlich genoss er es einfach, dem Gegner direkt ins Auge zu schauen und seine Überlegenheit zu spüren. Er war schon irgendwie arrogant», sagte der dicke Bub.

«Seien wir ehrlich, er war kein angenehmer Typ, hat nie etwas getrunken oder ist mal noch länger geblieben. Punkt halb zwölf ist er ausgestiegen und heimgegangen.» Die Stimme des Lacoste-Shirts klang verächtlich.

«Er war ein Arschloch, aber deswegen wird man nicht umgebracht. Sonst wäre die Erde wüst und leer.» Wieder lachte der Rock’n’Roller, der sich wohl für einen grossen Zyniker hielt.

Brandstetter fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Die heisse Spur, die sie hierher geführt hatte, war erkaltet. Diese Männer waren keine gefährlichen Unterweltstypen, sondern Durchschnittsbürger mit einem etwas anrüchigen Hobby, Freizeit-Outlaws, wie so viele.

«Was habt ihr hier für einen Deal mit Jackie?», fragte sie.

«Wir zahlen einen Monatsbeitrag und er verkauft uns die Chips mit Aufpreis.»

«Und wir bekommen Rabatt fürs F ...», begann der Dicke. «Halt’s Maul», unterbrach ihn das Lacoste T-Shirt.
«Ich werde Sie alle auf den Posten bitten müssen, um Ihre Aussagen aufzunehmen.»

Ein Stöhnen ging durch die Runde.
«Aber nicht am Morgen früh, ich stehe erst um halb elf auf», meckerte der Rock’n’Roller.

«Extra in die Stadt fahren ... können wir das nicht hier machen?», maulte der Bub.

«Die Teilnahme an solchen Runden ist nicht verboten», dozierte Lacoste. «Nur die Organisation ist strafbar. Halten Sie sich an Jackie.»

«Ich arbeite auf einer Bank, es wäre mir lieber, die würden das nicht erfahren», murrte der Maler, der also Banker war.

Brandstetter wollte sie nicht wirklich vorladen, sie hatte nur die Reaktion der Männer sehen wollen. Ausser dem Banker hatte keiner Angst davor, dass seine Teilnahme an einer illegalen Pokerrunde bekannt würde – und selbst der Bankangestellte schien nicht allzu besorgt. Sie war fast hundertprozentig sicher, dass der Mörder nicht in diesem Raum sass.

«Warum haben Sie versucht zu fliehen, wenn hier alles seine Ordnung hat?»

«Jackie hat angerufen und gesagt, wir sollen sofort verschwinden.»

Nachdem sie die Personalien aller Anwesenden aufgenommen hatte, drohte sie noch einmal mit dem Posten und liess die Männer dann laufen.

«Können wir unsere Chips noch einlösen?», fragte der Banker.

«Heute nicht mehr. Verschwinden Sie und suchen Sie sich ein anderes Hobby. Hier wird nicht mehr gezockt. Verstanden?» Die Männer zogen ihre Jacken an und verliessen das Zimmer durch den Notausgang.

Plötzlich fiel Brandstetter etwas ein. Sie öffnete die Tür zum Salon und grinste. Sie hatte sich richtig erinnert.