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Illustration: Sarah Weisshaupt

Surprise-Krimi
Folge 16: Eine Frage der Ehre

Was bisher geschah: Auf der Suche nach dem Mörder eines Ingenieurs, der in der Agglomeration beim Joggen umgebracht wurde, stösst Vera Brandstetter auf eine illegale Spielrunde. Deren Mitglieder stellen sich aber als harmlos heraus. Dafür bemerkt die Kommissarin etwas, was ihr weiterhelfen könnte.

Brandstetter hatte sich richtig erinnert: Über der Tür hing eine weisse, kugelförmige Kamera. Sie nahm einen Stuhl aus dem Hinterzimmer, stieg hinauf, entnahm der Kamera die Speicherkarte und steckte sie ein.

An der Bar sassen nur noch zwei Frauen. Offenbar hatte sich ein Freier in den Salon verirrt. Brandstetter klopfte an die Tür des Büros und trat ein, ohne eine Antwort abzuwarten. Jackie sass auf seinem Chefsessel hinter dem Schreibtisch. Die Füsse lagen auf der Tischplatte, den Kopf hielt er im Nacken, in der rechten Hand hatte er eine Flasche Jack Daniels, aus der er einen tiefen Schluck nahm.

«Das wäre nicht nötig gewesen, B ... .» Er unterbrach sich, als sie in die Jacke griff und ihr Holster sehen liess. Somit blieb offen, ob er «Baby» oder «Bitch» hatte sagen wollen.

Sie setzte sich auf die Schreibtischkante. «Eine schöne Runde hast du da aufgezogen. Bringt wahrscheinlich ziemlich was ein.» «Zeitweise mehr als die Nutten!», näselte Jackie. «Die Männer sind übersättigt. Hocken lieber zu Hause und schauen Pornos. Da können sie sich alles bis aufs kleinste Detail aussuchen, die Frau, was sie machen soll, alles haargenau nach Vorliebe, nichts ist zu abartig oder ausgefallen. Dazu kostenlos und keimfrei, wie sollen wir da mithalten? Von der Konkurrenz durch die schicken Grossbordelle will ich gar nicht erst reden.»

Seine Empörung war echt. Fast hätte er Brandstetter leidgetan. Das gemütliche kleine Dorfbordell, das wie die Beiz, das Lädeli und der Metzger keine Chance mehr hatte gegen die Konkurrenz der Grossen. Weil sie aber wusste, wie die Frauen rekrutiert, behandelt und bezahlt wurden, kam bei der Kommissarin kein Mitleid auf. «In dem Fall kannst du froh sein, wenn wir den Laden dichtmachen. Es sei denn, du erzählst mir etwas über Reto Schwander.»

«Ich weiss nichts.»
Brandstetter schüttelte enttäuscht den Kopf.

«Ich weiss wirklich nichts über ihn. Er kam nur am Donnerstag her und hat immer nur gespielt.»

«An welchen Tagen wird hier gezockt?»

«Dienstag bis Samstag. Montag haben wir geschlossen. Anfang Woche läuft wenig, es gibt Leute, die jeden Tag arbeiten gehen müssen, verstehst du?»

«Nicht so wie du, meinst du.»
«Leck mich am Arsch.»
«Du solltest an deinen Manieren feilen, Jackie.» Sie legte ihre Visitenkarte auf den Schreibtisch. «Ruf mich an, wenn dir etwas einfällt, Baby.»

Ihr Hyundai war das einzige Auto auf dem Parkplatz, alle anderen waren verschwunden. Also war doch kein Freier mehr gekommen. Oder ein Fussgänger. Brandstetter setzte sich in ihr Auto, fuhr aber nicht gleich los. Sie würde die Pokerrunde in ihrem Rapport nicht erwähnen. Das brächte nur Arbeit, für sie selber, für die Gerichte, und für was? Jackie bekäme eine Geldstrafe oder ein paar Monate bedingt, wenn überhaupt. Der Salon würde nicht geschlossen, das war ihr klar. Der Laden lief wahrscheinlich über einen Strohmann, der glaubhaft machen könnte, von allem nichts gewusst zu haben.

Ausserdem war sie Jackie etwas schuldig. So wenig Sympathien sie für ihn hegte, so wusste sie doch, dass ihm seine Rockerehre verbot, sie wegen der gebrochenen Nase anzuzeigen. Rocker waren Old School, die redeten nicht mit der Polizei. Als Zeugen nicht, als Opfer nicht, und als Täter schon gar nicht. Hätte er Anzeige erstattet, wäre sie ihren Job sofort losgewesen. Ihre Vorgesetzte, die Regierungsrätin, hätte hart durchgegriffen, um zu beweisen, dass sie auch von Frauen keine Gewalt tolerierte.

Nein, Jackie würde sich nicht beschweren. Nicht wie die jungen Leute, die im Ausgang Polizisten gegenüber einen auf ganz dicke Hose machten, schimpften, spuckten oder Flaschen warfen, und dann, wenn sie unsanft angepackt wurden, zum Anwalt oder zur Presse rannten und etwas von Polizeistaat und Menschenrechten heulten, die kleinen Scheisser. Später wurden sie zu den Leuten, die, wenn ihnen etwas zustiess und die Polizei nicht innert Minuten auf der Matte stand, ihre Steuern zurückverlangten.

Das Klingeln des Handys riss Brandstetter aus ihren Gedanken.