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Illustration: Sarah Weisshaupt

Surprise-Krimi
Folge 18: Das Forum

Was bisher geschah: Nach den bisher im Sand verlaufenen Ermittlungen im Mordfall Schwander geniesst es Vera Brandstetter, bei ihrem Freund Thorsten in der Stadt zu übernachten. Der ist zwar äusserlich kein Traummann, aber genau auf ihrer Wellenlänge.

Am Freitagmorgen erwachte Brandstetter in Thorstens Wohnung und hatte Hunger. Er bereitete ihr ein ausgiebiges Frühstück zu. Wohlgenährt ging sie zu Fuss ins Büro, um Papierkram zu erledigen. Während sie durch ihre geliebte Stadt ging, dachte sie über die Pokerrunde nach: Wie war Schwander da reingekommen?

Illegale Spielclubs, wie Jackie einen betrieb, waren auf Diskretion angewiesen. Sie inserierten nicht, sie hatten keine Webseite. Wie in anderen exklusiven Klubs musste man von jemandem eingeführt werden, der für einen bürgte. Damit sollte verhindert werden, dass sich Falschspieler, Journalisten oder Polizisten einschlichen. Das Hinterzimmer eines schmuddeligen Salons passte nicht zum sauberen Herrn Schwander. Sie glaubte nicht, dass er im Salon verkehrt hatte oder ein Milieugänger war. Sie prüfte noch einmal, ob seine Frau etwas mit Prostitution oder organisierter Kriminalität zu tun hatte. Fehlanzeige. Olena war zwei Monate vor der Hochzeit zum ersten Mal in die Schweiz eingereist. Auch im Schengenraum hatte sie sich zuvor nicht länger aufgehalten. Selbst dass sie einen Masterabschluss in Germanistik hatte, entsprach der Wahrheit.

Brandstetter steckte die Speicherkarte, die sie im Happy Valley mitgenommen hatte, in den Computer und machte sich an die Arbeit.

Kurz nach vierzehn Uhr klingelte sie beim Salon. Sie fragte sich, wer hier um diese Zeit in den Puff ging. Niemand, so wie es aussah.

«Ist der Chef da?»

Die gleiche Frau wie am Vorabend hatte die Tür geöffnet und liess Brandstetter wortlos herein. An der Bar sassen dieselben drei Frauen, als wären sie nie weg gewesen.

Brandstetter ging nach hinten, klopfte an die Tür des Büros und trat ein. Jackie, der konzentriert auf den Bildschirm geschaut hatte, zuckte zusammen. Sein Gesicht war von einer Maske bedeckt, die das Nasenbein schiente. Brandstetter musste lachen. «Steht dir gut das Teil, sieht echt besser aus als vorher, du solltest mir dankbar sein, es war längst Zeit für eine Schönheitsoperation.»

Jackie wurde ordinär. Sie setzte sich ihm gegenüber in den beigen Besucherstuhl, der aussah, als sei er aus dem Sitzungszimmer eines zweitklassigen Hotels gestohlen worden.

«Wie ist Schwander zu der Runde gestossen?», fragte sie.

«Lass mich in Ruhe.»

«Hör zu, es ist klar, dass man hier nicht einfach reinlaufen und fragen kann, ob man mitspielen darf. Es braucht eine Empfehlung, einen Kontakt.»

Jackie grunzte. Brandstetter zog ihr Handy hervor, wischte darauf herum und hielt es ihm vor die lädierte Nase. Sie zeigte ihm die Aufnahme. Die Bildqualität war mässig, sie hatte ein wenig nachbearbeitet, sodass ihr Gesicht nicht richtig zu erkennen war. Deutlich erkennbar war der grosse Rocker in seiner Kutte, der von einer Frau niedergeschlagen wurde.

«Woher hast du das?» Seine Faust krachte auf die Tischplatte.

Sie legte die Speicherkarte vor sich auf den Schreibtisch. «Die stammt aus der Kamera, die draussen über der Tür hängt. Ich bin sicher, der Clip wird ein Hit auf YouTube. Du wirst ein Star, Jackie, freu dich. Was gibt es Schöneres, als die Menschen zum Lachen zu bringen? Schade nur, dass du dafür aus dem Club iegst. Entehrung der Kutte und so.»

Wütend griff Jackie nach der Speicherkarte, Brandstetter war schneller und zog sie weg.

«Wie ist Schwander in diese Runde gekommen?»

«Über das Forum», presste Jackie hervor.

«Welches Forum?»

«Das Forum der wehrhaften Eidgenossen.»

«Was zum Teufel soll das sein?»

«Ein Internetforum von besorgten Bürgern, die nicht einverstanden sind mit dem, was in unserem Land geschieht.»

«Bist du etwa auch auf dem Forum? Ich denke, du bist ein Outlaw?»

«Ich bin Patriot, es hat mir zu viele Ausländer in der Schweiz. Reicht das?»

Brandstetter grinste. «Was ist mit den Frauen da draussen? Alles waschechte Schweizerinnen oder was?»

Jackie winkte ab. «Das ist etwas anderes.»

«Natürlich, was sonst? Aber egal, erzähl mir alles über Schwander und dieses Forum.»