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Surprise-Krimi
Folge 19: Der Kontaktmann

Was bisher geschah: Vera Brandstetter kehrt in den Salon zurück, in dem das Mordopfer gepokert hatte und setzt den Betreiber, dessen Nase sie bei der letzten Begegnung ramponiert hatte, mit einer Videoaufnahme unter Druck.

Jackie, der Boss des Happy Valley Salons, blickte finster hinter der Maske hervor, die den Nasenbruch schiente, den ihm Brandstetter zugefügt hatte. «Dieser Schwander war im Forum sehr aktiv, hat fast jeden Tag etwas gepostet», erklärte er widerwillig. Dort hat er den Toni kennengelernt, einen aus der Pokerrunde. Mit der Zeit haben sie sich nicht nur über Politik ausgetauscht, sondern auch über Persönliches. Sie stellten fest, dass sie in derselben Region wohnten und Schwander hat seine Leidenschaft fürs Pokern erwähnt. Die beiden haben sich getroffen, und Toni fand, dass der Reto in Ordnung sei. So kam er in die Runde.»

«Wann war das?»

«Vor einem Jahr, schätze ich.»

«Wie heisst er richtig, dieser Toni?»

«Antonio Delbosco, er wohnt in Werterswil drüben. Die genaue Adresse habe ich nicht.»

«Klingt solid eidgenössisch, ein Tessiner, nehme ich an.»

«Die Karte», sagte Jackie ungeduldig.

Brandstetter schob ihm die Speicherkarte hinüber, er liess sie sofort in der Westentasche seiner Kutte verschwinden. Sie hielt ihm das Handy hin, damit er sehen konnte, wie sie das Video löschte.

«Wer garantiert mir, dass es keine weiteren Kopien gibt?»

«Ich natürlich! Vertrau mir, würde ich je etwas tun, das dir schaden könnte, Baby?», grinste Brandstetter und ging.

Den Namen Delbosco fand sie zusammen mit einer Handynummer bei den Personalien, die sie im Hinterzimmer des Salons aufgenommen hatte. Sie erkannte die Stimme des Bankangestellten, den sie für einen Maler gehalten hatte. Sie hatte den Typen im Lacoste­T­Shirt erwartet. Oder den dicken Buben. Die Überlegenheit der weissen Rasse wurde oft von Leuten postuliert, deren Erscheinung die These nicht unbedingt stützte.

«Was wollen Sie von mir, ich kannte den Buchhalter nicht», wehrte Delbosco ab, als sie ihn nach seinem Verhältnis zu Schwander fragte.

«Sie waren über das Forum der wehrhaften Eidgenossen intensiv miteinander in Kontakt. Das ging so weit, dass sie sich persönlich kennengelernt haben. Sie waren es, der ihn bei Jackies Poker­Runde eingeführt hat.»

«Woher wissen Sie das alles?»

«Das spielt keine Rolle. Ich muss mich mit Ihnen unterhalten.»

«Ich bin bei der Arbeit.»

«Wo arbeiten Sie, ich komme vorbei.»

«Sind Sie wahnsinnig? Ein Bankangestellter, der am Arbeitsplatz Besuch von der Kriminalpolizei bekommt und nicht sagen kann, worum es dabei geht? Gute Nacht! Da wird nicht lange gefackelt, ich könnte meinen Job verlieren. Hören Sie, ich versuche, um sechs Uhr hier wegzukommen. Wir können uns irgendwo im Freien treffen.»

«Warum nicht bei Ihnen zu Hause?»

«Das möchte ich nicht.»

«Warum nicht? Wegen Ihrer Familie?»

«Nein, ich bin geschieden und lebe allein. Ich komme zu wenig zum Aufräumen. Sie würden einen falschen Eindruck von mir bekommen.»

Brandstetter zögerte. Hatte er etwas zu verbergen? Oder schämte er sich wirklich? Als sie Single war, hatte sie einige trostlose und verdreckte Wohnungen gesehen. Offenbar wurden den Männern bei der Scheidung die Möbel zugesprochen, die nicht einmal das Brockenhaus wollte. Sie verabredeten sich auf dem Parkplatz beim Schnabelweiher.

Beim Bahnhof Heitersberg liess Brandstetter ihr Auto stehen und fuhr mit der S­Bahn in die Stadt. Auf dem Posten bat sie die Computerspezialisten, Schwanders Aktivitäten im Netz anzuschauen und ihr einen Zugang zu diesem Forum einzurichten. Sie bekam wenig später Nickname und Passwort eines Kollegen, der das Forum sporadisch überwachte. Die Mitglieder wurden als radikal eingestuft. Aber obwohl viel von Waffen, Bürgerkrieg und Vernichtung aller Feinde die Rede war, schätzte die zuständige Abteilung die Wahrscheinlichkeit, dass die Mitglieder Straftaten begehen würden, als gering ein. Das Anti­Rassismus­Gesetz galt nicht auf Foren, die nicht öffentlich waren. Es war eine Illusion anzunehmen, dass Meinungen, die nicht geäussert werden dürfen, dadurch verschwinden, dachte Brandstetter.

 STEPHAN PÖRTNER 07.09.2018