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Surprise-Krimi
Folge 20: Die Profihasser

Was bisher geschah: Die Spur im Fall des ermordeten Reto Schwander führt Vera Brandstetter vom Hinterzimmer eines Bordells in die finsteren Ecken des Internets.

Brandstetter kannte die Auseinandersetzungen, die auf Facebook losbrachen, wenn es um Themen wie Flüchtlinge, Islam oder Israel ging. Da brodelte es jeweils gewaltig, brachen Unzufriedenheit, Bitterkeit und Hass hervor, obwohl die Leute sich sonst doch solche Mühe gaben, ihr Leben als aufregend, erfüllt und unbeschwert zu präsentieren. Während auf Facebook die Amateure hassten, waren im «Forum der wehrhaften Eidgenossen» die Pro s am Werk. Sie fühlten sich fast allen anderen Menschen überlegen, anderen Nationalitäten und Rassen sowieso, aber auch der Masse der Schweizer, dem sogenannten Mainstream. Gleichzeitig waren sie überzeugt, ständig hintergangen, betrogen und bedroht zu werden. Sie hatten kein Mitleid, hielten sich aber selber für Opfer. Sie pochten auf Eigenverantwortung und konnten selbst nie etwas dafür.

Die meisten Beiträge waren in einer Sprache abgefasst, die auf mittlere oder höhere Bildung schliessen liess. Die Teilnehmer zitierten aktuelle Thesen und Bücher, schrieben Dinge wie: «Ich als Anwalt, als Uni-Professor, als Lehrer ... sehe bei meiner täglichen Arbeit ... dürfte das öffentlich ja nie sagen.» Es herrschte eine seltsame Mischung aus Morgenluftwittern, Heraufbeschwören einer bevorstehenden Umwälzung, bei der sie obenaufschwingen würden, und apokalyptischen Visionen, in denen die Untermenschen mithilfe der linksgrünen Weltverschwörung alles in den Abgrund reissen würden. Vereinzelt waren auch Frauen dabei, die über schlechte Erfahrungen mit Ausländern berichteten. Sie fühlten sich von Feministinnen und der politischen Korrektheit diskriminiert und pochten auf die traditionelle Mutterrolle, die sie unter Beschuss sahen.

Frauen waren aber auch das Ziel der heftigsten Attacken. Eine These im Forum lautete, dass Politikerinnen links der SVP allesamt so hässlich waren, dass sie keinen Mann abbekamen. Darum waren sie frustrierte Emanzen geworden und wollten junge Asylanten ins Land holen, um mit ihnen ins Bett zu gehen. Wenn junge Frauen kämen, wären sie nämlich total dagegen.

Trotz der allseits konstatierten Liebe zur Natur, zum Echten und Währschaften, fanden gerade jene Frauen am meisten Anklang, die sich der Segnungen der kosmetischen Industrie und der plastischen Chirurgie bedienten, wie etwa Melania Trump. Dass ihre Gesichter keine Gefühlsregungen mehr ausdrücken konnten, wurde wohl als angenehmer Nebeneffekt empfunden, dachte Brandstetter. Es herrschte Einigkeit darüber, dass schöne, gut – will heissen: sexy – gekleidete Frauen politisch rechts standen, unansehnliche, in Fetzen herumlaufende hingegen links. Ein Problem war allerdings, dass die schönen Schweizerinnen arrogant und unnahbar waren. Die Forumsteilnehmer beklagten sich bitter, keine Chance zu haben, sich gar nicht zu trauen, solche Frauen anzusprechen. Taten sie es doch, ngen sie offenbar einen Korb ein, und das machte sie wütend. Andere akzeptierten es zähneknirschend, denn nach ihrem Verständnis bekam der Mann mit dem meisten Geld die schönste Frau. Darum waren viele mit Ausländerinnen zusammen. Im Vergleich mit den Durchschnittsmännern in Osteuropa oder Südostasien waren sie wohlhabend und konnten den Frauen ein angenehmes Leben bieten.

Die einzige Frau, die nicht nach ihrem Äusseren beurteilt wurde, war die Tochter des Chefideologen, die selbstbewusst, willensstark, machthungrig und rücksichtslos war und sich nicht mit der Mutterrolle begnügte. Weil von höherer Geburt, durfte sie das.

Der Respekt, den die Patrioten vor den Frauen als Mütter und Ehepartnerinnen zu haben vorgaben, hielt sie nicht davon ab, explizite Vergewaltigungsfantasien zu hegen und diese detailliert zu beschreiben.

Brandstetter kannte das. Hatte ähnliches gehört, wenn sie sich mit Männern anlegte und ihnen beibrachte, dass ihr Wort nicht Gesetz war, nicht einmal in den eigenen vier Wänden. Manche waren dumm genug gewesen, ihr schriftlich zu drohen, und waren vor Gericht gelandet. Dort wurden sie ganz klein und weinerlich, wollten alles nicht so gemeint haben, versuchten das Ganze als Spass oder einmaligen Ausrutscher abzutun. Wahre Helden eben.